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Tour durch Deutschland

Tourblog aus Bremen

Bremen, 31. August 2009

„Ich bin nicht hier, um mich beliebt zu machen“

Atomfässer

Die Vertreter von Schwarz-Gelb haben es nicht leicht. Auf dem Bremer Marktplatz hat Campact zur Diskussion geladen, vor Ort sind all die Atomkraftgegner, die zuvor erfolglos nach einem Endlager gesucht haben. Nun sollen die beiden Herren von CDU und FDP ihre Position verteidigen – und die sieht vor, dass die Atomkraftwerke länger laufen.

Immer wieder werden sie ausgebuht, kommen erboste Kommentare aus dem Publikum. Nur am Ende erhalten sie ein einziges Mal Applaus – dafür, dass sie gekommen sind. Moderator Christoph Bautz von Campact bemüht sich, eine neutrale Rolle einzunehmen. Doch allen ist klar: Campact ist hier, um für den Atomausstieg die Werbetrommel zu rühren.

Atomfässer

Claas Rohmeyer (CDU) sieht die Situation ganz nüchtern. „Ich bin ja nicht hier, um mich beliebt zu machen“, sagt er. Und auch sein Kollege von der FDP, Torsten Staffeldt, nimmt den Gegenwind aus dem Publikum gelassen. Immer wieder lacht er. Und beim Schlagabtausch zwischen ihm und der Grünen Marieluise Beck läuft er schon fast zu Hochtouren auf.

An der Endlagersuche in Bremen hat sich Staffeldt nicht beteiligt, schließlich braucht man in seinen Augen vielleicht gar nicht so lange suchen: „Gorleben hat den Vorteil, dass es am besten erforscht ist“, erklärt der FDP-Politiker. Und als Moderator Bautz auf die Schwachstellen des Salzstocks hinweist, fragt er zurück: „Haben Sie einen anderen Vorschlag?“

Grüne und SPD haben den: Atomkraftwerke müssen abgeschaltet werden. Sozialdemokrat Carsten Sieling sagt: „Der Atomausstiegsplan muss fortgesetzt werden. Da darf es kein Zurück geben“. Und Marieluise Beck von den Grünen erklärt den Atomausstieg zur Bedingung einer möglichen Regierungsbeteiligung. Beschleunigen will sie ihn aber nicht: „Der Ausstieg war unglaublich schwer hinzukriegen“, sagte sie und verweist auf den Druck der Atomlobby während der Verhandlungen zwischen rot-grüner Bundesregierung und Atomwirtschaft.

Atomfässer

Klaus Rainer Rupp von der Linkspartei ist da etwas radikaler: Für ihn ist der Atomkonsens bloß ein Kompromiss, den man nicht zum Wahlprogramm erheben solle. Seine Partei fordert einen schnelleren Ausstieg. „Wir haben eine Technik, deren Betrieb ein Verbrechen an der Menschheit ist“, sagt Rupp und versichert, seine Parteifreunde würden „ernsthaft dafür streiten“, dass die Reaktoren vom Netz gehen.

Unrealistisch sei es, dass die regenerativen Energien so schnell ausgebaut werden und den fehlenden Atomstrom kompensieren können, findet CDU-Politiker Rohmeyer. „Wir sind ja auf dem Weg, aber wir brauchen mehr Zeit als die elf Jahre.“

Wie schnell sich die Erneuerbaren-Branche entwickelt, hängt auch davon ab, wie stark sie vom Staat gefördert wird. Bislang hat sich Schwarz-Gelb dort eher als Bremser hervorgetan, nun sagt selbst Staffeldt von der FDP, dass seine Partei nicht beabsichtige, die Förderung durch das Erneuerbaren-Energien-Gesetz zu kürzen. Im Prinzip sei er aber gegen jegliche staatliche Förderung: „Wir sind gegen Subventionen von Atomkraft, aber auch gegen Subventionen für regenerative Energien.“

Atomfässer

Kontra gibt es von linker und grüner Seite: Für Linke-Politiker Rupp sind die Unterstützungsmaßnahmen für umweltfreundliche Energien gar keine Subventionen, sondern Investitionen in die Zukunft. Und für Beck von den Grünen ist klar, dass vor allem Atomstrom hoch subventioniert ist: „Es gibt keine Technologie, in die soviel Gelder geflossen sind.“

Die Diskussion verläuft kontrovers und schlägt hohe Wellen. Nur zwei Vorschläge werden von allen – zumindest stillschweigend – unterstützt: Energie sparen und effizienter nutzen. Aber was das konkret für die Politik bedeutet, davon spricht niemand.

Medienberichte zur Aktion:

Bremen, 31. August 2009

Bremer Stadtmusikanten besuchen Castortransport

Der Castor hat Verspätung: In Bremen sind es keine Atomkraftgegner, die den Atommülltransport blockieren, sondern die Tunnel unter der Eisenbahnlinie. Drei Meter sechzig ist nicht hoch genug, drei Meter fünfzig auch nicht und drei Meter zehn schon gar nicht. Der Castorbehälter, der per Lastwagen zum Bahnhofsvorplatz gebracht werden soll, muss einen Umweg fahren: Erst beim siebten Versuch passt der knapp vier Meter hohe Transport durch die Unterführung.

Atomfässer

Für die Demonstranten vor Ort kommt er aber noch rechtzeitig: Nach und nach trudeln die Umweltschützer auf dem Bahnhofsvorplatz ein. Wieder sind hunderte gekommen, wieder stürzen sie sich auf die Strahlenschutzanzüge, Gasmasken und das restliche Demo-Zubehör. Und auch die Medien sind zahlreich vor Ort – vom Weserkurier bis RTL. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass jeden Tag neue Horror-Meldungen über die deutschen Atommülllager an die Öffentlichkeit kommen. Die letzte Nachricht: In der Asse ist etwa dreimal soviel Plutonium eingelagert worden, wie bislang angenommen.

Atomfässer

Um kurz vor drei zieht die Demo los. Die Teilnehmer werden rundum versorgt: Für die Musik sorgt eine Samba-Gruppe, die eigentlich aus zwei Samba-Gruppen besteht und ihre Trommeln mit Radioaktiv-Zeichen versehen hat. Fetzige Rhythmen, bis am Ende der Route eine deutliche Schramme auf einer Trommel zu erkennen ist. Das Trommelfell ist aber nicht geplatzt. Die Musiker sind erleichtert: „Na, Gott sei Dank.“

Für die Verpflegung sorgt ein großer weißer Beutel, in den jeder einmal hineingreifen darf: Hunderte Bonbons sind darin, eingepackt in gelbes Plastikpapier. Besonders umweltfreundlich ist das zwar nicht, dafür aber die Botschaft auf der Verpackung: „Atomkraft? Nein Danke!“

Die Sonne scheint und die Demo ist ein echter Hingucker. Selbst für die Leute, die schon in Berlin oder Hamburg dabei waren. „Liebe Bremer! Habt ihr einen Platz im Keller?“, ist auf einem Plakat zu lesen. Und darunter die Erklärung: „Asse = einsturzgefährdet; Morsleben = abgesoffen; Bremer Haushalte = dezentral, trocken und solide = perfektes Endlager“.

Atomfässer

Auf dem Marktplatz, direkt vor dem Bremer Rathaus, wird dann die Bohrmaschine angeschmissen. Die abgesperrte Baustelle für die Probebohrung ist wieder mal umringt von Schaulustigen. Doch dann kommt die Nachricht: Der Daumen zeigt nach unten, dieser Platz eignet sich nicht als Atommülllager. „Da bleibt nur eins“, tönt es aus dem Megaphon. „Atomkraftwerke abschalten!“ Die Menge applaudiert.

Am Ende kommt eine Show-Einlage der besonderen Art: Man könnte sagen, die Bremer Stadtmusikanten besuchen den Castortransport. Ein Teil des Buchtstraßenchors singt über die Folgen eines AKW-Unfalls. Fenster zu, kein Kontakt zur Außenwelt, nur noch Konserven essen. Und am Ende jeder Strophe wiederholt sich der satirische Refrain: „Es besteht kein Grund zur Aufregung. / Alle Maßnahmen zur Beseitigung / der Störung und ihrer Folgen sind schon im Gange. / Bleiben Sie ruhig. Es dauert nicht lange.“

Atomfässer