Tech-Milliardäre wie Elon Musk, Peter Thiel oder Marc Andreessen propagieren eine Welt, in der Effizienz, Beschleunigung und technologische Macht wichtiger sind als Mitbestimmung. Sie streben nach Räumen, in denen sie nicht mehr gebremst, reguliert oder zur Rechenschaft gezogen werden können. Dabei steht mehr auf dem Spiel als Wirtschaft oder Innovation. Es geht um die Frage, ob wir als Gesellschaft demokratiefähig bleiben – oder ob diese Fähigkeit systematisch untergraben wird.
Räume ohne demokratische Rückkopplung
Die neuen Tech-Eliten investieren in Sonderwirtschaftszonen, schwimmende Staaten („Seasteads“), private Städte wie Starbase oder Marskolonien. Das wirkt futuristisch, ist aber ein sehr reales politisches Projekt. Ziel ist es, Orte zu schaffen, an denen nicht mehr Parlamente, sondern Investoren entscheiden. Wo nicht Bürgerinnen und Bürger zählen, sondern Kapital. Wo nicht öffentliche Regeln gelten, sondern private Verträge.
Der Historiker Quinn Slobodian beschreibt diese Entwicklung als „Kapitalismus ohne Demokratie“: die systematische Entkopplung wirtschaftlicher Macht von demokratischer Kontrolle. Dabei geht es nicht um weniger Staat, sondern um weniger Rückkopplung. Macht soll nicht mehr antworten müssen, schon gar nicht auf kritische Fragen.
Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum Empathie, Mitgefühl oder soziale Verantwortung für viele dieser Akteure als Schwäche gelten. Wer sich in andere hineinversetzt, lässt sich begrenzen. Wer Rücksicht nimmt, kann nicht maximal optimieren. Für eine Ideologie, die alles auf Wachstum, Beschleunigung und Dominanz ausrichtet, ist genau das ein Problem.
Angst als politisches Werkzeug
Diese Logik bleibt nicht auf die Chefetagen von X, Meta oder Palantir beschränkt. Sie wirkt längst in unseren Alltag hinein. Autoritäre Systeme – ob staatlich oder digital – müssen Menschen nicht zuerst mit Gewalt unterwerfen. Es reicht, sie in einen dauerhaften Alarmzustand zu versetzen: durch Krisen, durch Empörungswellen oder durch algorithmisch verstärkte Polarisierung. Wer permanent unter Druck steht, verliert die Fähigkeit, zuzuhören, abzuwägen und Komplexität auszuhalten.
Der Philosoph Eugene Gendlin beschrieb den inneren Zustand, der dafür notwendig ist, als felt sense: ein feines, körperliches Gespür für Stimmigkeit, Bedeutung und Wahrheit jenseits fertiger Parolen. Wird dieser Sinn blockiert, übernehmen einfache Feindbilder und autoritäre Erzählungen die Deutungshoheit. Demokratie zerfällt dort, wo Menschen aufhören, einander wirklich wahrzunehmen.
In der Gig-Economy etwa bleibt kaum Raum für die demokratische Praxis. Effizienz, Geschwindigkeit und Performancebewertungen bestimmen den Alltag. Zeit für Mitsprache, Reflexion oder gemeinsames Entscheiden gibt es nicht. In dieser dystopisch anmutenden Gegenwart wächst der Druck auf das atomisierte Individuum in einer tief verunsicherten Welt drastisch. Unter dieser permanenten Belastung gehen genau jene Fähigkeiten verloren, die Demokratie tragen: Zuhören, Abwägen und der Umgang mit Widersprüchen.
Logik der Gegenräume
Was also tun? Hilfe kommt von ungeahnter Seite. Der Anthropologe Prof. Dr. David Graeber hat in seinen Studien etwas Erstaunliches gezeigt: Ausgerechnet in einer der brutalsten, unsichersten und gewalttätigsten Umgebungen der frühen Neuzeit entstanden hochentwickelte demokratische Strukturen. Noch vor der Aufklärung, die als Reaktion auf die Willkür der Feudalherrschaft und des Absolutismus entstand, experimentierten Piraten mit neuen Formen des Zusammenlebens. Diese standen dem damaligen Establishment entgegen und waren in vieler Hinsicht egalitär und demokratisch organisiert.
Die Piraten wählten ihre Kapitäne, konnten sie absetzen, teilten Beute und Risiko und entwickelten verbindliche Regeln für Konfliktlösung und Gerechtigkeit. Warum? Weil sie wussten, dass in einer Welt ohne äußere Sicherheit nur eines schützt: gegenseitige Rechenschaft.
Piraten waren für Imperien gefährlich, nicht wegen ihrer Kanonen, sondern wegen ihrer Organisationsform. Sie zeigten, dass Menschen auch unter extremem Druck in der Lage sind, sich selbst demokratisch zu regieren. Sie waren lebendige Gegenmodelle zur absolutistischen Ordnung der damaligen Weltreiche.
Graebers zentrale Einsicht lautet:
Die größte Bedrohung für Herrschaft ist nicht Rebellion, sondern funktionierende Gegenorganisation.
Genau deshalb sind digitale Räume heute so umkämpft, politisch wie psychologisch. Wer ihre Beziehungsstrukturen kontrolliert, bestimmt nicht nur, wie wir kommunizieren, sondern auch, nach welchen Regeln, Werten und Logiken sich Menschen orientieren. Damit beeinflusst er, wie Wirklichkeit wahrgenommen, gedeutet und schließlich gestaltet wird.
Widerstand als innere und äußere Praxis
Wie kann also Widerstand geleistet werden in einem neuen Feudalismus, der digital organisiert und autoritär durchgesetzt wird? Die Antwort liegt nicht in mehr Konfrontation, sondern in einem veränderten Verständnis von Widerstand. Nicht als reine Blockade. Nicht als dauerhafte Eskalation. Sondern als Praxis, demokratisch zu bleiben, wenn alles einen dazu drängt, es nicht zu sein.
Widerstand bedeutet heute:
- sich nicht aus der Beziehung treiben zu lassen,
- nicht in Zynismus zu kippen,
- nicht in Feindbildern zu erstarren,
- sich nicht von Algorithmen in Filterblasen einsperren zu lassen,
- nicht aufzuhören, gemeinsam Sinn zu suchen,
- zuzuhören, wo andere nur noch abwerten,
- und Komplexität auszuhalten, wo einfache Schuldige locken.
In diesem Sinne ist der wichtigste Ort der Demokratie nicht das Parlament. Es ist der Raum zwischen Dir und Deinem Gegenüber. Dort entscheidet sich, ob wir noch zuhören, noch zweifeln und gemeinsam denken können, oder ob wir uns in isolierte Reaktionsmaschinen verwandeln.
Zugespitzt: Die neue Form von Widerstand ist nicht Blockade, sondern Beziehungsfähigkeit unter Druck.
Das ist keine moralische Forderung. Es ist eine strategische. Denn jede autoritäre Ordnung – ob staatlich oder technisch – zerbricht dort, wo sich Menschen nicht gegeneinander, sondern miteinander organisieren.