In den drei Märchen „Der Wolf und die sieben Geißlein“, „Rotkäppchen“ und „Die drei kleinen Schweinchen“ gibt es eine Gemeinsamkeit: der böse Wolf. Doch so gruselig seine Rolle in der Geschichte auch ist, am Ende verliert er immer. Entweder gegen den wagemutigen Jäger oder gegen seine eigene Überheblichkeit.
In der echten Welt setzt sich diese Erzählung fort. Die EU-Kommission senkte vergangenen Sommer den Schutzstatus des Wolfs von „streng geschützt“ auf „geschützt“. Damit kann er leichter abgeschossen werden. Die Bundesregierung folgt prompt und passt das Bundesjagdgesetz an. Hier ist der Aggressor der Mensch, der Wolf das Opfer. Gemeinsam existieren ist nicht erwünscht.
Petition: Herdenschutz statt Wolfsjagd
Zahlreiche Naturschutz- und Umweltverbände stellen sich hinter den Wolf. Katharina Weinberg vom NABU Bundesfachausschuss Große Beutegreifer hat dafür eine Petition auf WeAct gestartet, der Petitionsplattform von Campact. Sie appelliert an die Bundesregierung, andere Lösungen zu finden als den Abschuss – Vorschläge, die auch tatsächlich etwas bringen, gibt es genug.
Der Wolf als Herdenreißer
Das wichtigste Argument für erleichterten Abschuss: der Schutz der Weidetiere. Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) sieht in den rund 1.400 Wölfen in Deutschland eine Bedrohung für Nutztierhalter*innen. „Wir brauchen aufgrund der Risse, die stattfinden, die Möglichkeit, den Wolf in einem bestimmten Zeitraum zu bejagen und Problemwölfe rechtssicher zu entnehmen“, sagt Rainer im Morgenmagazin. Problemwölfe sind Wölfe mit atypischem Verhalten. Dazu zählt: Sie zeigen sich zutraulich zum Menschen, nähern sich menschlichen Siedlungen oder reißen kurz nacheinander mehrere Nutztiere. Was Rainer aber auch sagt: Man wolle Nutztierhalter*innen beim Herdenschutz unterstützen.
Bereits jetzt können Halter*innen Unterstützung bekommen: zum Beispiel durch Elektrozäune, Hütehunde oder bauliche Maßnahmen. Die Bundesländer haben dafür Fördertöpfe. Die müssen aber auch in Anspruch genommen werden.
Was frisst der Wolf?
Rehe, Wildschweine, Rothirsche und Damhirsche machen 90 Prozent der Nahrung von Wölfen aus. Wölfe reißen auch Weidetiere, ja – allerdings sehr selten (1,6 Prozent). Am ehesten Schafe und Ziegen, denn sie flüchten nicht. Gerade nachts stehen die Herden an kaum überwachten und oft an wechselnden Plätzen.
„Die Anzahl der Risse, oder das Vorkommen von Rissen hängt nicht direkt an der Anzahl der vorhandenen Wölfe, sondern ob Herdenschutz angewandt wird oder nicht“, sagt Marie Neuwald vom NABU. Aber sie sagt auch: Die Schafbesitzer müssten ernst genommen werden. „Wir müssen ihnen großzügig die Möglichkeit geben, ihre Tiere zu schützen, etwa mit Zäunen, und sie großzügig entschädigen, schnell und unbürokratisch. Das ist eine wichtige Sache.“
Herdenschutz statt Wolfsjagd
Man ist sich eigentlich einig: Es geht darum, die Belange von Nutztierhalter*innen anzuerkennen und Maßnahmen zu ergreifen. Nur wie ist unklar.
Problemwölfe abschießen, Bestände durch menschliches Eingreifen regulieren: Das CSU-geführte Landwirtschaftsministerium ist auf der gleichen Linie wie die konservativen Fraktionen, die auf EU-Ebene die Herabsenkung des Schutzstatus durchgedrückt haben.
Umwelt- und Naturschutzverbände ziehen den forcierten Herdenschutz vor. Laut NABU gibt es nur sehr wenige Wölfe, die einen guten Herdenschutz überwinden. Dass die Angst des Wolfes vor Jägern und Menschen wächst, schützt die unüberwachten Schafe nachts auf ihrer Weide auch nicht.
Der Wolf als Menschenfresser
Dabei hat der Wolf ohnehin schon Angst vor dem Menschen; oder sagen wir besser: Er hat Respekt. Und geht ihm in der Regel aus dem Weg und tritt den geordneten Rückzug an.
Als größter Beutegreifer in Mitteleuropa hat der Wolf (neben dem Menschen) keine natürlichen Feinde und nimmt seine Rolle im Ökosystem Wald ernst. Wölfe halten die Populationen ihrer Beutetiere in Schach, nehmen alte und kranke Tiere aus dem Genpool und tragen so auch zum Erhalt des Waldes bei. Denn zu große Wildpopulationen (als Resultat unzureichender Jagd) schaden dem Wald, unter anderem dadurch, dass sie die jungen Triebe der Bäume abbeißen. Passiert das ab und zu mal, schadet das den Bäumen und dem Wald nicht. Ist die Wildpopulation zu groß, grasen die Herden ganze Schonungen ab und hemmen die natürliche Verjüngung des Waldes.
Überheblichkeit und Arroganz, wie ihm im Märchen oft unterstellt wird, legt er nicht an den Tag. Auch Menschen gehören nicht zu seiner Leibspeise. Seitdem der Wolf wieder in Deutschland ansässig ist, gab es keinen einzigen Angriff auf Menschen oder auch nur eine negativ auffällige Begegnung. Das hat eine Auswertung des „Norwegian Institute for Nature Research“ (NINA) ergeben.
Im vergangenen Sommer machte jedoch ein Vorfall aus den Niederlanden die Runde: In Utrecht (Niederlande) soll „Problemwolf Bram“ ein Kind angefallen und versucht haben, es in den Wald zu zerren. Solche Vorfälle sind in Europa extrem selten – und oft ein Resultat von distanzlosem Verhalten, einem gescheiterten Wolfsmanagement oder eine Antwort auf Aggression, die von Menschen ausging.
Der Problemwolf als Aggressor
Der Wolf kann an vielen Stellen nichts für sein schlechtes Image. Genau dieses führt aber dazu, dass Menschen Angst vor ihm haben oder sich falsch verhalten, was dann wiederum zu Schäden an Mensch und Tier führen kann. Die vom NINA dokumentierten Fälle involvierten oft sogenannte „Problemwölfe“; ein Begriff, der auch jetzt in der Debatte wieder auftaucht.
Bei „Problemwolf Bram“ nahe Utrecht spekulieren die Forscher*innen beispielsweise, ob er ein Wolf-Hund-Hybrid ist. Das kann zu Verhaltensauffälligkeiten führen. Andere Fachleute sagen, er sei vom Menschen in seinem Kerngebiet gestört worden. Nur deshalb sei er in das nahe Erholungsgebiet abgewandert, in dem es dann zu dem Angriff auf das Kind kam.
In anderen Fällen in Südosteuropa konnte nachgewiesen werden, dass Anwohner*innen die Wölfe zuvor gefüttert und „zutraulich erzogen“ hatten. Wiederholte Angriffe kommen vor allem dort vor, wo die Schaf-, Ziegen- oder junge Rinderherden wie „auf dem Präsentierteller“ stehen.
Wie können wir ein Zusammenleben regeln?
Problemwölfe können tatsächlich ein Problem darstellen, auch wenn sie es nicht selbst verschuldet haben. Selbst Naturschutzverbände sind für den Abschuss von problematischen Tieren. Denn sie brechen den stillschweigenden Vertrag zwischen Mensch und Tier: „Ich lass Dich in Frieden, Du lässt mich in Frieden.“
Die Befürchtung ist allerdings, dass der Mensch da nicht stoppt. Für manche Menschen muss erst eine Strafe drohen, damit sie aufhören, etwas Schädliches zu tun. Wenn jetzt die Bejagung des Wolfes nur mit schwammigen Vorgaben erlaubt wird, öffnet das Tür und Tor für wahllosen Abschuss.
Wollen wir in einem dicht besiedelten Gebiet wie Europa ein harmonisches, ökologisch vertretbares Zusammenleben aller Spezies haben? Dann brauchen wir Gesetze – und zwar solche, die sich nicht nur an Märchen orientieren. Das kann nur schief gehen.
Unterzeichne deshalb die Petition von Katharina Weinberg vom NABU: Herdenschutz statt Wolfsjagd – Stoppt die Novelle des Bundesjagdgesetzes!