5-Minuten-Info Dritte Welle

Ist die dritte Welle wirklich so gefährlich?

Ja, der Chef des Robert Koch-Instituts (RKI), Prof. Dr. Lothar Wieler, warnt davor, dass diese Corona-Welle noch schlimmer werden könnte als die beiden ersten Wellen. Ein Grund dafür: Die britische Virus-Mutante B.1.1.7. ist ansteckender und sogar tödlicher.

Mit welchen Folgen muss Deutschland rechnen?

Modellrechnungen zeigen, dass die Corona-Inzidenz bis Ende Mai auf 2.000 ansteigen könnte – wenn wir nicht sofort gegensteuern. Das wären bei 83 Millionen Menschen 1,6 Millionen Infektionen pro Woche. Da ein großer Teil der Risikogruppe unter 80 Jahren noch nicht geimpft ist, würden auch die Todeszahlen und die schweren Verläufe dramatisch steigen.

Auch die Vereinigung der Ärzt*innen, die auf den Intensivstationen arbeiten, fordert einen sofortigen Lockdown. Besonders “brenzlig” werde es für die weitgehend noch ungeimpften Altersgruppen über 50, warnt der Chefvirologe der Berliner Charité Prof. Dr. Christian Drosten. Aber auch jüngere Menschen könnten noch häufiger unter Langzeitfolgen (“Long Covid”) leiden. Je mehr man dem Virus freien Lauf lässt, desto mehr steigt die Gefahr, dass noch weitere gefährliche Virus-Mutationen entstehen.

Kann man nicht einfach viel mehr testen und schneller impfen?

Beides ist zweifellos nötig – aber nach Einschätzung der meisten Expert*innen wird testen und impfen nicht ausreichen, um die dritte Welle zu brechen. Kein Land der Welt habe die Virus-Mutante B.1.1.7 je ohne strenge Ausgangsbeschränkungen bezwungen, sagt der SPD-Politiker, Arzt und Epidemiologe Prof. Dr. Karl Lauterbach. Nirgendwo wütete B.1.1.7 so schlimm wie im Januar in Portugal. Tausende starben. Vor den Krankenhäusern standen die Krankenwagen Schlange, weil keine Betten mehr frei waren. Doch mit einem kurzen, echten Lockdown brachte die Regierung die Infektionszahlen schnell wieder unter Kontrolle. Ähnlich war es in Großbritannien und Irland.

Was ist mit einem “harten Lockdown” gemeint?

Es geht darum, dass wir alle unsere sozialen Kontakte für zwei bis drei Wochen auf ein Minimum reduzieren. Dazu gehört: 

- eine Homeoffice-Pflicht für Firmen

- die Schließung von Kitas und Schulen

- keine Urlaubsreisen

- kein Shopping (außer Lebensmittel und Waren des täglichen Bedarfs)

- Bars, Restaurants und Cafés geschlossen bleiben

- Maskenpflicht in Innenräumen

- keine privaten Feiern

- keine größeren Menschenansammlungen

- nächtliche Ausgangssperre

Die Maßnahmen wären sehr hart für uns alle. Doch sie wären zeitlich begrenzt. Lieber ein kurzer, echter Lockdown als monatelange halbherzige Maßnahmen, die viele Menschen sehr belasten.

Was ist, wenn ich nicht im Homeoffice arbeiten kann?

Falls aus betrieblichen Gründen kein Homeoffice möglich ist, müssten Arbeitgeber*innen dazu verpflichtet werden, alle Mitarbeiter*innen mindestens zweimal wöchentlich auf Corona zu testen. Das Land Berlin hat so eine Pflicht gerade eingeführt. Außerdem müssten in Innenräumen FFP2-Masken und ausreichend Abstand zur Pflicht gemacht werden. Natürlich gibt es auch Arbeitnehmer*innen, die nicht Zuhause arbeiten können, weil es die räumlichen Verhältnisse nicht erlauben oder technische Voraussetzungen fehlen. Diesen Beschäftigten sollte das Unternehmen Arbeiten in Einzelbüros oder zumindest mit großem Abstand und Maske ermöglichen.

Ist eine nächtliche Ausgangssperre wirklich nötig?

Die Erfahrung zeigt: Kein Land hat B.1.1.7 bisher ohne Ausgangssperren bezwungen. Nächtliche Ausgangsbeschränkungen lassen sich einfacher kontrollieren – ohne das Polizei oder Ordnungsamt private Wohnungen betreten müssen. Die derzeit geltende Regel, nur eine begrenzte Anzahl von Personen aus anderen Haushalten zu treffen, lässt sich praktisch kaum überprüfen. 

Eine Studie der Oxford Universität hat ergeben, dass nächtliche Ausgangsbeschränkungen die Ansteckungen sogar stärker reduzieren als Schulschließungen. Mit einer temporären Ausgangsbeschränkung werden private Kontakte wirkungsvoll reduziert, Ansteckungen vermieden – und so Menschenleben gerettet.

Vernichtet ein harter Lockdown nicht noch mehr wirtschaftliche Existenzen?

Natürlich muss es unbürokratische, schnelle und flexible Hilfen für die vom Lockdown besonders Betroffenen wie Solo-Selbstständige, Künstler*innen und Geringverdiener*innen geben. Es ist ein Skandal, dass die angekündigten Novemberhilfen teilweise immer noch nicht ausgezahlt wurden – Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und der Mittelstandsbeauftragte der Bundesregierung Thomas Bareiß (CDU) haben hier völlig versagt! Dieses Mal muss das schneller gehen. Aber auch für die Wirtschaft ist ein harter, kurzer Lockdown besser als ein endloser, halbherziger Lockdown, wie wir ihn in den letzten Monaten hatten.

Wann können wir wieder normal leben?

Genau wissen wir das natürlich auch nicht. Zunächst müssen wir die Infektionszahlen mit einem kurzen, harten Lockdown drastisch reduzieren und so die Ausbreitung der Variante B.1.1.7 und anderer Virus-Mutanten verlangsamen. 

Mit massenhaften, regelmäßigen Schnelltests (am Arbeitsplatz, in der Schule, vor und nach Reisen, aber auch vor privaten Treffen) sowie Kontaktnachverfolgung, Wechselunterricht, Hygiene-Konzepten und beschleunigten Impfungen könnte dann schrittweise wieder mehr Normalität erlangt werden. Abstand halten, Maske tragen und häufig lüften werden wir aber wohl noch längere Zeit müssen. Und regelmäßiges Händewaschen ist sowieso immer empfehlenswert.