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Es sind beeindruckende 90 Sekunden: Eine Hackerin im pinken Power-Ranger-Kostüm löscht eine Neonazi-Dating-Plattform und eine ganze Reihe weiterer extrem rechter Online-Strukturen. Wie im Film läuft Text, der nach Programmier-Code aussieht, Zeile für Zeile über den Bildschirm, allerdings nicht im bekannten Giftgrün, sondern in Pink: „Delete whitedate.net filesystem ✅ Done ! (…) Delete backups for whitedate.net ✅ Done !“ Und so geht es weiter und weiter. Im Hintergrund jubelt das Publikum. 

Was für eine Pointe. Es gab ein offen rassistisches Neonazi-Dating-Portal, das in Sekunden gelöscht werden konnte? Wer sich dafür interessiert, schaut und teilt am besten das ganze Originalvideo auf media.ccc.de, dem Videoportal des Chaos Computer Club und kein Spin-Off irgendwo anders.

Wie aus Inhalten Content wird

Einige Influencer haben sich diese Geschichte geschnappt und eigenen Content dazu produziert. Ein 90-Sekunden-Hack einer Neonazi-Seite klickt sich viral-tauglich verpackt wunderbar. Dazu braucht es ein paar Filter, Kürzungen, eingeworfene Video-Schnipsel, viele Schnitte, ein knalliges Vorschaubild, einen klickfreundlichen Titel, eine lustige Kommentierung und ein möglichst bekanntes Gesicht. So sind potenziell ein paar Hunderttausend Klicks für den eigenen Kanal drin.

Mit Klicks gegen Rassismus?

Die neue Influencer-Reichweite hilft dabei, rassistische Netzwerke aufzudecken. Unter all dem Influencer-Content sind das schließlich relevante Inhalte. Also rein ins Social-Media-Plattformspiel: Wer kein eigenes Video produziert, kann schnell ein bereits gepostetes Kommentar-Video kommentieren oder einfach Content auf Instagram oder in einer Messenger-Gruppe teilen. Democracy saved ✅ Done!

Wie Plattformen Inhalte plattformen

Funktioniert die Aufmerksamkeitsökonomie der Social-Media-Plattformen also auch politisch progressiv? Wie gut läuft die informationelle Zusammenarbeit zwischen Hacktivismus, investigativem Journalismus und politischem Plattform-Influencing?

Leider gibt es einige, gern ignorierte Show-Stopper. Die großen US-Plattformen unterstützen aktiv antidemokratische Politik. Sie sind private Verkündungsplattformen in den Händen von Milliardären. Im Grunde dienen sie nicht der Kommunikation von Inhalten, sondern der Unterhaltungs-, Werbe- und Tracking-Industrie. Das Beispiel des Hacking-Vortrags zeigt, wie die Mechanismen der Plattformen komplexe Themen plattformen. Im Wortsinn: YouTube, Instagram und Co. machen Inhalte platt.

Vincent, Rezo & Co.: Bitte Autor*innen und Originale nach vorn

Zurück zur Hacking-Szene am Anfang: Die geschilderte Performance ist der Abschluss eines sehenswerten Vortrags beim Chaos Communication Congress über komplexe neue internationale Vernetzungen der extremen Rechten. Den Vortrag gehalten haben die unter dem Pseudonym Martha Root auftretende Hackerin im Power-Ranger-Kostüm und die Investigativjournalist*innen Eva Hoffmann und Christian Fuchs. Hoffmann und Fuchs hatten bereits im Oktober ausführlich in der Wochenzeitung Die Zeit mit der Reportage „Dinkel88 sucht nach Liebe“ über WhiteDate berichtet.

Anfang Januar veröffentlichte der YouTuber Vincent zu diesem Vortrag ein Video mit dem Titel „WHITE DATE: wenn Nazis LIEBE suchen (und dabei gehackt werden)“. Es ist etwa 20 Minuten lang; knapp 300.000 Menschen sahen sich das Video an.

Die Videobeschreibung enthält als Erstes einen Werbelink mit persönlichem Rabattcode. Es folgen: drei Sätze Inhaltsbeschreibung, einen Link zum Originalvortrag auf YouTube, ein Inhaltsverzeichnis, darunter ein Werbelink zur eigenen Modemarke, Links zu Vincents Accounts auf anderen Plattformen, gefolgt von drei Sätzen Disclaimer und drei Sätzen zur Moderation. Zum Vergleich: Das Originalvideo auf media.ccc.de hat 17 Sätze Videobeschreibung – aber keine Werbung. Vincent verlinkt weder media.ccc.de noch erwähnt er Eva Hoffmann, Christian Fuchs oder den frei zugänglichen Mastodon-Microblog der Hackerin.

Kurz darauf lädt Rezo auf YouTube ein 2:30 Minuten-Kurzvideo hoch – es wird mehr als 800.000 Mal aufgerufen. Die Beschreibung lautet: „Sie zerstörte eine Datingseite für Rechtsextreme #rezo“. Rezos Video nennt das Pseudonym der Hackerin in einem Einspieler – Eva Hoffmann und Christian Fuchs aber nicht. Einen Link zum Originalvortrag gibt es ebenfalls nicht.

Fehlende Credits sind ein ernstes Problem

Plattformen helfen wichtigen Inhalten bei ihrer Verbreitung. Das Ganze lässt sich aber auch anders betrachten: Online-Plattformen verflachen Inhalte, indem sie bestimmte Aspekte durch andere ersetzen. Beim Vortrag über neue Neonazi-Strukturen verdrängen Influencer die eigentlichen Autor*innen und deren Arbeit durch sich selbst und einiges an Ablenkung in Form von Filtern, eingeworfene Video-Schnipsel, belustigende Kommentierung, Werbung und eine neue Autorenschaft.

Die langen und mühsamen Arbeitswege werden ersetzt durch effektvolles Abfeiern aus der Ich-Perspektive: „Wow, ich finde das heftig. Wow, Leute, schaut euch an, was ich hier gefunden habe.“ Auf YouTube und Co. bekommen nicht die Inhalte und ihre Entstehung die Aufmerksamkeit – sondern die Verpackungen.

Besser: Das Original schauen, teilen und unterstützen

Wer sich ein Spin-Off des Vortrags anschaut, beschäftigt sich mit der Verpackung – obwohl das Original oft nur einen Klick entfernt ist. Wer Autor*innen und ihre Arbeit nicht in den Vordergrund rückt und Kontext durch Ablenkung ersetzt, entzieht denen die Sichtbarkeit und Wertschätzung, die sie verdienen – und auf deren Arbeit alles aufbaut.

Dabei geht auch das Wesentliche verloren, obwohl Christian Fuchs es im Vortrag explizit sagt: „Diese Website WhiteDates (…) ist nicht nur ein lustiger ‚Tinder für Neonazis-Spaß‘, sondern ein Ausdruck einer neuen Bewegung innerhalb der internationalen extremen Rechten.“ Dieser Inhalt geht in Spin-Offs genauso schnell verloren wie Eva Hoffmanns Analyse der Radikalisierungsbiografie der Website-Betreiberin.

Im Fall des Hacking-Vortrags ist es noch mehr als das. Der Chaos Communication Congress ist eine selbst organisierte Hacking-Veranstaltung, die jedes Jahr von Hunderten Menschen ehrenamtlich in ihrer Freizeit und ihrem Urlaub zwischen Weihnachten und Neujahr auf die Beine gestellt wird. Für Vorträge gibt es kein Honorar.

Auf media.ccc.de werden regelmäßig interessante Vorträge kostenlos und frei zugänglich veröffentlicht. Wer sich Inhalte dort anschaut, wird nicht getrackt, nicht abgelenkt, bekommt keine Werbung und kann Inhalte in verschiedenen Formaten frei downloaden. So engagieren sich Menschen für Demokratie und Wissensvermittlung. Das verdient höchsten Respekt und würdige Credits. YouTube, Instagram und Co. leisten diese Arbeit nicht.

Autor*innen

Friedemann Ebelt engagiert sich für digitale Grundrechte. Im Campact-Blog schreibt er als freier Autor darüber, wie Digitalisierung fair, frei und nachhaltig gelingen kann. Er hat Ethnologie und Kommunikationswissenschaften studiert und interessiert sich für alles, was zwischen Politik, Technik und Gesellschaft passiert. Sein vorläufiges Fazit: Wir müssen uns besser digitalisieren! Alle Beiträge

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