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Nur noch kurz auf Instagram schauen, und schon sind 30 Minuten vorbei. Soziale Medien machen süchtig. Die Netzwerke sind so gestaltet, dass aus einem Blick endloses Scrollen wird. Selbstkontrolle? Fehlanzeige.

In einigen Ländern gibt es bereits Einschränkungen, anderswo wird ein Social-Media-Verbot diskutiert. Auch in Deutschland warnen Expert*innen regelmäßig vor den Gefahren: etwa bei der Radikalisierung rechtsextremer Täter oder schädlichen Social-Media-Trends

Was sagen die Parteien zum Social-Media-Verbot? 

SPD

Die SPD geht als erste Partei mit einem konkreten Vorschlag voran. In einem Impulspapier legten Fachpolitiker*innen ihre Vorschläge für eine bewusste Social-Media-Nutzung von Kindern und Jugendlichen vor. Ein zentraler Punkt: die Altersverifikation. Jugendliche sollen soziale Medien erst ab frühestens 14 Jahren nutzen dürfen. Das entspricht einem Social-Media-Verbot für alle Jüngeren.

CDU/CSU

Bundeskanzler Friedrich Merz äußerte „Sympathien“ für entsprechende Vorschläge. Für den am kommenden Wochenende stattfindenden CDU-Parteitag liegt ein Antrag zu dem Thema vor. Er kommt aus dem Landesverband Schleswig-Holstein und wird von dessen Landeschef Daniel Günther (CDU) und Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) unterstützt. Die Vorlage empfiehlt, das Mindestalter für die Nutzung von Instagram, TikTok, Facebook und Co. auf 16 Jahre festzusetzen, „begleitet von einer verpflichtenden Altersverifikation“. Doch nicht alle in der Union sind einverstanden: CSU-Chef Markus Söder nannte ein Verbot „totalen Quatsch“

Die Linke 

Linken-Fraktionschefin Heidi Reichinnek ist ebenfalls gegen ein Verbot. Stattdessen solle es schärfere Kontrollen und Sanktionen für die Plattformbetreiber geben. 

Signalwirkung ja, Verbot umstritten

Die Debatte über Altersbeschränkungen setzt ein wichtiges Signal. Ein Verbot würde die Plattformbetreiber zum Handeln zwingen. Doch technische Altersgrenzen, die ohnehin umgangen werden können, lösen das Problem nicht. Sie behandeln Symptome, nicht Ursachen. Medienexpert*innen plädieren stattdessen für  strengere Regulierung der Plattformen, mehr Medienkompetenz und Schutz vor exzessiver Nutzung. 

Wir sollten Big Tech endlich für alle konsequent regulieren, anstatt nur für Jugendliche verbieten.

Digital-Experte Markus Beckedahl auf LinkedIn

Juso-Chef Philipp Türmer beispielsweise fordert eine strikte Durchsetzung des europäischen Digital Services Act (DSA). Geschäftsmodelle, die auf Aufmerksamkeit, Klicks und künstlicher Abhängigkeit basieren, müssten stärker reguliert werden. Auch der Verbraucherzentrale Bundesverband kritisiert Algorithmen, die Kinder „in ihren Bann ziehen“ könnten.

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Nachteile eines Social-Media-Verbots

Kira Thiel vom Leibniz-Institut für Medienforschung warnt im Podcast „Bredow Cast“: Ein Verbot werde den Heranwachsenden nicht gerecht. Jugendliche entwickelten sich unterschiedlich schnell, seien unterschiedlich medienerfahren und hätten unterschiedliche Schutz- und Unterstützungsbedürfnisse. Mit einem Verbot würden auch die positiven Aspekte sozialer Medien – Austausch, Verknüpfung, soziale Interaktion außerhalb der Schule – ignoriert.

Auch die Landesmedienanstalten sehen Probleme:

Verhinderung von Medienkompetenz

Ein Verbot hindert Jugendliche daran, einen verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Medien zu erlernen. Dies führt dazu, dass sie, sobald das Verbot endet, ohne notwendige Kompetenzen in die digitale Welt eintreten. 

Probleme bei der Umsetzung und einfache Umgehbarkeit 

Verlässliche Altersverifikationen fehlen, die Datenschutzrichtlinien einhalten. Neue Plattformen würden vermutlich erstmal unter dem Radar laufen, bis sie negativ auffallen. Technische Maßnahmen wie VPNs (Virtual Private Network, ein Dienst, mit dem man bspw. vorgeben kann, in einem anderen Land zu surfen), oder falsche Altersangaben machen Verbote leicht umgehbar. Gefälschte Ausweisdokumente zur Verifikation gibt es schon so lange, wie es Verbote für Kinder und Jugendliche gibt.

Kritik an geplanter Jugendschutzprüfung

Die Chat-App Discord plant, ab März 2026 eine Altersverifikation per Gesichtsscan oder Ausweisdokument einzuführen – und steht dafür in der Kritik. Im Herbst 2025 gab es  schon einmal ein großes Datenleck bei Discord, damals wurden unter anderem Ausweisdaten gestohlen. 

Zudem testet Discord für diese Zwecke eine Software des Unternehmens „Persona“. Die Firma hat einen berühmten Investor: Peter Thiel, der auch hinter dem umstrittenen Unternehmen Palantir steckt. User*innen befürchten, dass persönliche Daten in die falschen Hände geraten könnten.

Rechtliche und ethische Bedenken

Ein Verbot ist in Deutschland schwer durchsetzbar. EU-Recht hat Vorrang im Gebiet Social Media; nationale Alleingänge sind kaum möglich. Zudem wirft ein Verbot Fragen zur Verhältnismäßigkeit sowie zu freiheitlichen Grundrechten auf. Es signalisiert Kindern und Jugendlichen: Ihr seid Menschen zweiter Klasse, und wir können einfach so über Eure Köpfe hinweg bestimmen. 

Mögliche Vorteile eines Social-Media-Verbots von TikTok, X, Instagram und Co.

Befürworter eines Verbots argumentieren: Ein Verbot oder eine stärkere Einbindung der Erziehungsberechtigten wäre eine Möglichkeit, um Heranwachsende betreut an soziale Medien heranzuführen. 

Schutz vor unangemessenen Inhalten

Ein Verbot könnte Kinder vor pornografischen, gewalttätigen oder verstörenden Inhalten bewahren. Soziale Medien sind oft ungefilterte Räume, in denen Inhalte kursieren, die Kinder in ihrer Entwicklung gefährden, verunsichern und verängstigen können. Auch rechtsextreme Gruppen oder die  AfD nutzen Social Media, um dort ihren „Nachwuchs“ zu rekrutieren.

Suchtgefahr Social-Media

Dazu kommen die oft manipulativen Mechanismen der Plattformen, die Nutzer*innen auf der Plattform halten sollen. Auch viele Erwachsene können diesen an Sucht oder Glücksspiel orientierten Mechanismen kaum entgehen – sie können sie aber oft doch besser einordnen und sich selbst regulieren. Diese Einflüsse auszuschließen kann helfen, dass Heranwachsende erst lernen, sich zu orientieren, bevor sie auf die unregulierte Welt des Internets losgelassen werden. 

Schutz vor Cybermobbing

Fast zwei Millionen Kinder und Jugendliche sind jedes Jahr Opfer von Cybermobbing durch Gleichaltrige. Etwa jeder fünfte Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren hat schon negative Erfahrungen mit Cybermobbing gemacht. Besonders betroffen sind 14- bis 15-Jährige. Die meisten Angriffe finden auf Instagram (56 Prozent), TikTok (42 Prozent), Facebook (36 Prozent) und Snapchat (32 Prozent) statt. Ein Wegfall dieser digitalen Räume für Kinder und Jugendliche würde zumindest die Menge der Orte reduzieren, an denen (Cyber)Mobbing passieren kann. 

Gesundheitliche Vorteile 

Soziale Medien können selbst für Erwachsene belastende Orte sein. Ständiger Druck, sich mit anderen zu vergleichen, die vermeintlich perfekten Leben von Influencer*innen immer vor Augen, Schönheitsideale oder schädliche Trends wie #SkinnyTok, FOMO („Fear of Missing Out“, die Angst, etwas zu verpassen). Ein Verzicht – ob freiwillig oder erzwungen – könnte  soziale Isolation verringern, den Druck durch Schönheitsideale oder Likes mindern und so das Selbstwertgefühl stärken.

Ein Verbot zwingt die jugendlichen Nutzer*innen zu einer „Digital Detox“-Phase, was zu einer deutlich geringeren Bildschirmzeit und mehr Zeit für reale Aktivitäten führen kann. Der Wegfall des abendlichen Scrollens fördert außerdem einen besseren Schlaf – das alles gilt im Übrigen auch für Erwachsene.

Die Gefahren von KI sind noch nicht tiefgreifend erforscht, zeigen sich aber schon: Viele Kinder und Jugendliche können KI-generierte Inhalte nicht von echten unterscheiden. KI-Chatbots, die soziale Interaktionen simulieren sollen, werden ebenfalls zur Gefahr. 

Deepfakes sind eine weitere Art dieser gefährlichen KI-Inhalte. Sie werden verwendet für politische Desinformation, Cybermobbing, Rachepornos und gefälschte Produktempfehlungen. Der Autor Marc-Uwe Kling fordert daher auf WeAct, der Petitionsplattform von Campact: Das Erstellen von Deepfakes echter Menschen ohne deren Einwilligung muss generell verboten werden! Schließe Dich hier fast 400.000 Menschen an, die das auch so sehen: 

In welchen Ländern gibts es bereits ein Social-Media-Verbot für Jugendliche? 

Als eine Begründung für ihre Vorschläge führen sowohl die SPD als auch die CDU an, dass es weltweit bereits mehrere Länder gibt, in denen Kindern und Jugendlichen der Zugang zu sozialen Medien  eingeschränkt ist. 

  • Australien hat 2025 als erstes Land ein nationales Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige durchgesetzt. Plattformanbieter hatten ein Jahr Zeit, technische Altersprüfungen einzubauen. Facebook, Instagram, Snapchat und Co. nutzen unterschiedliche Wege, um das angegebene Alter zu verifizieren. 
  • Frankreich und Großbritannien planen ähnliche Gesetze wie Australien. Noch sind die Gesetze allerdings nicht erlassen, sie befinden sich in Abstimmungsverfahren. Eine Mehrheit der Bevölkerungen beider Länder unterstützt die geplanten Social-Media-Verbote. Großbritannien will soziale Medien ebenfalls erst ab 16 Jahren erlauben, während der französische Gesetzentwurf ein Verbot bis 14 vorsieht.
  • Indonesien, Malaysia, Neuseeland und Spanien planen Verbote, die alle Kinder bis 16 ausschließen, während Griechenland unter 15-Jährige und Österreich unter 14-Jährige künftig nicht mehr auf Tik Tok, Instagram und Snapchat erlauben will. Sie testen zudem noch andere Vorschläge zur Altersverifikation – auch solche, die unabhängig von den Betreiber-Plattformen funktionieren, zum Beispiel eine „Kids App“.
  • Portugal und Dänemark haben noch keine Verbote geplant. Sie haben aber angekündigt, sich „bald“ damit zu befassen – eine Hintertür für die Möglichkeit der elterlichen Zustimmung wollen sie sich offen lassen. Auch in Frankreich, Italien und auch in Brasilien dürfen Kinder bestimmter Altersgruppen soziale Medien nutzen, wenn ihre Eltern zustimmen. 

Medienkompetenz fördern statt blinder Verbote 

Kinder und Jugendliche müssen lernen, soziale Medien kritisch zu nutzen: Wie erkenne ich vertrauenswürdige Quellen? Kann das stimmen, was dieser oder jener Influencer sagt? Welche Informationen über mich teile ich nicht? Medienbildung in Schulen kann helfen – aber auch die Eltern sind gefragt. Schulen und Eltern müssen Kindern und Jugendlichen gemeinsam vermitteln, wie man sich sicher im digitalen Raum bewegt. 

Zur Förderung der Medienkompetenz gehört es auch, in Sachen Social-Media-Nutzung ein gutes Vorbild zu sein. Heranwachsende orientieren sich an Gleichaltrigen, aber auch an Erwachsenen aus dem eigenen Umfeld, um neue Verhaltensweisen in ihrer Gesellschaft zu lernen. 

Bundesregierung endlich runter von X

Auch Politiker*innen müssen Vorbilder sein. Wenn Bundeskanzler, Vizekanzler und andere Politiker*innen Teil einer Plattform sind, die Hass, Hetze und Desinformation unterstützt, macht das keinen guten Eindruck. Die Initiative „Save Social“ fordert alle Politiker*innen der Regierung auf, die Plattform X zu verlassen. Dafür hat die Initiative eine Petition auf WeAct, der Petitionsplattform von Campact, gestartet. 

Es geht also auch darum, unser eigenes Verhalten im Internet zu evaluieren. Wenn wir wollen, dass unsere Kinder zu mündigen und reflektierten Erwachsenen werden, müssen wir ihnen genau das vorleben – und sie gleichermaßen vor schädlichen Einflüssen durch Big Tech schützen. Lies mehr dazu in diesen Beiträgen:

Autor*innen

Appelle, Aktionen, Erfolge und weitere Themen aus dem Campact-Kosmos: Darüber schreibt das Campact-Team. Alle Beiträge

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