„Kohle stoppen – Klima und Dörfer retten“ – Rede von Christoph Bautz

Rede am Aktionstag, 22. Juni, 14:30 Uhr
(Es gilt das gesprochene Wort.)

„Our house is on fire – Unser Haus brennt“ – mit dieser Warnung ziehen seit Monaten Millionen Schüler*innen überall auf diesem Planeten durch die Straßen. Doch mit dem heutigen Tag machen wir als Klimabewegung den nächsten großen Schritt: Wir gehen jetzt alle gemeinsam dorthin, wo die Brandherde sitzen. Und in ganz Europa sitzt der größte genau hier: im Rheinischen Kohlerevier.

Wir alle nehmen es nicht mehr hin, wenn riesige Kohlebagger Wiesen und Felder, Dörfer und Wälder in die Tiefe reißen und Mondlandschaften hinterlassen. Wir schauen nicht mehr zu, wenn die Kraftwerke von Neurath, Niederaußem und Weisweiler 10 Prozent der deutschen CO2-Emissionen in den Himmel schicken. Das, was hier passiert, ist ein Verbrechen! Ein Verbrechen am Weltklima und an künftigen Generationen. Dagegen braucht es einen Aufstand. Und wir alle sind dieser Aufstand!

Die Schüler*innen haben uns alle eine Konsequenz gelehrt, die radikal ist und doch das einzig Realistische: Wir müssen alles dran setzen, dass unser Planet nicht über die kritische 1,5-Grad-Grenze hinaus fiebert. Die Forschung ist sich einig: Jenseits der 1,5 Grad wird die Klimakrise unbeherrschbar, entwickelt sie eine unaufhaltbare Eigendynamik. Dann beginnt das größte Artensterben seit dem Ende der Dinosaurier. Drohen Dürren, Überschwemmungen und Hitzewellen, die letztlich das infrage stellen können, was wir Zivilisation nennen.

Die Klimakrise ist die existentielle Krise der Menschheit. Und genau deshalb bekommt es jede Regierung, die die Klimakrise nicht konsequent bekämpft, mit unserem tausendfachen Widerstand zu tun!

Das 1,5-Grad-Ziel einhalten – das bedeutet, dass wir sehr, sehr schnell und sehr, sehr konsequent handeln müssen. Konkret: Bis 2035 muss Deutschland klimaneutral sein. Bis 2035 muss dieser ganze Öl-, Gas- und Kohle-Irrsinn vorbei sein. Dann ist Schluss!

Doch eine solche gigantische Kraftanstrengung werden wir nur meistern, wenn eines nicht passiert: Dass Reiche sich leisten können das Klima zu verpesten, während Arme durch hohe CO2-Preise von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen sind. Entschiedene Maßnahmen gegen die Klimakrise werden nur von vielen Menschen unterstützt, wenn wir Hartz IV durch eine Grundsicherung ersetzen, Armut im Alter mit einer Garantierente beenden. Lasst uns das Klima schützen und Reichtum umverteilen. Lasst uns diese Land ökologischer und sozial gerechter machen. Wir sagen: Klimagerechtigkeit jetzt! Climate justice? Now!

Die Klimaforscher*innen sagen knallhart, dass bei der Lösung dieser Klimakrise eines nicht mehr funktioniert: ein bisschen. Ein bisschen über Klimaschutz reden. Ein bisschen einsparen. Und: Ein bisschen aus der Kohle aussteigen.

Genau das aber will die Kohle-Kommission. Von 40 GW Kraftwerks-Kapazitäten sollen gerade mal sieben bis 2022 abgeschaltet werden. Das reicht überhaupt nicht. Noch 20 Jahre sollen hier Kraftwerke laufen. Das geht gar nicht. Wir sagen: Steigt endlich richtig aus, schaltet die Kraftwerke ab – und zwar jetzt!

Gleichzeitig muss etwas zweites wieder ins Laufen kommen: der Ausbau der Erneuerbaren. Um 87 Prozent ist der Zubau bei der Windkraft seit letztem Jahr eingebrochen, weil Ausbaudeckel, Ausschreibungszwang und rigide Abstandsregelungen ihn ausbremsen. Alles drei muss weg, damit die Energiewende wieder erblühen kann. Kohle und Öl gehört die Vergangenheit. Die Zukunft gehört Sonne und Wind!

Die Kohle-Kommission hat uns eines gelehrt. Im Konsens mit RWE und Co., mit Kompromissen werden wir das Klima nicht retten. Das sage ich ungern, denn eigentlich ist der Kompromiss eine Errungenschaft, die eine funktionierende, parlamentarische Demokratie auszeichnet. Das Problem ist nur: Die Klimaphysik schließt keine Kompromisse. Das Klima bekommen wir nur gerettet, wenn wir die physikalischen Grenzen des Planeten konsequent achten – und nicht auf die Profitinteressen von RWE.

Liebe Freundinnen und Freunde, wir werden die Rettung des Planeten nur erstreiten, indem wir uns mit den Exxons und RWEs, mit den General Motors und Daimlers dieser Welt ganz massiv anlegen!

Genau das tun zur Stunde viele Tausende Menschen, die zu den Mitteln des Zivilen Ungehorsams greifen. Tausende bringen heute gewaltfrei mit Ende Gelände Kohlebagger, Kohlebahnen und Kraftwerke zum Stillstand. Das was Ende Gelände vorhat mag nicht ganz legal sein – aber angesichts des Kohle-Wahnsinns ist es bitter nötig und äußerst legitim! Lasst uns jetzt ein Zeichen der Solidarität rausschicken an die Tausenden, die gerade in den Tagebauen unterwegs sind, und gemeinsam ihren Slogan rufen: Auf geht’s, ab geht’s, Ende Gelände!

Der anlässlich seines 90. Geburtstags gerade viel gefeierte Philosoph Jürgen Habermas schrieb: „Jede rechtsstaatliche Demokratie, die ihrer selbst sicher ist, betrachtet den zivilen Ungehorsam als normalisierten, weil notwendigen Bestandteil ihrer politischen Kultur.“ Ja, gut begründeter Ziviler Ungehorsam ist ein Fest für eine funktionierende Demokratie. Deshalb fordere ich die Polizei auf: Tretet dem gewaltfreien und mutigen Protest der Bürger*innen, die unser aller Zukunft verteidigen, heute mit Bedacht und Achtung entgegen. Schlagstock und Pfefferspray, Räumpanzer und Wasserwerfer haben beim heutigen Einsatz nichts, aber auch rein gar nichts verloren!

Liebe Freund*innen, unsere Klimabewegung hat einen Lauf. Union und SPD geraten in Panik weil ihnen die Wähler*innen ob ihrer Ignoranz gegenüber der Klimakrise davon laufen. Daraus erwächst eine immense Chance, dass die Politik jetzt handeln muss. Lasst uns dieses Momentum nutzen und am nächste große Streiktag Freitag, der 20. September überall gemeinsam auf die Straße gehen, generationenübergreifend. Und der Politik zeigen: Wir lassen nicht mehr locker, bis die Bagger endlich still stehen und die Schlote nicht mehr rauchen! Wo Recht zu Unrecht wird, da wird Widerstand zur Pflicht!

Pressestelle

Svenja Koch, (Foto) Pressesprecherin und Olga Perov, Volontärin

Die Pressestelle bietet Journalist*innen Informationen zu Kampagnen und Themen von Campact und WeAct (auch Bildmaterial) und vermittelt Gesprächspartner*innen.