Zwanzig Meter lang, über eine Tonne Gewicht: Das Rotorblatt einer Windkraftanlage ist eine imposante Erscheinung. Vor allem, wenn es als Sondertransport durch Berlin Mitte fährt!
Abgeladen vor dem Bundeswirtschaftsministerium, schichten Arbeiter*innen in orangen Overalls vor dem Rotorblatt einen Scheiterhaufen aus ausrangierten PV-Modulen auf. Umringt werden sie von Hunderten Protestierenden mit Schildern, auf denen „Katherina Reiche, hier hast Du Deinen Schrott“ und „Auf Gaslobby gehört, Energiewende zerstört“ steht.
Frust vor Katherina Reiches Wirtschaftsministerium
Die Campact-Aktion trägt den Namen: „Schrottplatz der Energiewende“. Der Anlass für die Aktion ist das von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche geplante „Netzpaket“. Von dem vor allem die fossile Lobby profitiert.
Verena Kraß hat die Aktion rund um das Rotorblatt mitorganisiert. Sie ist Campaignerin, seit 2021 bei Campact und verrät, wie viel Arbeit und Teamgeist hinter einer solchen Aktion steckt.
Mal ehrlich, Verena, woher bekommt man ein Windkraft-Rotorblatt?
Verena: So absurd das klingt – aber wir haben das geschenkt bekommen (lacht). Über einen Campact-Förderer haben wir Kontakt zu einem Bauern bekommen, auf dessen Fläche ein ausrangiertes Rotorblätter lag. Ursprünglich gehörte das einem Energieunternehmen und stammt von einem Windrad aus den 1990ern.
Als klar war, wir haben ein Rotorblatt, hat uns der Campact-Förderer eine Logistikfirma vermittelt, die Schwerlasttransporte in der Windbranche anbietet. Die wussten auch direkt, welche Genehmigungen wir für den weiteren Verlauf brauchen. Also Transportgenehmigungen, die vom Grünflächenamt für das Abladen und so weiter. Das sind übrigens noch nicht mal die Genehmigungen für die Versammlung selbst.
Spannend war auch, dass die Ämter sich die finale Verantwortung für die Genehmigungen untereinander hin- und hergeschoben haben. Unsere Anfrage war definitiv kein Tagesgeschäft.
Mehr Bilder findest Du auf dem flickr-Account von Campact.
Erinnerst Du Dich noch daran, wann ihr das erste Mal über die Aktion gesprochen habt?
Von Anfang an war klar, wir wollen irgendwas Spektakuläres machen, um die Klima-Sabotage der Regierung auf die Agenda zu setzen. Denn die Aufmerksamkeit für Klimathemen ist in den vergangenen Jahren stark gesunken. Normalerweise orientieren wir uns in unseren Kampagnen stark an politischen Prozessen, um Berichterstattung, die ohnehin da ist, zu bebildern oder zu kommentieren.
Bei dieser Aktion ging das nicht: Das Logistikunternehmen braucht für das Rotorblatt sechs Wochen im Voraus eine Zusage für den Transport. Da haben wir dann doch geschluckt: Was ist, wenn der Diskurs in sechs Wochen ganz woanders steht? Mit der Entscheidung haben wir uns schwergetan. Das erste Mal über die Rotorblatt-Aktion haben wir sicherlich schon vor einem halben Jahr gesprochen. Mittlerweile arbeitet ein rund 20-köpfiges Team daran.
Was waren für Dich überraschenderweise die drei schwierigsten Momente im Prozess?
Die Kosten-Nutzen-Abwägung. Also eine spektakuläre Aktion zu planen mit einem Rattenschwanz an Organisation – das bedeutet vor allem: Wir haben keine Möglichkeit, das zu verschieben, wenn das Timing nicht mehr passt! Und gleichzeitig bindet die Aktion total viele Ressourcen. Wären die woanders nicht doch besser investiert? Die Diskussion im fünfköpfigen Klima-Team, samt Christoph Bautz, bis zur Entscheidung – „wir machen das“ – war eine schwierige Geburt.
Dann das wochenlange Risiko, dass die Aktion nicht genehmigt wird. Aber trotzdem weiterzumachen und vorauszudenken, damit alles vorbereitet ist, wenn wir die Genehmigungen haben. Plötzlich meinte beispielsweise die Polizei im Vorgespräch, dass wir wegen eines selten angefahrenen Militär-Krankenhauses auf der für uns wichtigen Straße nur eine Fahrspur belegen können. Für einen Kran, der ein 20-Meter-Rotorblatt abladen soll? Schwierig. Brauchen wir also zwei Kräne, damit sie das Rotorblatt von beiden Seiten auf der gleichen Spur anheben können? Das waren viele Fragezeichen und auf jeden Fall ein harter Moment (lacht).
Und zuletzt – die Aktion läuft unter dem Slogan „Schrottplatz der Erneuerbaren“. Dafür hatten wir lange die feste Idee, vor Ort ausrangierte Solarpanels zu zerstören. Als wir aber nochmal nachrecherchiert haben, ist uns aufgefallen, dass dabei Schwermetalle freigesetzt werden. Damit hätten wir uns, die Campact-Aktiven, die Journalist*innen und so weiter total gefährdet. Da haben wir die Aktion natürlich nochmal umgeplant!
Was ist die Botschaft hinter der Aktion?
Unsere Botschaft geht an Wirtschaftsministerin Katherina Reiche. Vor kurzem wurde ein Entwurf ihres sogenannten Netzpakets geleaked. Wenn Katherina Reiche das durchzieht, erschwert sie den Ausbau von Wind- und Solarenergie massiv.
Dagegen protestieren wir, denn die erneuerbaren Energien gehören nicht auf den Schrottplatz. Kurzum könnte man sagen: Wir karren das Ergebnis ihrer geplanten Politik vor ihr Ministerium und laden es mit unserem Frust dort ab.
Was sind die langfristigen Ziele?
Über das Thema wird schon viel debattiert und das wollen wir ankurbeln. Es gibt noch eine Reihe an Gesetzesprozessen zur Energie- und Wärmewende, die geplant sind. Wir versuchen, den Druck auf Katherina Reiche hochzuhalten, um das Schlimmste zu verhindern.
Außerdem ist die Rotorblatt-Aktion ein Auftakt für eine größere Protest-Choreografie, die sich mindestens bis Ende Mai zieht. Denn wir wollen die Klima-Bewegung mobilisieren, die Erneuerbaren-Branche und die verschiedenen Akteur*innen im Klimabereich zusammenbringen. Mit Aktionen, die Spaß machen und zu weiterem Protest inspirieren. Seid gespannt!
Wirtschaftsministerin Katherina Reiche plant neue Gaskraftwerke, ganz im Sinne ihres ehemaligen Arbeitgebers. Dabei erreichen Wind- und Solarenergie gerade Rekordwerte. Dieser Kurs darf von Reiche nicht ausgebremst werden. Unterzeichne jetzt den Appell!