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5-Minuten-Info:
Hebammen sind unersätzlich

Viele schwangere Frauen in Deutschland schätzen die Unterstützung einer selbst gewählten Hebamme, sowohl vor, während und nach der Geburt. Gleichzeitig müssen aber immer mehr freiberufliche Hebammen den Kernbereich ihres Berufs, die Geburtsbegleitung, aufgeben: Von ihrem niedrigen Einkommen können sie sich die ständig steigenden Beiträge für die erforderliche Berufshaftpflicht schlicht nicht mehr leisten.

 

Am 24. Oktober 2012 erreichten die Hebammenverbände bei einem Spitzentreffen im Kanzleramt einen wichtigen Fortschritt: Noch 2012 soll ein ministeriumsübergreifender Arbeitskreis seine Tätigkeit aufnehmen und Lösungen für die desolate wirtschaftliche Situation der Hebammen erarbeiten. Doch mit diesem Versprechen ist, das Problem noch nicht gelöst. Unterstützen Sie die Hebammen, indem Sie den online unterzeichnen!

 

Teileinigung am 10. Juli

Unter zunehmenden öffentlichen Druck einigten sich die Hebammenverbände mit dem GKV-Spitzenverband am 10. Juli auf eine Kompensation der Versicherungsbeiträge für Geburtshilfe und Wochenbettbetreuung. Die jüngste Erhöhung der Versicherungsbeiträge, die zum 1. Juli stattfand, soll folgendermaßen teilweise ausgeglichen werden:

  • Hausgeburt: + 78 Euro
  • Geburt in der Hebammen-geleiteten Einrichtung: 25,60 Euro
  • Geburt in der Hebammen-geleiteten Einrichtung unter ärztlicher Leitung: + 6 Euro
  • nicht vollendete Geburt: + 12 Euro
  • 2. Hebamme bei Geburt: + 5 Euro
  • Wochenbettbesuch: + 0,08 Euro (47 Euro Mehrkosten/Jahr)

Diese Einigung auf eine Kompensation entschärft die akute Situation der freiberuflichen Hebammen, stellt aber keine nachhaltige Lösung des Gesamtproblems dar.

Auch besteht durch diese Lösung ein Ungleichgewicht zwischen Hebammen mit vielen Geburten pro Jahr und solchen mit wenigen: Da jede die gleiche Pauschale pro Geburtshilfeleistung bekommt, schneiden Hebammen mit vielen Geburten deutlich besser ab. Dies ließe sich nach Aussage der Hebammenverbände jedoch im Rahmen dieser akuten Korrektur rechtlich nicht anders lösen.

Hebammen für Vorsorge, Geburten und Nachsorge

Auf Hebammen lastet eine große Verantwortung: Laut Gesetz leiten sie Geburten ab Wehenbeginn völlig selbstständig. Ärztlicher Beistand ist nicht erforderlich. Nur im Notfall dürfen Ärzt/innen Geburten ohne Hebammen durchführen. Oft beginnt die Arbeit der Hebammen sogar bereits, wenn das Kind noch im Bauch der Mutter ist: Viele Frauen wollen sich in ihrer Schwangerschaft nicht allein von Gynäkolog/innen begleiten lassen und suchen sich “ihre” Hebamme schon zur Vorsorge. Und auch viele frischgebackene Familien nehmen die Dienste von Hebammen in Anspruch: Sie begleiten durch die Zeit des Wochenbetts und erleichtern den Start mit dem Neugeborenen.

Eine Hebamme für Vor- und Nachsorge, Geburtsvorbereitungskurse und Rückbildung zu finden, ist zumindest im städtischen Bereich heute noch kein großes Problem. Anders sieht es bei der Begleitung von Geburten aus: Viele Hebammen können sich die immer weiter steigenden Beiträge zur Berufshaftpflichtversicherung zur Absicherung der Geburtshilfe schlichtweg nicht mehr leisen. Daher geben immer mehr freiberufliche Hebammen ausgerechnet ihr traditionelles “Kerngeschäft” auf und konzentrieren sich auf die Vor- und Nachsorge - oder hängen ihren Beruf ganz an den Nagel.

zu geringes Einkommen: 67 %
Unvereinbarkeit mit Privatleben / Familie: 56 %
zu hohe Berufs-haftpflichtprämien: 40 %
insgesamt zu hohe Betriebskosten: 40 %
zu hohe Arbeitsbelastung: 33 %
andere Berufsinteressen: 27 %
Unzufriedenheit mit den Arbeitszeiten: 22 %
sonstige Gründe: 22 %
Mehrfachnennungen waren möglich.
Daten: IGES Institut GmbH

Haftpflichtkosten steigen und steigen...

Die Versicherungen begründen die hohen Beiträge für die Hebammen-Haftpflicht damit, dass die gerichtlich erteilten Schadensersatzansprüche in Einzelfällen stark gestiegen sind. Obwohl die Anzahl der Schadensfälle bei Geburten insgesamt gesunken ist, steigt somit das Risiko hoher Kosten für die Versicherer. Dieses Risiko legen sie über die Beiträge auf die Hebammen um.

Schon in der Vergangenheit haben die Versicherungen die Beiträge für die Hebammen-Haftpflicht massiv erhöht: In den letzten zehn Jahren verachtfachten sich die Beiträge von 453 Euro auf 3.689 Euro pro Jahr. Zum 1. Juli 2012 sollen die Beiträge erneut um 15 % auf dann 4.242 Euro pro Hebamme und Jahr steigen. Mangelnder Wettbewerb unter den Versicherungsanbietern verschärft die Situation zusätzlich: So bieten, trotz europaweiter Ausschreibung, momentan nur drei Unternehmen Berufshaftpflichtversicherungen für Hebammen an.

2002: 453 €
2011: 3.689 €
2012: 4.242 €
Daten: Deutscher Hebammenverband

Auch die Versicherungsbeiträge von Ärzt/innen haben sich in ähnlicher Weise erhöht. Doch diese arbeiten bei Geburten in der Regel als Angestellte von Krankenhäusern, so dass die Versicherungskosten nicht an Einzelpersonen hängen bleiben.

… während die Vergütungen faktisch sinken

Die Hebammenverbände müssen ihre Vergütungen mit den Krankenkassen selbstständig aushandeln und scheitern dabei mit ihren Forderungen nach höheren Vergütungen regelmäßig am Widerstand der Kassen. Zum Jahreswechsel 2007/2008 lag der durchschnittliche Stundenlohn freiberuflicher Hebammen bei rund 7,50 Euro. 2004 wurde den Hebammen in der Einleitung zum Gebührengesetz eine dreistufige Erhöhung ihrer Vergütungen von insgesamt 18,5 % versprochen. Bisher kam es aber nur zu einer 6,5 prozentigen Anhebung. Währenddessen fressen die steigenden Versicherungsprämien immer größere Teile des Verdiensts der freien Hebammen auf, so dass ihr Einkommen faktisch sinkt, anstatt zu steigen.

Versorgungslücken drohen

19.500 Hebammen sind in Deutschland momentan als Begleitung während Schwangerschaft, Geburt oder Nachsorge tätig. Davon sind 89 % (auch) freiberuflich tätig. Absolut betrachtet steigen die Hebammenzahlen zwar, die meisten von ihnen arbeiten jedoch in Teilzeit. Seit 2009 haben 25 % aller freiberuflich tätigen Hebammen die Geburtshilfe aufgegeben. Inzwischen kümmert sich nur noch rund ein Fünftel aller Hebammen um Geburten - ob in oder außerhalb von Krankenhäusern. Eine alarmierende Zahl! Besonders in ländlichen und in grenznahen Regionen im Osten und Südosten fehlen Hebammen, die Geburten begleiten. Aber auch in Ballungsräumen suchen Frauen zum Teil sehr lange nach einer Wochenbett- oder 1:1-Betreuung.

Auch in Krankenhäusern wird die Versorgungslage schlechter: So arbeiten immer mehr Krankenhäuser mit freiberuflichen Hebammen, deren Beschäftigung ihnen eine größere Flexibilität verspricht. Das bedeutet, dass auch die in Krankenhäusern tätigen Hebammen von der Last der Haftpflichtbeiträge betroffen sind, da die Krankenhäuser die steigenden Kosten nicht übernehmen.

Wahlfreiheit wird eingeschränkt

680.000 Kinder wurden 2011 hierzulande geboren. Rund zwei Prozent dieser Geburten fanden nicht in Krankenhäusern, sondern zu Hause oder in einem der bundesweit über 160 Geburtshäuser statt. Gerade diese außerklinischen Geburten sind akut gefährdet: Frauen, die nicht in der Klinik gebären möchten, könnten zukünftig Probleme bekommen, eine Hebamme zu finden, die noch Geburten betreut. Viele Geburtshäuser waren kurz davor ihren Betrieb einzustellen, weil sie an steigenden Betriebskosten zu zerbrechen drohten. Hier hat sich die Lage durch eine Einigung auf Erhöhung der Pauschalen Anfang Juni 2012 etwas entspannt.

Der größte Teil der Frauen entscheidet sich aber für eine Geburt im Krankenhaus - und viele möchten sich dabei von der “eigenen”, vertrauten Hebamme begleiten lassen, die sie bereits während der Schwangerschaft unterstützt hat. Doch diese sogenannten Beleghebammen arbeiten ebenfalls freiberuflich und stehen deshalb vor den gleichen Problemen wie die Hebammen in den Geburtshäusern. Immer weniger freiberufliche Hebammen können es sich noch leisten, Geburten zu betreuen - egal ob die Geburt zu Hause, im Geburtshaus oder im Krankenhaus stattfindet.

Was bleibt als Alternative? In Kliniken angestellte Hebammen arbeiten oft unter viel größerem Druck. Eine Hebamme ist dort meist für mehrere Frauen - oft auch gleichzeitig - zuständig. Durch die Arbeit im Schichtsystem kann es passieren, dass die zuständige Hebamme mitten während der Geburt wechselt. Auf individuelle Wünsche und Bedürfnisse kann so weit weniger eingegangen werden. Außerdem wird häufiger in den Geburtsvorgang eingegriffen: In Krankenhäusern kommen nur 50% der Kinder auf natürlichem Weg zur Welt. Über 30 % der Kinder werden inzwischen per Kaiserschnitt geholt - eine rein medizinisch nicht erklärbare Rate. Bei weiteren knapp 20 % wird die Geburt durch Hormone eingeleitet. Medikamente werden häufiger eingesetzt, die Dammschnittraten sind hoch.

Unabhängig davon, ob Frauen sich für eine Geburt im Krankenhaus mit oder ohne Beleghebamme, im Geburtshaus oder zu Hause entscheiden: Eine Geburt darf nicht am Fließband stattfinden. Eine indviduelle Betreuung durch eine Hebamme muss möglich sein - vor, nach und vor allem während der Geburt.

Gesundheitsminister Bahr muss handeln!

Ende 2010 traten die freien Hebammen in einen Streik. Der damalige Gesundheitsminister Rösler versprach, sich für die Hebammen einzusetzen, brach dieses Versprechen aber: Bis heute hat sich nichts an der Notlage der Hebammen verändert. 2012 bestätigte Gesundheitsminister Bahr, veranlasst durch eine Studie des IGES-Instituts, die Notsituation der Hebammen noch einmal. Anlässlich bundesweiter Proteste zum internationalen Hebammentag am 5. Mai 2012 appellierte er an die Krankenkassen, die Vergütung zu erhöhen. Doch diese sehen sich noch immer nicht in der Pflicht und verweisen auf dadurch angeblich steigenden Krankenkassenbeiträge. Kurz- und mittelfristig lösbar ist die verfahrene Situation nur durch eine für die Kassen bindende Verordnung aus dem Gesundheitsministerium. Helfen Sie mit und fordern Sie Gesundheitsminister Bahr auf, für die Hebammen aktiv zu werden!

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