Ich sage „Hallo“ und sehe meinem Bekannten ins Gesicht. Doch er erwidert meinen Blick nicht. Seine Augen kleben an meinem Bauch. Ich bin schwanger, und inzwischen sieht man das auch. Seit ich schwanger bin, dreht sich alles um den Bauch. Auch in der Bebilderung von Artikeln, auf der Packung von Nahrungsergänzungsmitteln, in Broschüren. Was ich kaum noch sehe: die Gesichter der Frauen, zu denen dieser Bauch gehört. Schon werdende Mütter werden so auf ihren Platz verwiesen: hinter das Kind. Diese Priorisierung ist nicht nur symbolisch, sondern hat konkrete gesellschaftliche Konsequenzen.
Der Bauch: Das Symbol für die Schwangerschaft
Dass mein Bauch plötzlich im Mittelpunkt steht, wurde mir schon zu Beginn der Schwangerschaft klar. Meine erste Begegnung: Auf fast allen Nahrungsergänzungsmitteln für Schwangere steht der Bauch im Zentrum. Dass man in der Frühphase der Schwangerschaft äußerlich noch gar nichts sieht? Dass hormonelle Veränderungen – etwa der Anstieg von HCG, Östrogen und Progesteron – viel wichtiger sind und für die ersten spürbaren Schwangerschaftssymptome sorgen? Egal.

Nicht anders sieht es in der Bebilderung von Artikeln oder bei einer Google-Bildersuche zur Schwangerschaft aus. Frauen werden oft so fotografiert, dass ihr Gesicht fehlt oder sie auf ihre Körpermitte blicken. Ihr Gesicht und Ausdruck – der Marker für die eigene Identität, Stimmung und Charakter – bleiben unsichtbar. Die Kleidung? Beige, pastell-lila, rosa. Die Vorstufe zur Unsichtbarkeit.
Wer mehr über die hormonellen Veränderungen in der Schwangerschaft erfahren will, findet in diesem Podcast spannende Einblicke.
Blicke: zuerst auf den Bauch
Am Anfang der Schwangerschaft ärgerte mich primär dieses frauenfeindliche Marketing. Doch seit man den Bauch sieht, irritieren mich auch meine Mitmenschen. Häufig wandern ihre Blicke zuerst zum Bauch, nicht in mein Gesicht. Das führt zu seltsamen Begrüßungen und verrät auch eine Prioritätenverschiebung: Der Fötus zuerst!
Frauen tauschen sich über diese seltsame Erfahrung in Online-Foren aus. Eine Nutzerin eröffnete auf Reddit einen Thread unter dem Titel „Ich hasse es, dass ich FÜHLEN kann, wie alle auf meinen Bauch gucken“. Eine andere antwortete: „Oh mein Gott, das!!!! Ich hasse es, wenn Leute offensichtlich versuchen, meinen Körper zu begaffen!“ Normalerweise wäre das selbstverständlich – es ist ja auch unhöflich, Frauen auf die Brust zu starren –, aber im Fall der Schwangerschaft scheinen diese Standards ausgesetzt zu werden.
Eine meiner privatesten Entscheidungen ist ungefragt öffentlich
Nun meinen viele vielleicht, der Bauch wäre nicht wie die Brust: nicht in gleicher Weise sexualisiert und deshalb Höflichkeitskonventionen unterworfen. Doch der Bauch ist, wie Zeit-Autorin Annabel Wahba schreibt, „eine der empfindlichsten Zonen des Körpers, dort hat das Innerste seinen Sitz, das Bauchgefühl. Hunde, die sich einem Gegner unterwerfen, legen sich auf den Rücken und geben ihr Verletzlichstes preis, den Bauch.“
Auch bei Schwangeren bleibt der Bauch eine intime Zone, die nun eine private Entscheidung beherbergt. Diese Entscheidung wird jetzt ungefragt öffentlich. Ganz anders bei meinem Partner: Seine Entscheidung für ein Kind bleibt privat, er entscheidet, wen er daran teilhaben lässt.
Dass man den Bauch einer Schwangeren nicht ungefragt anfasst, ist inzwischen zu vielen Menschen durchgedrungen. Doch dass auch das Anstarren und Kommentare unangenehm sein können, dafür fehlt vielen das Feingefühl.
Reduziert auf das Kind
Doch es geht nicht nur um den Schutz der Privatsphäre. Eine weitere Frau berichtet in einem Forum: „Seit ich es auf der Arbeit bekannt gegeben habe, kann ich nicht mehr durch den Büroflur gehen, ohne dass jede einzelne Person, an der ich vorbeigehe, meinen Bauch anstarrt, als ob sie erwarten, dass ein Baby seine Hand rausstreckt und winkt. […] So. Unangenehm.“
Auch ich empfinde diese Form der Aufmerksamkeit als befremdlich. Ich verstehe die Neugier, aber ich bin nicht nur ein Transportmittel für das Kind, sondern immer noch dieselbe Person, die für sich stehen und gesehen werden will.
Das heißt nicht, dass man nicht über die Schwangerschaft sprechen darf. Aber zwischen Starren und einer interessierten Nachfrage liegt ein weites Feld. Leute könnten mich auch einfach fragen, wie es mir geht. Dann hätte ich einiges zu erzählen: Dass ich viel verpeilter bin, aber auch viel entspannter damit – vermutlich wegen des gestiegenen Schwangerschaftshormons Progesteron. Dass die Veränderungen in meinem Körper – von denen der wachsende Bauch nur die sichtbarste ist – herausfordernd und aufregend sind. Oder dass ich jetzt schon schlecht schlafe, obwohl ich dachte, dass ich „vorschlafen“ könnte für die Zeit, wenn das Baby da ist.
Biopolitik: Auch für den Staat geht es vor allem um das Kind
Die Begegnungen aber stehen nicht nur für sich. Sie spiegeln wider, welchen Stellenwert Kinder und Mütter in der Gesellschaft haben. Frauen gelten dann als wertvoll, wenn sie Kinder austragen. Neben dem Kind – oder, solange es noch im Bauch ist, dem Bauch – treten sie selbst in den Hintergrund.
Besonders deutlich wird das in der medizinischen Versorgung. Natürlich bin ich dankbar für die umfangreiche und enge Begleitung: Die Gesundheitsversorgung für Schwangere in Deutschland zählt zu den besten weltweit. Ich schätze die feindiagnostischen Ultraschalls, die Tests auf Schwangerschaftsdiabetes und die regelmäßigen Kontrollen sehr.
Medizinische Versorgung: Frauengesundheit bleibt zweitrangig
Dennoch bekommt die exzellente Versorgung einen etwas schalen Beigeschmack, wenn man den Genderbias im weiten Feld der Medizin betrachtet: Herzinfarkte bei Frauen* werden oft übersehen, weil ihre Symptome von denen der Männer abweichen. Schmerzen von Frauen* werden häufig weniger ernst genommen und behandelt. Forschung wird häufig nur an Männern durchgeführt und die Ergebnisse werden auf Frauen übertragen – obwohl Medikamentendosierungen und Nebenwirkungen stark abweichen können. Einen ähnlichen Bias gibt es zwischen weißen Menschen und Menschen of Color: Schwarzen Frauen wird etwa eine höhere Schmerztoleranz unterstellt und deshalb weniger Schmerzmittel gegeben – gerade unter der Geburt ein echtes Problem.
Auch was gesundheitliche Risiken nach der Schwangerschaft angeht, zeigt sich diese Lücke: Schwangerschaftsdiabetes oder Bluthochdruck werden während der Schwangerschaft eng überwacht, weil sie das Kind gefährden könnten. Doch nach der Geburt ist unklar, wer überhaupt für die Nachsorge zuständig ist – Gynäkolog:in, Hausärzt:in oder Internist:in? Dabei ist diese Nachsorge entscheidend: 30 bis 50 Prozent der Schwangeren mit einer Schwangerschaftsdiabetes entwickeln in den zehn Jahren nach der Entbindung einen Typ-2-Diabetes. Frauen mit Schwangerschaftsbluthochdruck haben ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkte oder Schlaganfälle. Auch das Brustkrebsrisiko ist in den ersten fünf bis zehn Jahren nach der Geburt erhöht, ein zusätzliches Monitoring gibt es nicht.
Nur wichtig für die Reproduktion
Das Signal: Frauen zählen hauptsächlich dann, wenn sie gerade ein*e neue*n Staatsbürger*in austragen. Doch das wird uns nicht gerecht – und eigentlich sollte es nicht notwendig sein, das zu schreiben: Auch in der Schwangerschaft bleibe ich eine eigene Person, die auch unabhängig von ihrer Entscheidung, ein Kind zu bekommen, gesehen und ernst genommen werden will. Konkret würde das bedeuten, mich zu sehen und nicht nur den Bauch, interessiert nachzufragen, wenn die persönliche Beziehung das nahelegt, und natürlich die Gesundheitsversorgung für Frauen zu verbessern. Für Väter sind diese Konventionen und Leistungen ihr ganzes Leben lang selbstverständlich.