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Häufig sind es kleine Steine, die ganze Lawinen ins Rollen bringen. Im medialen Zeitalter genügt ein empörter Beitrag oder ein ausgeschmücktes Video voller unbelegter Behauptungen, um Shitstorms auszulösen. Tausendfach gelikt, Hundertfach geteilt, frisst sich die Welle unaufhaltsam durch private Feeds bis auf die Titelseiten etablierter Medien. Eine Strategie, die primär von sogenannten „Alternativen Medien“ verfolgt wird.

Doch wie funktioniert das und warum ist das so gefährlich? An diesem Punkt setzt Luis Paulitsch mit „Alternative Medien. Definition, Geschichte und Bedeutung“ an. Der Jurist und Medienethiker ist ehemaliger Referent des Österreichischen Presserats. Seit 2024 hilft er beim Aufbau der DATUM STIFTUNG für Journalismus und Demokratie. Kurz: Paulitsch kennt die Versäumnisse der Medienlandschaft.

Wie viel Reichweite haben „Alternative Medien“?

Ein konkretes Beispiel ist Annalena Baerbock. Kurz nach ihrer Nominierung zur Kanzlerkandidatin 2021 tauchten in österreichischen rechtsalternativen Portalen Behauptungen auf, ihr Studienabschluss sei erfunden. Die Story verbreitete sich über die Nischenportale in Österreich und landete schließlich in etablierten deutschen Medien. Wie Correctiv später feststellte, waren mehrere dieser Portale in Linz unter derselben Adresse gemeldet – selbst die Autor*innen überschnitten sich teilweise.

Auch die Kampagne gegen Frauke Brosius-Gersdorf, die als Richterin für das Bundesverfassungsgericht vorgeschlagen war, zeigte, wie „Alternative Medien“ demokratische Diskurse beeinflussen: Wochenlange Angriffe rechter Blogs führten dazu, dass Teile der CDU/CSU-Fraktion ihre Wahl blockierten. Bei Markus Lanz sagte sie: „Es geht auch darum, was passiert, wenn sich solche Kampagnen, und es war in Teilen eine Kampagne, durchsetzen, was das mit uns macht, was das mit dem Land macht, mit unserer Demokratie.“ Ende August 2025 zog sie ihre Kandidatur zurück. Beide Fälle zeigen, wie strategisch solche Erzählungen von „Alternativen Medien“ orchestriert werden und wie stark sie mittlerweile in politische Prozesse eingreifen können.

Wer oder was sind „Alternative Medien“?

Rechtsextrem, verschwörungsideologisch, apokalyptisch und misstrauisch – so sieht die heutige Schublade der „Alternativen Medien“ aus. Doch Paulitsch ordnet historisch ein: Ursprünglich waren „Alternative Medien“ vor allem linke Projekte, die sich gegen bestehende Machtverhältnisse richteten, etwa die Pamphlete der 68er oder die freien Radios und Piratensender der 80er Jahre. Ihr Ziel war es, Abstand vom Mainstream zu gewinnen und neue Räume zu schaffen.

Einige dieser Projekte und Ideen existieren bis heute. So finden sich unter dem Begriff „Alternative Medien“ nach wie vor linke Mobilisierungsprojekte sowie seriöse, alternative Journalismusformen. Beispiele hierfür sind die mobilisierenden Publikationen im Stil der Arbeiterinnenbewegung wie Rote Fahne, Mosaik oder Kontrast. Aber auch linksliberale Medien wie Krautreporter, Republik oder Das Lamm, die sich dem Slow Journalism verschrieben haben und in ihre Recherchen und Geschichten Zeit und Tiefe investieren.

In Kontrast dazu stellt Paulitsch die „Aufdecker der Mainstream-Lügen“: Medien, die Politik und Journalismus grundsätzlich unter Verdacht stellen, etwas zu vertuschen. Zu ihren Verfechtern gehören die rechtsextreme Zeitung Junge Freiheit, das rechte Magazin Compact und die österreichische rechte Zeitschrift Info-DIREKT. Verschwörungstheorien und Esoterik sind dort ebenso allgegenwärtig wie apokalyptische Weltansichten. Portale wie Alpenschau, MMnews oder Alles Schall und Rauch verbreiten Erzählungen von globalen Eliten und Insidejobs, stets mit dem Versprechen: „Wir wissen, was wirklich läuft.“

Parallelwelten – und warum sie funktionieren

Aber wer fühlt sich von solchen Narrativen angezogen? Vor allem Menschen, die misstrauisch sind und sich nach und nach in medialen Parallelwelten verlieren, in denen „Alternative Medien“ den Ton angeben. Das ist nicht neu, doch die COVID-19-Pandemie hat den Trend massiv beschleunigt, so Paulitsch. Telegram-Kanäle sammelten Tausende von Followern, und Portale wie MMnews oder Alles Schall und Rauch verbreiteten die Erzählung vom „Great Reset“ – einer angeblichen Verschwörung der Eliten, die die Pandemie inszeniert hätten, um eine totalitäre „Neue Weltordnung“ zu etablieren. Der typische Mechanismus: Ein Funken Wahrheit wird aufgeblasen und wirkt dann „irgendwie plausibel“.

Abgrenzung ist notwendig

Online existieren die Strömungen der „Alternative Medien“ nebeneinander. Für die Nutzer*innen ist es kaum noch möglich, zu unterscheiden. Das ist ein Problem, betont Paulitsch, vor allem, weil rechtsalternative Medien erstaunlich viele Narrative nach oben schleusen. Erst in Nischenportalen, dann in rechten Parteien, die diese wiederum verstärken.

Eine gefährliche Symbiose, die weit über klassische Propaganda hinausgeht. Die Arbeitsweisen der öffentlich-rechtlichen und der rechtsradikalen „Alternativen Medien“ sind jedoch völlig unterschiedlich.

„Stimmungsmache ist keine Berichterstattung. Nicht überall, wo Journalismus draufsteht, ist auch Journalismus drin“, findet auch Daniel Günther (CDU). Schleswig-Holsteins Ministerpräsident wurde zuletzt wegen seiner Äußerungen in der TV-Runde von Markus Lanz gezielt angegriffen. Dort hatte er gesagt, dass Plattformen wie NIUS nicht zur „Meinungsvielfalt“ beitragen, sondern systematisch gegen demokratische Institutionen hetzen und Lügen verbreiten. Außerdem hat er sich dort für Qualitätsstandards auch für „Alternative Medien“ sowie gegen das Verbreiten von Falschnachrichten ausgesprochen.

Auch Paulitsch fordert eine klare Trennung von journalistischen und nicht-journalistischen Medien. Denn Transparenz, Quellenprüfung und Einordnung sind keine Fragen der politischen Ausrichtung, sondern des professionellen Handwerks. Ein Ansatz, den auch staatliche Medienförderungen berücksichtigen sollten.

Fazit: Orientierung im Online-Stimmengewirr

Luis Paulitsch gelingt es, in „Alternative Medien. Definition, Geschichte und Bedeutung“ eine ausgewogene Balance zwischen Verständlichkeit und tiefgehender Analyse zu finden. Er zeigt, dass „Alternative Medien“ weder allein gefährlich noch ausschließlich bereichernd sind. Vielmehr sind sie ein Symptom einer sich wandelnden Gesellschaft. Gleichzeitig stellt er die unbequeme Frage nach der Verantwortung im Journalismus. Eine Pflichtlektüre für alle, die den Zusammenhang zwischen Krisenzeiten, alternativen Medien und rechtspopulistischen Parteien verstehen wollen.

Springer VS, 120 Seiten, für 17,99 Euro – ganz ohne akademischen Schnickschnack.

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