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Der Wolf ist zurück und regt so ziemlich alle auf. Einst ausgerottet und rund 200 Jahre verschwunden, ist er wieder in ganz Deutschland unterwegs. Um 2000 siedelte sich das erste Rudel in Sachsen an, ein Vierteljahrhundert später sind es bereits 209 Rudel. In Mecklenburg-Vorpommern leben 200 Wölfe in fast allen Regionen – sogar auf Rügen und Usedom, wo sich sonst nur Tourist*innen hintrauen. Und es werden immer mehr. Neun Rudel kamen im letzten Jahr dazu, in mindestens 24 davon gab es 93 Welpen, so das Wolfsmonitoring. Das Landwirtschaftsministerium schätzt die Zahl noch höher. 

Tod eher durch Bienenstich als durch Wolfsangriff 

Das heißt erstmal Zoff. Denn kein Tier hat so ein schlechtes Image wie der Wolf. Im Märchen gilt er als Großmütter fressender Bösewicht, Medien haben ihr Übriges getan. Dabei ist das Risiko für Menschen gering. Nur drei Gründe sollen zum Angriff führen: Tollwut (seit 2008 ausgerottet), Provokation (komplett unnötig) und Futterkonditionierung (nicht besonders schlau). Zwischen 1950 und 2020 starben in Europa neun Menschen durch Wölfe, insgesamt 127 Übergriffe wurde nachgewiesen. Fast alle Angriffe gingen von tollwutkranken Tieren aus. So gesehen sterben mehr Menschen an Hundebissen, Bienenstichen und Haiangriffen. Medienberichten zufolge gibt es aber auch aktuelle Wolfsangriffe. Angst ist aber nicht der einzige Vorbehalt gegen das Raubtier.

Fragwürdige 90-Zentimeter-Zäune

Dramatischer wirken sich Übergriffe auf Weidetiere aus. 2024 wurden rund 4.300 Nutztiere gerissen oder verletzt, meist Schafe und Ziegen. Die Verluste treffen Landwirtinnen und Landwirte ökonomisch und emotional. Sie bekommen zwar Geld für Schutzmaßnahmen – für Zäune und Herdenschutzhunde flossen 2024 23,4 Millionen Euro. Doch ob 90-Zentimeter-Zäune Wölfe abhalten? Fraglich. Hinzu kommt: Zäune und Herdenschutzhunde müssen nicht nur angeschafft, sondern gepflegt werden – das allerdings ohne Förderung, auf eigene Kosten. Das frustiert. 

Miese PR-Maschine für den Wolf

Was tun? Darf der Wolf überhaupt bleiben, wenn er solche Schäden verursacht? Die Debatte reißt nicht ab. Deutschland hat den Wolf nun von “streng geschützt” auf “geschützt” herabgestuft, auch um sogenannte Problemtiere leichter bejagen zu können. Doch eine generelle Bejagung verringert die Schäden nicht. Der Wolf ist schlau und vermehrt sich. Laut Naturschutzbund könnte das Gegenteil eintreten: Destabilisierte Rudel greifen möglicherweise eher an. Während all diesen Diskussionen taucht der Wolf ab und zu in der Regionalpresse auf – und macht Schlagzeilen, weil er sich der Menschheit nun auch tagsüber zeigt.

Der Wolf als Politikum

Es ist offensichtlich nicht erst seit gestern kompliziert. Seit Jahren suchen Forscher nach Wegen, wie Mensch und Wolf friedlich koexistieren können. Dabei geht es längst nicht mehr nur um das Tier, sondern um den Umgang der Menschen miteinander. Das Anti-Wolf-Lager steht dem Pro-Wolf-Lager gegenüber. Die Meinungen sind stark emotional aufgeladen und gehen weit auseinander. Der Wolf ist ein Politikum. Die Frage dahinter: Wie wollen wir eigentlich als Gesellschaft miteinander leben und welche Werte vertreten wir?

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Wie die AfD den „Stadt, Land, Wolfskonflikt“ für sich nutzt

Die einen argumentieren mit Artenschutz und Biodiversität. Für die anderen ist das Raubtier schlicht nutzlos und schädlich. Kulturhistorisch macht das Sinn: Der Mensch hat gelernt, die Natur zu beherrschen. Ein Raubtier, das Nutztiere reißt, stellt diese Herrschaft infrage – anders als der liebgewonnene Haushund.

Verhandelt wird also mehr als Zaunhöhen. Es geht um den Umgang mit Natur, Tieren, Berufen und mit Politik. Kein Wunder, dass der Wolf politisch instrumentalisiert wird und für Wahlkämpfe herhalten muss. Die AfD nutzt ihn seit Jahren, um im ländlichen Raum Stimmen zu gewinnen.

Häufig ist in diesen Zusammenhängen vom Stadt-Land-Konflikt die Rede. Doch was bedeutet das? Manche sprechen von „Arroganz der Städter“, andere kritisieren „grüne Journalisten“, die Probleme von Bauern und Jägern ignorierten. Die Kritik geht noch weiter: Tatsächlich wüssten viele Städter wenig über Landwirtschaft und wollten im Supermarkt nicht mehr zahlen, forderten aber trotzdem mehr Tierwohl. 

Laut einer Umfrage des Deutschen Jagdverbands sieht ein Drittel der Befragten im eher ländlichen Raum sich und die eigenen Haustiere vom Wolf bedroht; in der Stadt sind es nur 20 Prozent. Kein Wunder, in Berlin, Köln und Hamburg wurde er ja auch noch nicht gesichtet. Liegt der Wolf also zwischen Stadt und Land begraben?

Pflanzenfressende Autohasser gegen Bratwurstbauern

Für den Politologen und Ökonomen Lukas Haffert geht es um mehr als Raubtiere. Er sieht Gräben zwischen Gewinnern und Verlierern der Modernisierung. Auf der einen Seite quasi tierliebe, autofeindliche  Pflanzenfresser. Auf der anderen: autoabhängige Bratwurstbauern. Kontaktaufnahme? Schwierig. Beide Gruppen sehen sich in ihren eigenen Positionen ständig durch die bestätigt, die sie umgeben.

Petition: Herdenschutz statt Wolfsjagd

Zahlreiche Naturschutz- und Umweltverbände stellen sich hinter den Wolf. Katharina Weinberg vom NABU Bundesfachausschuss Große Beutegreifer hat dafür eine Petition auf WeAct gestartet, der Petitionsplattform von Campact. Sie appelliert an die Bundesregierung, andere Lösungen zu finden als den Abschuss – Vorschläge, die auch tatsächlich etwas bringen, gibt es genug. 

Bedingt sei dies durch ökonomische und soziale Faktoren. Ländliche Regionen leiden unter strukturellen Nachteilen: fehlende Hausärzte, schlechtes Internet, kaum öffentlicher Nahverkehr.  Gleichwertige Lebensverhältnisse? Fehlanzeige. Auch wenn der Forscher betont, dass ländliche Regionen unterschiedlich sind. Tatsächlich existiert der ländliche Raum so gesehen überhaupt nicht. Ein Kaff in Mecklenburg-Vorpommern ist anders als ein Kaff in Bayern und anders als ein Kaff nahe Hamburg.

„Partei der Dörfer, des Stadtrands und der Plattenbauviertel“

Haffert spricht von Agglomerationseffekten. Die Gesellschaft hat sich von einer Industrie- zu einer Wissensgesellschaft verändert – Kreative ziehen in Städte, Dörfer verlieren Einwohner. Das spaltet und erzeugt kulturelle Konflikte, die sich auf Wahlergebnisse auswirken können, so Haffert. Er sieht darin eine Möglichkeit für die AfD, sich als „Partei der Dörfer, des Stadtrands und der Plattenbauviertel“ zu inszenieren. Es geht also weniger um Stadt gegen Land, sondern um städtisch und ländlich geprägte Milieus.

Offensichtlich muss mehr verhandelt und geregelt werden als nur der Wolfsbestand. Hinter der Debatte stecken Fragen nach Natur, Ungleichheit und politischer Entfremdung. Vielleicht wiegt der Verlust von Identität schwerer als der Verlust von Schafen. Was ist ein Landwirt ohne seine Tiere, ohne Landwirtschaft?

Ländlicher Wolfsgegner trifft gebildete Wolfsbefürworterin 

Beim Thema Wolf jedenfalls geben Studien der vergangenen Jahrzehnte Aufschluss darüber, wo die Schneise verläuft. Wolfsgegner leben meist ländlich, bringen biologisches Tierwissen mit und arbeiten in der Landwirtschaft. Je größer die politische Entfremdung, desto deutlicher der Wunsch nach strengem Wolfsmanagement. Wolfsbefürworter sind oft akademisch gebildet, verdienen gut und wohnen in Städten. Doch auch Städter werden skeptischer, wie eine recht neue Studie aus Italien zeigt. Die Unterstützung für den Wolf könnte schwinden. Es verändert sich also gerade etwas.

Keine reine Wildtier-Problematik

Die Bundesregierung will ermöglichen, dass Problemtiere leichter getötet werden können. Das soll zwischen Juli und Oktober an Orten erlaubt sein, an denen sich der Wolf im günstigen Erhaltungszustand befinde. Zäune und Hunde sollen weiter gefördert werden. Inwiefern dieser Vorschlag umgesetzt wird, entscheidet sich in den kommenden Monaten. Studien schlagen vor, regional  und lokal zu befragen, Potenziale zu erkennen und echte Beteiligung zu ermöglichen. Was ist sinnvolle Partizipation eigentlich? Und führt mehr davon wirklich zur Lösung oder müssten die Formate einfach cleverer werden?

Andere Forscherinnen befürchten, die Interessen seien zu widersprüchlich. Konflikte gehören dazu und müssten manchmal einfach ausgehalten werden. Oh je. Es ist halt kompliziert mit den Raubtieren. Die leben einfach ihr Wolfsleben und wissen nichts von all dem Stress, den sie verursachen. Sollte die Menschheit das Politikum Wolf wuppen, klappt es gewiss auch irgendwann mit den Tieren selbst. Bis heute habe ich in Mecklenburg-Vorpommern keinen Wolf in freier Wildbahn gesehen – die Wahrscheinlichkeit ist bisher einfach zu gering.

Autor*innen

Juli Katz ist freie Journalistin in Mecklenburg-Vorpommern und schreibt über Politik, Wissenschaft, Kultur und Arbeit – gerne im ländlichen Raum. Alle Beiträge

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