Humaira Waseem ist Grundschullehrerin. Im November 2022 ist sie für sich und ihre kleine Familie auf Wohnungssuche. Sie bewirbt sich auf ein attraktives Wohnungsangebot auf einer Onlineplattform, bekommt schon wenige Minuten später eine Absage: Es seien keine Besichtigungstermine frei. Waseem vermutet, ihr pakistanischer Name sei der Grund. Sie stellt dieselbe Anfrage erneut. Identische Angaben zu Einkommen und Beruf, aber diesmal als Julia Schneider. Mit Erfolg.
Julia Schneider bekommt einen Besichtigungstermin. Ebenso all die anderen fiktiven Deutschen, unter deren Namen sich Waseem weiter bewirbt. Anfragen mit ausländischem Namen erhalten Absagen. Humaira Waseem fühlt sich diskriminiert. Zu Recht.
Bundesgerichtshof: „Klarer Fall von Diskriminierung“
Über drei Jahre kämpft Humaira Waseem für Gerechtigkeit. Im Januar 2026 gibt ihr der Bundesgerichtshof Recht: „Das ist ein ziemlich klarer Fall von Diskriminierung.“ Ihre Klage stützte Waseem auf das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz. Es verbietet Benachteiligung aufgrund von Alter, Geschlecht oder ethnischer Herkunft.
Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz klingt gut – es hapert aber in der Umsetzung. Tatsache ist: Menschen mit „fremd klingenden“ Namen werden seltener zu Wohnungsbesichtigungen eingeladen. Besonders häufig betroffen sind Schwarze und muslimische Menschen.
Studien wie „Rassistische Realitäten“ vom Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmontior oder Erhebungen der Europäischen Agentur für Grundrechte belegen das Problem. 77 Prozent der Befragten mit afrikanischem Migrationshintergrund berichten, in den vergangenen fünf Jahren Diskriminierung erlebt zu haben. Europaweit schneidet Deutschland damit am schlechtesten ab.
Gleichzeitig nehmen 90 Prozent der Befragten wahr: Rassismus in Deutschland ist real. Aber es sei dann doch eher ein Problem, dass von den „Anderen“ ausgehe, und nie von einem selbst. Häufig sind damit jene am politischen rechten Rand gemeint.
Struktureller Rassismus zeigt sich im Alltag
Rassismus zeigt sich nicht nur in Gewalt oder Beleidigungen, sondern auch im Alltag – oft unsichtbar für jene, die ihn nicht erleben. Grund dafür sind über Jahrhunderte gewachsene Machtverhältnisse und Denkmuster. Sie sind verankert in Köpfen, Medienbildern und Institutionen.
Das zeigt sich etwa im Bildungssystem. Im Podcast „Auf Augenhöhe“ berichtet Journalistin Miriam Davoudvandi, ihre Grundschullehrerin habe sie auf die Hauptschule schicken wollen – dort sei sie „unter ihresgleichen“, also unter Ausländern und armen Kindern. Davoudvandi war Klassenbeste und wechselte später aufs Gymnasium.
Auch im Gesundheitswesen erfahren rassistisch markierte Personen Benachteiligung. Knapp jede dritte Person musste den*die Ärzt*in wechseln, weil ihre Beschwerden nicht ernst genommen wurden, meldet das Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung. Noch immer hält sich der Irrglaube, Schwarze Menschen könnten besser Schmerzen aushalten. Problematisch ist auch, dass sich die meisten medizinischen Lehrbücher fast ausschließlich auf weiße Menschen beziehen. Viele Betroffene verzögern oder meiden aus Angst vor Diskriminierung weitere Arztbesuche.

Rassismus bei der Polizei
Rechtsextreme Chatgruppen, dazu Racial Profiling, exzessive Gewalt und Opfer-Täter-Umkehr: Auch die Polizei hat ein Rassismusproblem. Eine Studie der Antidiskriminierungsstelle zeigt, dass Diskriminierung in nahezu allen Bereichen der Polizei auftreten kann. Ferda Ataman, Unabhängige Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung, sagt dazu: „Die Polizei ist ein Spiegelbild der Gesellschaft – und deshalb nicht frei von Diskriminierung. Veränderung braucht den Mut, sie klar zu benennen.“ Seit 1990 sind 266 Menschen in Deutschland durch rassistische Polizeigewalt gestorben. Es sind Namen, die bleiben: Oury Jalloh, Mouhamed Dramé und Lorenz A.
Rassismus und Diskriminierung geht uns alle an
Schon lange lautet die Frage also nicht mehr, ob Deutschland ein Rassismusproblem hat, sondern wer Verantwortung übernimmt. Nach dem Urteil sagte Humaira Waseem: „Ich bin kein Einzelfall. Viele akzeptieren das einfach. Ich wollte das nicht.“ Waseem benannte die Diskriminierung, ergriff die Initative – und hielt einen dreijährigen Prozess durch.
Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz soll Betroffene vor Diskriminierung schützen. Doch die Realität zeigt: Der Schutz greift nicht automatisch. Sich zu wehren kostet Kraft. Und die Verantwortung darf nicht allein bei Betroffenen liegen.
Der Black History Month bietet jedes Jahr die Chance, die Perspektive zu wechseln. Sich aktiv mit dem auseinanderzusetzen, was viele Betroffene täglich erleben. Doch Alltagsrassismus lässt sich nicht innerhalb eines Monats auflösen.
Ally sein – Solidarität zeigen
Aber wie sonst? Verbünde Dich solidarisch, eine Art Schulterschluss – das bedeutet „Ally“ sein. Dazu gehört, sich grundlegendes Wissen anzueignen und betroffenen Menschen ernsthaft zuzuhören. Die eigenen Vorurteile zu hinterfragen ist unangenehm, sie auszuhebeln nicht einfach. Aber sich über die eigenen Privilegien bewusst zu sein kann langfristig helfen, Diskriminierung und Rassismus zu erkennen.
Beim Erkennen darf es aber nicht aufhören. Eine vielfältige Gesellschaft entsteht nur, wenn wir Rassismus und Diskriminierung aktiv entgegentreten – ob im Job, in der Nachbarschaft oder im Sportverein. Bleibt laut und widersprecht Rassismus, wenn er Euch begegnet.
Vernetzt Euch, ob in einer Gewerkschaft, im Elternbeirat oder im Turnverein. Auch in der Freiwilligen Feuerwehr oder Narrenzunft braucht es Menschen, die dem Rechtsruck widersprechen. Werdet laut, präsent und organisiert Euch!
Ob im Parlament, auf der Straße oder im Netz: Rechtsextremismus ist gefährlich. Campact setzt sich entschlossen dagegen ein – mit Appellen, Demos und Aktionen.