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„Ich sag’s wie es ist: Heidenau für mich jetzt ein einziger großer Stolperstein“, schrieb der Autor Max Czollek Ende September auf LinkedIn. Da lag der (auch) mit Stimmen von CDU und AfD gefasste Beschluss, das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus auf einen Friedhof zu verbannen, zwei Tage zurück. 

Heidenau gehört zum Landkreis Sächsische Schweiz/Osterzgebirge. Die Kleinstadt bei Dresden steckt voller Klischees. Und die Hintergründe um die Kontroverse sind einfach erzählt, es passt ja auch alles zusammen: In Heidenau fährt die AfD Spitzenergebnisse ein. 

Heidenaus Ruf eilt voraus

Vor zwei Jahren gewann ein AfD-Kandidat in der Kreisstadt Pirna das Oberbürgermeisteramt – eine Deutschland-Premiere. Weite Teile der politischen Kaste vor Ort sehen in einer Brandmauer keinen Sinn. „Eine Brandmauer gab es hier nie, Gott sei Dank“, lässt sich AfD-Fraktionschef Daniel Barthel vom ultrarechten Internetradio Kontrafunk zitieren.

Bereits vor elf Jahren war Heidenau eine der sächsischen Hochburgen rechtsextremer Anti-Asyl-Proteste. Dort wüteten die Wutbürger so sehr, dass der damalige Vizekanzler Sigmar Gabriel das aufgebrachte Volk als „Pack“ bezeichnete. Ein Flüchtling, der in dem zur Flüchtlingsunterkunft umgewidmeten Baumarkt untergebracht war, sagte damals: „Zu Hause war Krieg und hier ist Krieg.“ 

Und vor ein paar Wochen schämte sich der zuständige AfD-Wahlkreisabgeordnete nicht einmal, Frieden mit Russland zu fordern. Und zwar ausgerechnet bei einer Kundgebung an der Stele zum Gedenken an das ehemalige Nazi-KZ auf Burg Hohnstein in der Sächsischen Schweiz. 

„tendenziell NS-relativierend“

Beim Heidenauer Stadtratsbeschluss zu den Stolpersteinen handelt es sich leider ebenfalls um eine Deutschland-Premiere: Noch nie habe es in ähnlicher Form Gegenwehr aus dem politischen Raum gegen Stolpersteine gegeben, sagt Initiatorin Katja Demnig. „Heidenau ist leider die traurige Ausnahme. So einen Fall hatten wir noch nicht gehabt.“ 

Von der Holocaust-Überlebenden Charlotte Knobloch bis zur Bundesbildungsministerin Karin Prien, viele protestieren. Mehr als 120.000 Menschen unterzeichneten eine Petition. Denn Heidenau möchte das Gedenken an NS-Opfer mit den 1945 vertriebenen Deutschen aus dem Sudetenland sowie von SED-Repressalien Betroffenen auf dem Friedhof bündeln. Dies sei „ahistorisch“ und „tendenziell NS-relativierend“, kritisieren die Petenten. 

Hübsch – und voller netter Nazis?

Nun gibt es auch Stimmen, die laut eigener Aussage versuchen, eine „notwendige Akzeptanz“ zu schaffen. So warb die sächsische CDU-Landtagsfraktion zwar für eine „lebendige und sichtbare Erinnerungskultur an die Opfer des Holocaust als grausames Menschheitsverbrechen“. Allerdings schränkte sie ein: „Stolpersteine könnten dafür eine passende Form sein.“ Könnten und eine. „Die Entscheidung über die geeignete Form des Gedenkens liegt dabei vor Ort bei den Kommunen.“ Wenn diese Erklärung ein Tadel an die Parteifreunde in Heidenau sein sollte, so war dieser doch sehr verklausuliert. 

„Wirklich schade“ sei es, so bedauerte die Sächsische Zeitung in ihrem Newsletter. Denn nun bleibe in vielen Köpfen: „Heidenau, das rechte Nest, wir haben es schon immer gewusst“. Dabei sei Heidenau „eigentlich eine hübsche sächsische Kleinstadt“. Hübsch, ja, vielleicht – und voller netter Nazis?

Allerdings greift es zu kurz, bloß auf den Stolperstein-Skandal in Heidenau zu schauen. Denn die „traurige Ausnahme“ Heidenau reiht sich in mehrere bundesweite Angriffe gegen Stolpersteine ein. Auch wenn deren Zahl – gemessen an den mehr als 100.000 verlegten Gedenksteinen – eher gering ist. 

Welle der Empörung und der Solidarität

Besonders spektakulär war ein Vorfall in Zeitz im sachsen-anhaltischen Burgenlandkreis, der sich am 7. Oktober 2026 zum zweiten Mal jährt. Alle zehn in der Stadt verlegten messingfarbenen Stolpersteine waren damals in einer Nacht herausgebrochen und gestohlen worden. 

Sandy Wegnershausen von der örtlichen Stolperstein-Initiative zieht heute daraus eine überraschend positive Resonanz: 

Wenn die Verbrecher damit die Erinnerung an die Opfer der Nationalsozialisten auslöschen wollten, haben sie das Gegenteil erreicht: Ihre Tat löste nicht nur eine Welle der Empörung aus, sondern auch der Solidarität. 

Als Reaktion auf den Vorfall versammelten sich Hunderte Menschen vor Ort, um der Toten zu gedenken. Mehr als 1000 Menschen spendeten insgesamt über 50.000 Euro. Alle Stolpersteine konnten rasch wieder verlegt werden. 

Ermittlungen in Mainz verlaufen im Sande

Am 9. November 2023, dem Jahrestag der Novemberpogrome, waren im Mainzer Stadtteil Ebersbach die Namen von drei jüdischen Opfern auf Stolpersteinen mit einer dunklen Substanz unkenntlich gemacht worden. 

Ein Bürger, der den Vorfall zur Anzeige brachte, wurde schwer enttäuscht. Bis heute schimpft er über die Ignoranz der Behörden. Denn die Ermittler verneinten einen Straftatbestand und gingen auch nicht von einem politischen Hintergrund aus. Stattdessen vermuteten sie, die Stolpersteine seien durch die chemische Reaktion eines Reinigungsmittels beschädigt worden. 

Vandalismus gegen Stolpersteine vermeldeten zuletzt unter anderem Seelze bei Hannover, Essen, Tangermünde in Sachsen-Anhalt, Spremberg in Brandenburg und Dresden. Mal waren die Gedenksteine mit Farbe beschmiert, mal ganz gestohlen worden. 

Und nicht immer sind Stolpersteine willkommen. 2019 lehnte die Stadt Groitzsch bei Leipzig die Verlegung eines Stolpersteins vor dem Haus der deportierten Jüdin Anna Reichhardt zunächst ab – und lenkte erst nach Protesten ein. 

Wem wollen wir gedenken?

Wie viele Stolpersteine geschändet, behindert oder gestohlen wurden? Eine Statistik führen die Stolperstein-Initiatoren um Katja Demnig und ihren Mann Gunter nicht. Katja Demnig spricht jedoch von einer extrem niedrigen Zahl, im Vergleich zur Schändung jüdischer Grabsteine oder Hakenkreuz-Schmierereien. 

Aber der sachsen-anhaltische Grünen-Politiker Sebastian Striegel sieht darin keinen Anlass zur Entwarnung. In Sachsen-Anhalt sei „die AfD schon dabei, lokale Erinnerung zu formatieren“, schreibt er auf Bluesky. Striegel bezieht sich auf einen Vorfall in Sandersdorf-Brehna im Landkreis Anhalt-Bitterfeld. Dort fordert die rechtsextreme Partei ganz offen einen Gedenkort für die „Opfer beider Weltkriege“. 

Nun, wem wollen wir gedenken? Sebastian Striegel fragt berechtigterweise: Soll auch den aus dem Ort stammenden NSDAP-Mitgliedern gedacht werden? Den vielleicht an Kriegsverbrechen der Wehrmacht beteiligten Soldaten? Gar den im Einsatz getöteten SS-Männern? 

Der ehemalige Landtagsabgeordnete ist sich sicher: Gedacht werden solle laut der AfD „mindestens auch“ den Tätern, „aber offensichtlich nicht verfolgter NS-Opfer“ wie Juden, Sinti, Roma, Homosexuellen und „Asozialen“. 

Siebter Jahrestag des Anschlags auf die Synagoge in Halle

Am kommenden Freitag, den 9. Oktober, jährt sich der antisemitische Anschlag auf die Synagoge in Halle an der Saale zum siebten Mal. Der Attentäter tötete dabei zwei Menschen. Nach dem Anschlag versprachen Bund und Länder, Synagogen und andere jüdische Einrichtungen besser schützen zu wollen. Teilweise wurde das umgesetzt, wie der Mediendienst Integration berichtete.

Doch es bleiben Kritikpunkte: Viele Gemeinden bleiben auf den Kosten von privaten Sicherheitsdiensten sitzen. Nicht immer übernehmen die Bundesländer diese und die bürokratischen Hürden dafür sind hoch – vor allem für kleine Gemeinden. Währenddessen verbietet ein Städtchen wie Heidenau, neue Stolpersteine zu verlegen. Indem es die so wichtige Erinnerung von der Innenstadt auf den Friedhof verbannt, macht es die NS-Opfer unsichtbar. Deutschland, es ist 2026. Wem wollen wir gedenken?

Autor*innen

Matthias Meisner ist freier Journalist und Buchautor in Berlin und Tirana. Er schreibt als Gast-Autor für den Campact-Blog über Menschenrechte, Geflüchtete und die Bedrohung der Demokratie. Zuletzt veröffentlichte er 2025 im Dietz-Verlag Bonn gemeinsam mit Paul Starzmann das Buch "Mut zum Unmut – Eine Anleitung zur politischen Widerspenstigkeit". Infos unter www.meisnerwerk.de. Alle Beiträge

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