Bereits Ende November veröffentlichte das Statistische Bundesamt Zahlen, die aufhorchen ließen. Demnach wurden in den ersten neun Monaten des Jahres über 42.000 Tonnen Feuerwerkskörper nach Deutschland importiert – knapp 63 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum und ein Rekord seit Beginn der Erhebung im Jahr 2001. „Die Zahlen deuten darauf hin, dass es einen besonders lauten Jahreswechsel geben wird“, vermeldete die Deutsche Wildtier Stiftung daraufhin. Nach einem anhaltenden Umsatzhoch in den vergangenen drei „rekordverdächtigen“ Jahren war auch 2025 die Nachfrage nach Feuerwerk und Böllern groß. Und da sind illegal importierte Böller gar nicht mit eingerechnet.
Die laute Knallerei um den Jahreswechsel – oft schon Wochen vor dem offiziellen Verkaufsstart – setzt Haustiere unter Stress. Jedes Jahr entlaufen um Silvester Hunderte Tiere, aufgeschreckt und in Panik. Laut dem Haustierregister „Tasso“ wurden um den Jahreswechsel 2024/2025 insgesamt 428 entlaufene Hunde an den zwei Tagen gemeldet. Zum Vergleich: An normalen Tagen sind es durchschnittlich 79.
Aber auch Wildtiere leiden unter der jährlichen Silvester-Böllerei, allen voran Vögel und kleine Säugetiere. Die Konsequenzen für sie sind immens – und oft ungesehen.
Kraftraubende Flucht vor Böllerei
Die meisten Wildtiere verharren derzeit im winterlichen Ruhe- und Energiesparmodus. Sie bewegen sich wenig, paaren sich nicht, singen selten und unternehmen keine weiten Reisen. Das knappe Nahrungsangebot zwingt sie, ihre Kräfte sorgsam einzuteilen, um den Winter zu überstehen.
Böller stören sie bei ihrer Winterruhe: Vögel in der Stadt, wie Enten, Gänse, Tauben, Möwen sowie Raben und Singvögel, schrecken unvermittelt auf.
Das unerwartete Pfeifen, Zischen und Blitzen von Raketen, der ohrenbetäubende Krach von Böllern sowie die teils spürbaren Druckwellen versetzen die Vögel in Panik.
Lea-Carina Hinrichs, Artenschützerin bei der Deutschen Wildtier Stiftung
In ihrer Angst steigen sie hoch auf und fliegen oft kilometerweit. Eine internationale Studie unter Leitung des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie in Konstanz und des niederländischen Instituts für Ökologie belegt dies: „Oft kehren sie auch erst Tage später an ihren angestammten Platz zurück“, erklärt Lea-Carina Hinrichs von der Deutschen Wildtier Stiftung. Das kostet die Vögel sehr viel Kraft, die sie bis zum Ende der nahrungsarmen Jahreszeit dringend brauchen. Auf ihrer hektischen Flucht fliegen sie häufig auch gegen Gebäude, Bäume oder Stromleitungen. Viele sterben dabei.
Fehlgeburten, Verletzungen und akute Bedrohung
Auch Säugetiere sind gefährdet: Jedes Aufschrecken kann lebensbedrohlich enden, wenn sie in Städten über Straßen flüchten. Füchse, die nachts in Siedlungen nach Nahrung suchen, finden oft nicht in ihr gewohntes Versteck zurück, sondern suchen Zuflucht in Gärten und Garagen. Igel und andere Winterschläfer wie Haselmaus, Feldhamster oder der Gartenschläfer ruhen zwar in ihren Verstecken, störanfällig sind sie aber trotzdem.
Fluchttiere wie Rehe oder Feldhasen leiden besonders stark. Als mögliche Beute von Raubtieren sind sie sehr wachsam. Laute Geräusche oder Lichtblitze lassen sie sofort aufschrecken. Dazu kommt: Viele Wildtiere – darunter Rehe, Marder, Dachs und Hermelin – sind seit Herbst trächtig, um ihre Jungen im Frühjahr zu gebären. Bei ihnen setzt die sogenannte „Keimruhe“ ein; das bedeutet, der Embryo wächst nicht so stark über den Winter. Aber sie überwintern mit ihren Embryonen in kritischen Stadien. Störungen und Panik durch Feuerwerk können so stark belasten und erschöpfen, dass die Entwicklung des Embryos darunter leidet und es früher oder später zu einer Fehlgeburt kommt. Auch bei Stalltieren wurden schockbedingte Fehlgeburten durch Feuerwerk nachgewiesen.
Das ist bei Fledermäusen anders – sie stört der Krach in ihren Höhlen, Tunneln und alten Gemäuern in der Regel weniger. Gefährlich wird es jedoch, wenn Menschen Böller genau dort hineinwerfen. Der Krach und die Rauchgase können die Fledermäuse aufwecken. Die Tiere, die auf Insekten angewiesen sind, fliegen dann desorientiert umher, finden keine Nahrung und verbrauchen wertvolle Energie.
Ein Böllerverbot würde helfen
Am schonendsten für Menschen und Tiere ist es, wenn die Knallerei ganz ausbleibt. Wer unbedingt böllern möchte, sollte Gärten, Parks und Gewässer inklusive der Uferbereiche möglichst meiden – Wälder und Wiesen sowieso. Für Feuerwerk eignen sich große, versiegelte Flächen, auf denen sich nur selten Wildtiere ansiedeln.
Eine Alternative wäre ein bundesweites Verbot privater Feuerwerke. Französische Städte, New York und Australien machen es vor. Stattdessen könnten Städte oder Gemeinden Feuerwerksshows zum Jahreswechsel organisieren – wie ab 2026/27 in den Niederlanden. So könnte auch sichergestellt werden, dass keine Umweltbelastung vorliegt, Menschen und Tiere nicht gefährdet werden und der Müll hinterher ordnungsgerecht entsorgt wird.
Seit Jahren fordern Hunderttausende ein Böllerverbot. Nach dem erneut chaotischen und desaströsen Jahreswechsel in Deutschland setzt sich auch Campact erneut für ein Böllerverbot in Deutschland ein. Der Appell an den Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU): Ändern Sie das Sprengstoffrecht, damit Städte, Kreise und Kommunen regionale Böllerverbote erlassen können! Damit wäre ein guter Schritt in die richtige Richtung getan, sodass ab dem Jahreswechsel 2026/27 alles ruhiger verläuft.