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Die Alternative für Deutschland (AfD) zeigt sich im Sommer 2022 zerstritten, vor allem in Niedersachsen, wo die nächsten Wahlen stattfinden. Und ihr fehlt das Thema von 2015, als sie mit der Hetze gegen Geflüchtete punkten konnte. Wer aber denkt, dass dies das Ende der AfD zumindest im Westen sei, sollte sich die Meinungsumfragen anschauen. Bis zu 14 Prozent bundesweit zeigen die Institute an, die besten Werte seit Beginn der Coronakrise im Frühjahr 2020. Und in Sachsen und Thüringen kommt die AfD weiterhin auf einen Höchstwert von 28 Prozent bzw. 25 Prozent, jeweils drei Prozentpunkte vor CDU bzw. Linkspartei.

Peak Oil und der ‚Wutwinter‘

Die AfD wird ohne eigenes Zutun gewählt. Ich gehöre zu denen, die vermuten, dass die Angst um Verarmung der Humus ist, der die AfD gedeihen lässt. Und Teile der AfD setzen genau auf diese Karte. Höcke, der den faschistischen Flügel in der AfD und zugleich die Partei als stärkste Kraft in Thüringen anführt, propagierte bereits vor über zehn Jahren einen rechtsextremen Ansatz, der heute mehr und mehr zu greifen scheint: die mit einer Energiekrise einhergehende Destabilisierung der Gesellschaft.

Faschistische Parteien arbeiten nicht nur mit Rassismus. Die British National Party glaubte beispielsweise an einen Zusammenbruch der von ihr gehassten Gesellschaft, sobald die Fördermenge an Erdöl rückläufig wurde. Zu diesem mit „Peak Oil“ benannten Zeitpunkt hatte auch die Bundeswehr eine Studie veröffentlicht und warnte vor damit einhergehenden gesellschaftlichen Destabilisierungen. Björn Höcke hatte unter dem Pseudonym ‚Landolf Ladig‘ genau diese Bundeswehrstudie 2011 stellenweise plagiiert. Er schrieb, dass die „nationale Systemopposition“ sich auf diese Zeit vorbereiten müsse, wenn sich gegenseitig „aufpotenzierende Krisendynamiken“ im Zuge dieser Energiekrise eine „Revolution“ denkbar werden ließen. Mit der AfD bereitet Höcke ’seinen‘ Flügel nun seit fast zehn Jahren auf den Umsturz vor.

Zwar sind wir noch nicht beim Peak Oil, aber der Krieg Russlands gegen die Ukraine führt zu einer Knappheit und extremen Verteuerung von Erdgas. Es ist zu befürchten, dass Inflation und explodierende Energiepreise die vom faschistischen Flügel forcierte Kampagne ‚Wutwinter‘ 2022/23 stärken. Zwar wird es nicht zu einen Umsturz kommen, aber der AfD könnten wie 2015 wieder Wähler*innen zulaufen. Und es ist mit einem verstärkten ’stochastischem Terrorismus‘ zu rechnen. ‚Stochastischer Terrorismus‘ umschreibt die Wahrscheinlichkeit von Terroranschlägen in Abhängigkeit der Verbreitung einer Hass-Stimmung. Mit der Lautstärke des faschistischen Umsturzgeschreis steigt die Wahrscheinlichkeit faschistischer Anschläge.

Wärmestrom und Petromaskulinität

Ernst Bloch kritisierte in seiner Faschismusanalyse der 1930er Jahre ‚Erbschaft dieser Zeit‘ die Linke für ihre einseitige Ausrichtung auf ‚kalte‘ Analyse. Zwar sei die Analyse wichtig, aber um die Menschen anzusprechen, sei neben diesem „Kältestrom“ auch der „Wärmestrom“ wichtig, den die Faschisten sehr viel besser bedienen würden. Es ginge darum, auf die konkreten Ängste und Hoffnungen der Menschen einzugehen.

Wichtig sei zudem, die „gleichzeitige Ungleichzeitigkeit“ im Auge zu haben, so Bloch in seinem 1935 herausgegebenen Buch, bestimmte gesellschaftliche Gruppen (Bauerntum, Adel, aber bestimmte Berufsgruppen des Mittelstandes) seien von Werten vergangener Gesellschaften geprägt und daher besonders anfällig für faschistisches Geraune.

Literatur

Ernst Bloch: Erbschaft dieser Zeit, Frankfurt am Main (1935) 1962

Cara New Daggett: Petromaskulinität. Fossile Energieträger und autoritäres Begehren, Berlin (erscheint im Nov. 2022)

Heute können wir eine neue Gruppe der Ungleichzeitigkeit ausmachen, der Cara Dagett
das Merkmal „Petromaskulinität“ zuschreibt. Ihr Buch zum Zusammenhang von „autoritärem Begehren“ und „fossilen Brennträgern“ erscheint in Deutschland im November 2022. Ich würde in ähnlicher Weise von „fordistischer Männlichkeit“ sprechen. „Fordismus“ ist abgeleitet vom Autofabrikanten Henry Ford, der erstmals Autos als Massenprodukte am Fließband fertigen ließ, womit er ein ganzes Zeitalter prägte. Dieses geht aufgrund der Ressourcenknappheit, der Digitalisierung und nicht zuletzt der Klimakatastrophe unwiederbringlich zu Ende. Mit kalten Analysen lässt sich diese Petromaskulinität nicht sinnvoll begegnen. Die Sehnsüchte und Hoffnungen müssten zeitgemäß angepasst werden.

Für den Herbst und Winter 2022/23 erhält der Begriff ‚Wärmestrom‘ eine zusätzliche Bedeutung. Während ich dies schreibe, gehen an zahlreiche Haushalte Briefe an Mieter*innen heraus mit den neuen Gas- und Strompreisen. Viele werden befürchten, die Miete mit diesen Nebenkosten nicht mehr bezahlen zu können.

Wenn der faschistische Wärmestrom hier nicht brodeln soll – Kubitschek und Höcke reiben sich schon die Hände –, muss der soziale Wärmestrom der echten Grundsicherung erschlossen werden: Niemand soll die Wohnung verlieren. Hierfür müssen wir auf die Straße gehen – schon allein aus antifaschistischen Gründen.

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Autor*innen

Andreas Kemper recherchiert als freischaffender Soziologe zu Netzwerken der Ungleichheit und analysiert deren Ideologien. Seine kritischen Analysen zu Klassismus/Neoliberalismus (klassismus.de), Rassenbiologie und organisiertem Antifeminismus (diskursatlas.de) führten bereits im Juli 2013 zu seinem Buch „Rechte Euro-Rebellion“ zur AfD als Sammelbecken dieser Strömungen. Es handelte sich hierbei um die mit Abstand erste kritische Buchpublikation zur AfD. Kemper warnte hier nicht nur vor der Entstehung einer rechten Partei, sondern konnte auch als erster die Anschubfinanzierung durch die Finck-Gruppe genau bestimmen. Nicht zuletzt seine profunden Recherchen zu Björn Höcke (alias Landolf Ladig) führten zur Überwachung der AfD durch den Verfassungsschutz. Aktuell recherchiert Kemper zu „Libertarismus“, totalitär-kapitalistischen Privatstadtprojekten und schreibt an einem Buch zur Vorherrschaft des Adels im Antifeminismus („Die Aristokratie des Antifeminismus“). Im Campact-Blog schreibt er als Gast-Autor über seine aktuellen Recherchen und Beobachtungen. Alle Beiträge

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