Als ich vor Kurzem gefragt wurde, wo ich wohne und was ich dort mache, antwortete ich wahrheitsgetreu: „Mecklenburger Seenplatte, ab und zu irgendwo herumfahren, arbeiten und leben und Zeit mit meiner Hündin im Wald verbringen. Das ist eigentlich alles.“ Die Reaktion fiel überrascht aus, ablesbar an der Gesichtsmuskulatur meiner Gesprächspartnerin. „Sehr ungewöhnlich für eine junge Frau“, antwortete sie. Stimmt das? Nach Mecklenburg-Vorpommern bin ich 2019 für den Job gekommen, gewohnt habe ich in Greifswald sowie als 136. von insgesamt 136 Einwohner:innen auf einem nahegelegenen Dorf in Vorpommern.
An der Seenplatte bin ich eher zufällig gelandet. Erstens, weil mir meine Wohnung als erster Treffer bei der Google-Suche angezeigt wurde. Zweitens, weil ich quasi im erweiterten Berliner Wedding wohne und dadurch zur Not schnell irgendwelche beruflichen Gespräche in der Großstadt führen kann. Und drittens, weil sich hier mein extrem hohes Bedürfnis nach wenig Stress und viel Platz zum Denken erfüllt. Nie sind mir in den vergangenen sechs Jahren Vorurteile begegnet. Der einzig lustig geführte Streit, den ich zum Thema Herkunft hier jemals geführt habe, war, ob Jägerschnitzel denn nun mit Pilzsauce oder aus Wurst sei. Entwarnung: Beides nicht mein Ding.
Karriere nur in Großstädten
Tatsächlich lässt sich belegen, dass ein Bleiben in MV, vor allem im ländlichen Raum, wirklich ungewöhnlich ist. Das mag meinem Alter (Mitte 30) geschuldet sein, in dem man gerne nach Karriere oder Kindern fragt. Beides lässt sich eher in deutschen Großstädten wie Berlin, Hamburg, Köln oder München erledigen und verwirklichen.
Deswegen sind in Großstädten auch im Schnitt mehr Frauen als Männer zu finden – während in ländlichen Landesteilen die Frauen eher die Landflucht antreten und ein Männerüberschuss herrscht:

Dieses Ostdeutschland hingegen scheint gemäß der demografischen Faktenlage voller Probleme zu stecken. Anders als überall anders auf der Welt treffen sich hier Überalterung, Geschlechterungleichheit und eine geringe Kinderquote – und dann wohnen auch noch 60 Prozent der Menschen auf dem Land. In Westdeutschland sind es nur 26 Prozent, wie die Soziologin Katja Salomo weiß. Folgerichtig sei die ostdeutsche Gesellschaft deswegen ländlich geprägt, die westdeutsche städtisch. Wer freiwillig in den ländlichen Raum zieht, macht das häufig so, dass es sich leicht pendeln lässt – also, dass man schnell wieder weg kann.
Landflucht: Tschüss hoch qualifizierte junge Frauen
In einem Interview mit der taz spricht Salomo darüber, dass hauptsächlich Frauen aus ländlichen Gebieten in Ostdeutschland abgewandert sind; die meisten in der großen Abwanderungswelle zwischen 2000 und 2005. Und obwohl der Abwanderungseffekt heute nicht mehr so groß ist, stellt sie fest, dass Frauen nach wie vor seltener zurückkommen. Es gibt also Lücken. Abwanderung passiere heute, weil keine geeigneten Ausbildungsplätze auf dem Dorf zu finden seien – und wegen der Tatsache, dass man für den gleichen Beruf bei der gleichen Ausbildung und nicht sonderlich höheren Lebenshaltungskosten in beispielsweise Sachsen viel weniger verdiene als in Bayern.
Ebenfalls gebe es in Ostdeutschland insgesamt weniger Dienstleistungsberufe – also Berufe, die immer noch häufiger von Frauen ausgeführt werden. Und: Frauen haben seltener Führerscheine. Im ländlichen Raum mit einer kläglich funktionierenden ÖPNV-Infrastruktur kommt man so erfahrungsgemäß nicht besonders weit. Salomo zufolge kommt laut Umfragewerten auch das Fehlen von Cafés, Bars und Kultur auf dem Land als Faktor für Landflucht dazu.
Wenn Frauen dann noch dazu mitbekämen, dass die Hälfte der Bevölkerung die AfD wähle – eine Partei, die rechtskonservative Familien- und Frauenpolitik vertritt –, könnte das Bleiben noch unattraktiver werden, schätzt die Soziologin, auch wenn dazu noch keine konkreten Untersuchungen vorliegen.
Wieso eigentlich bleiben?
Aus demografischer Perspektive gibt es also gerade für Frauen einige Nachteile, im ländlichen Raum zu bleiben. Auch die Rostocker Soziologin Melanie Rühmling kennt die Statistiken und bestätigt: Die Abwanderung aus ländlichen Räumen sei qualifikationsorientiert, altersspezifisch und geschlechtsselektiv. Oder konkreter: „Es gehen die hochqualifizierten jungen Frauen.“ Sie betont in ihrem Dissertationsprojekt den gesellschaftlichen Druck, der auf bleibende Frauen ausgeübt wird:
Die Absicht, die Region zu verlassen, wird in der Regel ungefragt hingenommen. Wenn Frauen in der Region verbleiben, verlangt dies scheinbar eine starke Reflexion sowie eine gute Rechtfertigung.
Melanie Rühmling in „Bleiben in ländlichen Räumen. Wohnbiographien und Bleibenslebensweisen von Frauen aus Mecklenburg-Vorpommern“
Denn wer in ländlichen Räumen bleibt, entscheidet sich gegen Karriere, bekommt keinen Job, verschwendet gute Schulnoten, hat schlechtere Chancen auf dem Ausbildungsmarkt und langweilt sich zu Tode ohne Mofa. Oder? Sofern sich all das anhand von Demografie erklären lässt, stellt sich die Frage: Wieso könnten Frauen trotz so vieler Komplikationen bleiben und vor allem bleiben wollen?
Auch Bleiben kann dynamisch sein
Rühmling beschäftigt sich nicht mit denen, die ohnehin schon viel Aufmerksamkeit bekommen: die, die zurück- oder neu dazukommen und häufig viel Elan und progressive Power mitbringen, um den ländlichen Raum neu zu gestalten. Ihr Fokus liegt auf denen, die vor Ort geblieben sind. Die Forscherin interessiert sich vorwiegend für Frauen, die schon da waren.
Befragt hat Rühmling Frauen in Mecklenburg-Vorpommern und dabei festgestellt: Anders als medial erzählt ist das Bleiben in ländlichen Räumen kein starres Verhalten, sondern ein komplexer Prozess, der sich stetig wandelt. Statt Stagnation und Stillstand wird das Bleiben ständig hinterfragt. Fragen können sein: Passt die soziale Dimension noch – gefällt mir mein Umfeld, mein Netzwerk? Wie steht es um die aktuellen Lebensbedingungen vor Ort – passt die Infrastruktur und das Jobangebot für mich? Und schließlich auch die biografische Erfahrung, die gesammelt wird: Passt das zu meinen aktuellen Lebensumständen?
Jenseits der urbanen Karriere-Logik
Verschiedene Bleiber:innen lassen sich dabei unterscheiden. Die Kritische Bleiberin beispielsweise ist entweder negativ eingestellt und will am liebsten gehen. Rühmling spricht im Interview mit dem Deutschlandfunk über eine Frau, deren Ehemann einen Generationshof übernommen hat, auf dem die gesamte Familie arbeitet. Sie hingegen wisse von sich selbst, dass sie es im städtischen Bereich einfacher habe, und schaffe sich Strategien, um auf dem Dorf für Normalität zu sorgen – und sei es, Kuchen auf dem Dorffest zu servieren. Die positive Variante der Kritischen Bleiberin ist vom Bleiben überzeugt und setzt sich dafür ein, häufig auch gegen Widerstände. Da verschwindet der erworbene Doktortitel vom Klingelschild, um sich anzupassen, und häufig müssen Argumente gegen kritische Fragen von Arbeitskolleg:innen gefunden werden. Daneben gibt es auch die Selbstverständliche Bleiberin: Das Gehen spielt und spielte für sie einfach keine Rolle.
Was Rühmling nach ihrer Recherche auch schreibt und feststellt: Dass häufig nicht Erwerbsarbeit, Freizeit-, Bildungs- und Kulturangebote in Bezug auf die Frage nach Gehen oder Bleiben relevant sind. Sondern, dass es für viele Frauen um sogenannte „räumliche Aneingungsbezüge“ geht, „die letztlich in sozialen Bezügen ihren Ausgangspunkt finden“. Es seien vorrangig die Beziehungen vor Ort, die Perspektiven für Gebliebene in ländlichen Räumen schaffen. Mit gängigen und medial häufig erzählten Vorurteilen räumt Rühmling also auf. Trotz demografischer Fakten belegt ihre Forschung, dass das Bleiben im ländlichen Raum durchaus ein bewusster und progressiver Akt sein kann. Gut so! Ländliche Regionen brauchen nicht nur Rückkehrer:innen, sondern auch die, die bewusst bleiben – und neue Formen jenseits der urbanen Karriere-Logik entwickeln.
Das Land für Tomaten, Seen und Ruhe
Heute gibt es zwar einen positiven Bevölkerungssaldo in MV. Fakt ist aber auch: Mehr Leute sterben, als hier geboren werden. Es werden also immer noch immer weniger. Mein Landkreis, der Landkreis Mecklenburgische Seenplatte, verliert Rühmling zufolge bis 2040 geschätzt 13 Prozent seiner Einwohner:innen. Dabei sind wir mit 47 Einwohner:innen pro Quadratkilometer schon einer der am dünnsten besiedelten Landkreise Deutschlands.
Mich haben sie wahrscheinlich noch nicht eingerechnet, ich bin erst seit März 2025 vor Ort. Zu meiner Verteidigung will ich anbringen, dass ich es nach sechs Jahren in MV mittlerweile auch ungewöhnlich finde, freiwillig in Berlin leben zu wollen – zum Beispiel, wenn man gut schlafen, mal eine Sekunde alleine an einem See verbringen, Tomaten anbauen, mit Tieren leben oder einfach so seine Nerven schonen will. Aber müssen ja alle selbst wissen.