Wie viele andere Familien hatten auch wir die Grippe. Erst die Kinder, dann der Vater. Ich hielt durch – bis zum Schluss. Als dann alle halbwegs fit waren, erwischte es mich. Zwar konnte ich mich krankmelden, doch spätestens ab 14.30 Uhr war es mit dem Ausruhen vorbei. Die Kinder mussten aus der Kita abgeholt und den restlichen Tag betreut werden. Ob Magen-Darm oder Grippe: Am Nachmittag hilft kein Attest. Da heißt es „Augen zu und durch“.
Teilzeit-Arbeit führt zu Teilzeit-Erholung
Ist in einer heterosexuellen Beziehung der Mann krank, kann er meist darauf zählen, dass die Frau den Nachmittag alleine stemmt – wie sonst auch. Umgekehrt klappt das selten. Denn nach wie vor übernehmen Frauen deutlich mehr Care-Arbeit und arbeiten dementsprechend häufiger in Teilzeit.
Im Jahr 2024 lag die Teilzeitquote bei Frauen bei 49 Prozent und bei Männern bei 12 Prozent. Bei Müttern liegt sie mit 68,4 Prozent nochmals höher. Grund dafür ist nicht ihr fehlender Wille oder ihr „Lifestyle“, sondern die nach wie vor ungleiche Verteilung von Care-Arbeit, fehlende Kitaplätze sowie ausreichend Kita-Personal, zu wenig Ganztagsschulen oder unbezahlbare Pflegeplätze.
Gerade wenn sie selbst krank sind, trifft die unbezahlte Doppelbelastung Frauen hart. Oft fehlt dann jede Unterstützung. Insbesondere ohne das sogenannte „Dorf“. Und ganz ehrlich: Wer lädt mit Grippe oder anderen hochansteckenden Krankheiten Oma oder Opa zu sich ein? Vorausgesetzt, sie leben überhaupt in der Nähe.
Gerade Alleinerziehende stehen vor einer enormen Belastung: Wer kümmert sich um die Kinder, wenn Mama mit Grippe im Bett liegt?
Wie krank sind die Deutschen?
Laut Statistischem Bundesamt waren Beschäftigte 2024 im Schnitt 14,8 Tage krank – 2021 waren es 11,2 Tage. Die Zunahme liegt laut der Behörde auch daran, dass die seit 2022 mögliche elektronische Krankschreibung Krankmeldungen besser erfasst. Die AOK bestätigt das und nennt Atemwegserkrankungen sowie einen Anstieg psychisch bedingter Fehltage als Hauptgründe, wie die Tagesschau zusammenfasst.
Dass die telefonische Krankschreibung daran Schuld ist, wie Bundeskanzler Friedrich Merz jüngst bei einer Wahlkampfveranstaltung in Baden-Württemberg behauptete, schließt die AOK aus. Sie erkennt keinerlei Anzeichen für systematischen Missbrauch.
Die telefonische Krankschreibung ermöglicht es Ärzt*innen, bei leichten Krankheiten bis zu fünf Tage telefonisch krankzuschreiben. Die Vorteile sind offensichtlich: Ruhe und Erholung statt Warten in vollen Wartezimmern, wo man sich eventuell noch den nächsten Infekt mitnimmt.
Die CDU setzt Kranke unter Druck
Doch statt die Ursachen für den „hohen“ Krankenstand in den Blick zu nehmen, setzt die CDU Arbeitnehmende noch weiter unter Druck. Zunächst forderte sie, dass mehr Frauen in Vollzeit arbeiten sollten; nun will eine CDU-interne Gruppe das Recht auf Teilzeit kippen. Dann stellte Markus Söder (CSU) die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall zur Debatte. Das Bürgergeld wird abgeschafft, Sanktionen drohen. Und jetzt will die CDU auch noch Anreize dafür schaffen, dass Arbeitnehmer*innen krank zur Arbeit gehen.
Kind-Krank-Tage
Dabei stehen berufstätige Eltern schon jetzt unter enormem Druck. Selbst, wenn sie es nicht wollten: In vielen Familien müssen beide Elternteile auch in den ersten Kleinkindjahren einer Lohnarbeit nachgehen, um über die Runden zu kommen. Wer kennt nicht das schlechte Gewissen, wenn man sich schon wieder kindkrank melden muss?
Zwölf Infekte (!) hat ein durchschnittliches Kind pro Jahr, die begleitet und umsorgt werden müssen. Für den Arbeitgeber brauchen Eltern bereits ab dem ersten Tag ein ärztliches Attest. Völlig absurd. Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, fordert im Gespräch mit Spiegel Online: „Auch hier sollte das ärztliche Attest in den ersten drei Tagen überall abgeschafft werden.“
Ebenso unverständlich ist, dass Eltern für diese „Kindkranktage“ nur einen Anteil ihres Gehalts ausgezahlt bekommen. Und das auch nur auf Antrag bei der Krankenkasse. Jedem Elternteil stehen 2026 15 Tage zu (Alleinerziehende erhalten 30 Tage pro Kind). Bei mehreren Kindern sind das insgesamt maximal 35 Arbeitstage je Elternteil. Das klingt viel. Ist es in der Realität aber nicht.
Faire Familienpolitik braucht Familienkranktage
Optimistisch gerechnet, trifft die Hälfte der Infekte auch die Eltern – vor allem in den ersten Jahren mit Kind. Doch Erholung bekommen sie eben nur bis Kitaschluss. Was es also braucht: Familienkranktage. Ein Kontingent für die gesamte Familie (Großeltern gerne mit eingeschlossen), damit im Zweifel auch der in Vollzeit arbeitende Vater am Nachmittag die Sorgearbeit übernehmen kann.
Eine gerechte Familienpolitik sollte diese Lücke schließen. Anstatt Eltern unter zusätzlichen Druck zu setzen, könnte sie dafür sorgen, dass auch erkrankte Eltern die notwendige Unterstützung erhalten. Denn wer sich nicht richtig ausruhen kann, wird auch nicht schnell wieder gesund. Während meine Kinder wieder fit sind, hält sich mein Husten hartnäckig. Ohne mich zu weit aus dem Fenster zu lehnen, kann ich wohl behaupten: Hätte ich mich mehr ausruhen können, ginge es mir längst besser.