„Schon wieder der Matthias“, denke ich. In dieser Redaktionsrunde meldet er sich bereits zum fünften Mal. Da würde er gerne noch was anmerken, hiermit ist er nicht ganz zufrieden, dies und jenes könnten wir nochmal bedenken. Ich blinzle die Uhr an. Irgendwie ist er heute renitent, hier geht gerade gar nichts glatt durch wie sonst. Matthias Meisner schreibt zu meiner Freude seit einiger Zeit für diesen Blog. Aber so habe ich ihn noch nicht erlebt.
Heute weiß ich: Er hat geübt. Und zwar wegen eines Buches, das er gemeinsam mit Paul Starzmann geschrieben hat. In „Mut zum Unmut“ rufen die beiden Journalisten zu mehr Ungehorsam auf, zum Hinterfragen; auch dazu, geschlossene Kompromisse erneut aufzuknibbeln.
Ihre These ist klar: Renitenz, Widerstand, Nein-sagen oder Hinterfragen und Nachhaken sind Werkzeuge eines demokratischen Miteinanders, im Großen und im Kleinen. Es ist anstrengend, zeitaufwändig und manchmal nervtötend – aber doch unverzichtbar, um voranzukommen und die Gesellschaft nicht dem Strom der Ja-Sager*innen zu überlassen.
Widerstand positiv und konstruktiv betrachten
Als Beleg nutzen Meisner und Starzmann konkrete Protagonist*innen und deren Widerspenstigkeit. Von Rosa Luxemburg, der „Abtreibungsärztin“ Kristina Hänel und Carolin Emcke geht es hin zur Letzten Generation und deren Sitzblockaden. Viel Raum geben die beiden Autoren den Verhältnissen in der Arbeitswelt. Und das ist eine Stärke des Buches. Nirgendwo sonst spielen sich Leid und Elend des Duckmäusertums und der Anpassung so hart ab wie hier. Abhängig und still gehalten von der Angst um Job und Geld, wird das Rückgrat gestaucht, bis die Bandscheiben rausfliegen. Dabei sind doch Vorschläge, Einwände und auch Störgeräusche die eigentliche Dynamik in Produktion und Dienstleistung.
Was Meisner und Starzmann gelingt: Sie bleiben positiv und konstruktiv. Es geht ihnen nicht um Zoff, den man lediglich aus Spaß oder Totalverweigerung initiiert. Ihre Widerspenstigkeit soll nicht Stillstand sein, sondern Antrieb zur Verbesserung. Das ist wichtig zu begreifen, weil es nämlich auch sehr leicht ist, sich selbst als ultimativen Widerstandskämpfer zu sehen, nur weil man mit markigen Parolen Leute aufrühren kann.
Keine Frage, dass die beiden schreiben können. Das Buch liest sich reibungslos. Der in Teilen anekdotische Charakter macht ein Vergnügen daraus. Wenn das Duo ankündigt, wie positiv letztlich die Berlin-Kreuzberger Hausbesetzerszene gewirkt hat, möchte man schon wissen, warum. Und ist danach auch deutlich schlauer.
Ein Herz für Querulanten
Manchmal sind es aber nur die ganz kurzen Ausrisse, die berühren. Da gibt es etwa den Tunesier Hedi Tounsi, der als Betriebsrat um Verbesserungen der Arbeitsverhältnisse bei seinem Arbeitgeber Amazon kämpft. Man wolle ihn loswerden, berichtet er. Wegen seines Engagements. Und dann berichtet er von der Drangsalierungen, die ihm widerfahren. Das ist traurig und macht wütend. Denn man ahnt, wie es innerlich in ihm aussieht, wie viel Kraft das kostet, wie hart es sein muss, sich jeden Tag wieder auf den Weg zu diesem Job zu machen.
Das Buch ist nicht bequem, das muss ich schon sagen. Es zwickt, wenn Meisner und Starzmann selbst dem härtesten Querulantentum noch was Positives abgewinnen. Aber immerhin machen sie es so, dass man es nachvollziehen kann. Und schaffen damit auf jeden Fall auch Verständnis füreinander. Immerhin, so die beiden, würden manche notorische Querulanten Lücken im Rechts- oder Bürokratiesystem aufdecken. Und das ist ja nun für alle gut.

Matthias Meisner/Paul Starzmann, Mut zum Unmut. Eine Anleitung zur politischen Widerspenstigkeit, Dietz Verlag, Berlin 2025 (ISBN: 978-3-8012-0707-6)
Zurück zur Redaktionssitzung. Die Zeit schreitet voran, andere Termine drücken. Matthias Meisner ist schon zum sechsten Mal dran. Ich lasse los und akzeptiere, dass wir ein bisschen länger brauchen. Ich höre zu, lasse mich darauf ein. Und muss erkennen, dass er einen wichtigen Punkt hat, den wir klären sollten. Seine Übung zur Renitenz hat an diesem Tag unsere Arbeit besser gemacht.