Bekanntlich verfolgt die Menschheit immer mal wieder bekloppte Ideen. Zum Beispiel ein Duftdrüsensekret von Bibern als Aphrodisiakum verwenden. Normalerweise nutzen Biber diese stark ledrig-schweflig riechende, harzartige Substanz, um ihr Revier zu markieren. Menschen im Mittelalter verwendeten das sogenannte Bibergeil hingegen, um Kopfschmerzen zu lindern und ihre Libido zu steigern.
Das ist – neben Fleisch und Fell – einer der Gründe, wieso Biber gejagt wurden und 150 Jahre lang in weiten Teilen Deutschlands und fast in ganz Europa als verschwunden galten. Nur in Norwegen, Frankreich, Russland und bei Dessau gab es noch wenige Tiere. Durch das Engagement und Wiederansiedlungsprojekte von Förster*innen und Naturschützer*innen hat sich das in den 1960er-Jahren verändert: Schätzungen zufolge leben wieder 40.000 Biber in Deutschland.
Hobby: bauen und bremsen
Das hat einige positive Aspekte mit sich gebracht. Denn der Biber verfolgt so ziemlich eine gegenteilige Strategie des Menschen. Dort wo Menschen Feuchtgebiete trockenlegen, Gräben ziehen und Bäche begradigen, um Wasser möglichst schnell aus einer Landschaft abzuleiten, bremst der Biber aus. Zum Beispiel indem er Dämme baut, hinter denen sich das Wasser staut.

So lassen sich Wasserstände anheben und Lebensräume für andere Lebewesen wie Fische oder Libellenlarven erhalten oder sogar schaffen. Solche Wasserspeicher können sich perspektivisch gegen Dürren als ziemlich nützlich erweisen. Indem sie angrenzende landwirtschaftliche Flächen feucht halten, können sie im Sommer gegen Feuer und Brände wirken.
Biber spart 100.000 Euro
Zudem ist der Biber eine recht günstige Arbeitskraft, wie ein Beispiel nahe Ravensburg zeigt: Dort hat das Tier mit gefällten Bäumen und Dämmen einen Flussabschnitt bearbeitet. Einer Nabu-Studie zufolge wurden dadurch für einen 1,2 Kilometer langen Gewässerabschnitt mehr als 100.000 Euro eingespart.
Im Landkreis Ravensburg begleitet eine Biberbeauftragte die Arbeiten der Tiere. Wo die Biber nicht im Sinne der Menschen handeln und Ausbesserungen nötig sind, fallen ungefähr 3.700 Euro an – im Gegensatz zu 5.595 Euro pro Jahr für den Unterhalt eines Flusses, der von Menschen renaturiert wurde.
Viele Menschen sehen den Biber positiv, Land- und Forstwirtschaft sind kritischer: Drei Viertel der befragten Landwirte reagieren mit Wut auf den Biber. Die Ablehnung ist dort am größten, wo es die meisten Biber gibt: in Bayern. Kein Wunder, wenn die Tiere sich durch Apfelplantagen futtern oder sich Feldfrüchte zu Gemüte führen, bedeutet das Ernteschäden.
Zweitens können Baukonstruktionen des Bibers Drainagesysteme beschädigen oder anliegende Flächen durchnässen, sodass diese nicht mehr befahrbar sind. Für Landwirte bedeuten Biber also finanzielle Einbußen. Betroffen ist auch der Verkehr: In der Gemeinde March im Kreis Breisgau-Hochschwarzwald lebt und arbeitet ein Biber so nah an den Zuggleisen, dass diese absacken könnten. 40.000 Euro jährlich kostet das Tier die Gemeinde, um gegenzuwirken.
1,30 Meter Projektionsfläche
Was hat sich die Menschheit diesmal überlegt, um mit dem konfliktreichen Biber umzugehen? Immerhin ist das 1,30 Meter lange Tier nach EU- und Bundesrecht streng geschützt und darf deswegen nicht einfach zur Jagd freigegeben werden.
Grob gesagt werden momentan drei Ansätze verfolgt: Entschädigungen, Landesverordnungen mit erleichterten Eingriffen an bestimmten Orten sowie Prävention und Beratung. Manchmal auch eine Mischung aus allen Elementen.
Verantwortlich für den ganzen Ärger ist womöglich aber nicht das Tier selbst, sondern der Mensch. Im Grunde macht der Biber nur sichtbar, dass wir unsere Landschaften jahrhundertelang ausschließlich nach menschlichen Bedürfnissen geformt haben.
Nun gestaltet da erneut ein Lebewesen mit, das sich praktischerweise auch als Projektionsfläche nutzen lässt. Dem Störenfried Biber lassen sich viel leichter böse Absichten unterstellen – genau wie beim Wolf. Der Vorwurf lautet, die Tiere zerstören Eigentum. Praktisch, denn gegen das Wetter lässt sich schlechter argumentieren: Es hat kein Gesicht.
Tiefenentspannter Störenfried
Was aber auch stimmt: Wer zusehen muss, wie ein geschütztes Tier den eigenen Acker und Wiesen flutet, ohne eingreifen zu dürfen, fühlt sich ohnmächtig und fremdbestimmt. Und bleibt teilweise auf dem Schaden sitzen. Äußern sich die betroffenen Landwirt*innen und Gemeinden skeptisch, werden sie schnell verurteilt.
Für Städter*innen hingegen sind die Tiere der lebende Beweis, dass Artenschutz funktioniert. Den Biber selbst scheint das wenig zu interessieren. Sogar menschliche Eingriffe, die Dämme zerstören, bringen ihn nicht aus der Ruhe. Er baut den Damm einfach wieder auf – oft stabiler als vorher.
Lässt man den Biber fleißig Staudämme bauen, flutet er zuverlässig die angrenzenden Wiesen und Äcker. Doch ohne die Wurzeln von Bäumen, Hecken, Streuobst und Alleen kann der Boden das Wasser nicht lange halten. Damit ist er weniger widerstandsfähig gegen Dürren. Schließe Dich der BaumLand-Kampagne an und fordere von Bund und Ländern: Bäume und Hecken auf die Äcker.