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Einen widerspenstigen Diktator gestürzt, die eigene Hegemonie durchgesetzt und Zugriff auf zusätzliches Erdöl gesichert – das sind aus Sicht der US-Regierung gleich drei Vorteile ihres Angriffs auf Venezuela. Für die Trump-Regierung ist die Attacke auf den südamerikanischen Staat nicht nur ein Gewinn für US-amerikanische Öl-Firmen, sondern auch ein Beitrag zur Versorgung der heimischen Industrie und Privathaushalte mit billigem Treibstoff. Die möglichen Wirkungen reichen aber weit darüber hinaus: Die wachsende Dominanz auf den Weltmärkten für fossile Energien erlaubt es den USA, die Preise für Öl und Gas zu beeinflussen – ein Nachteil für die Konkurrenzfähigkeit erneuerbarer Energien.

Die USA fördern das meiste Öl und Gas

Nein, nicht Saudi-Arabien oder Russland, sondern die USA holen die größten Mengen Öl und Gas aus dem Boden. „Die USA sind heute der größte Öl- und Gasproduzent der Welt“, sagt Claudia Kemfert, Energieökonomin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. 2024 förderten die Vereinigten Staaten deutlich mehr Rohöl als Russland, Saudi-Arabien und Kanada. Der „zusätzliche Zugriff auf venezuelanische Reserven würde diese Position weiter stärken und den geopolitischen Spielraum vergrößern“, erklärt Kemfert. Ihre Kollegin Charlotte Bez, Ökonomin am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung PIK), relativiert das allerdings etwas: „Venezuelas reale Produktionskraft ist noch gering, kurzfristig ist der Einfluss auf globale Ölpreise sehr begrenzt.“

Allerdings belegen die USA auch beim Erdgas bereits den Spitzenplatz. 2024 förderten sie erheblich mehr als Russland, China, Iran, Kanada, Katar oder Saudi-Arabien. So speisten die Gasfelder zwischen der nordamerikanischen Ost- und Westküste auch die umfangreichsten Exporte von verflüssigtem Erdgas (liquefied natural gas, LNG) weltweit – vor den Lieferungen aus Australien, Katar Russland und Malaysia. Mehr als die Hälfte des amerikanischen Stoffs transportierten Tanker in die Europäische Union.

Nicht nur in Bezug auf Öl und Gas ist Europa abhängig von den USA. Auch die digitale Infrastruktur hängt an der Gunst des US-Präsidenten und „seinen“ Tech-Bros. Lies hier mehr dazu:

Mehr Einfluss auf den Gaspreis

„Die USA wollen die gewinnbringenden Öl- und Gasmärkte kontrollieren“, urteilt Sabrina Schulz, die für die Organisation European Initiative for Energy Security arbeitet. Die Trump-Regierung wolle die Energieexporte nun verstärkt nutzen, „um geopolitischen Einfluss auszuüben, etwa um Energiepreise zu beeinflussen“. Auch Kemfert hält dieses Motiv für relevant: „Die USA gewinnen dadurch keine absolute Preissetzungsmacht, aber deutlich mehr Einfluss auf das globale Preisniveau.“ Das Kalkül dahinter kann man sich so vorstellen: Wer einen großen Marktanteil kontrolliert, kann das internationale Preisniveau an die eigenen wirtschaftlichen und politischen Ziele anpassen.

Das sollten die Europäische Union und auch Deutschland bedenken. Viele Industriebetriebe und Privathaushalte hierzulande sind auf Gas angewiesen. Momentan ist Norwegen insgesamt der größte Lieferant, doch die USA folgen auf Platz zwei. Und beim LNG haben die Vereinigten Staaten schon die Spitzenposition erobert.

Die Bedeutung für die Energiewende

Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 hat sich Europa zwar größtenteils von den Importen aus Osten befreit. Jedoch hat es sich in eine neue Abhängigkeit begeben. Angesichts der Positionierung der USA als autokratische Weltmacht erscheint das zunehmend problematisch. Denn die Preise der Energieimporte spielen eine große Rolle für die Wirksamkeit der hiesigen Politik, besonders der Transformation zur Klimaneutralität. Ein Beispiel: Niedrige Gaspreise könnten Hausbesitzer*innen davon abhalten, in strombetriebene Wärmepumpen zu investieren.

US-Akteure könnten zusätzliche Möglichkeiten gewinnen, mittels des Gaspreises den Ausbau der erneuerbaren Energie zu erschweren.

Michael Kellner, energiepolitischer Sprecher der grünen Bundestagsfraktion und früherer Wirtschaftsstaatssekretär

Ähnlich sieht es auch Claudia Kemfert: „Niedrige Preise für fossile Energie machen Investitionen in Erneuerbare, Speicher und Effizienz kurzfristig weniger attraktiv und verlängern fossile Abhängigkeiten.“ Mehr fossile Macht bedeute „mehr Einfluss über Preise und Pfade“, so Kemfert, „genau so funktioniert die Fossilokratie“. Wobei PIK-Forscherin Bez betont, dass erneuerbare Energie heute schon oft günstiger produziert werde als fossile. Diesen Vorteil aber könnten niedrige Preise für Gas und Öl „weniger sichtbar machen“.

Was Europa und Deutschland tun sollten

Eine Strategie besteht darin, das bisherige Ausbautempo für erneuerbare Anlagen beizubehalten oder zu erhöhen. Zusätzliche Solar- und Windparks verringern den Bedarf an gasbetriebenen Stromkraftwerken und damit die Abhängigkeit von fossilen Energieimporten. Gleiches gilt für E-Autos, die Benziner ersetzen, und Heizungen: „Jede Wärmepumpe, die mit Ökostrom betrieben wird, verkürzt den Hebel, den die Trump-Regierung nutzen kann“, sagt Kellner, energiepolitischer Sprecher der Grünen.

Gas statt Energiewende – Reiche will den Rückschritt

Kampagnengrafik zum Appell "Lobby-Ministerin stoppen: Energiewende verteidigen". Fotomontage mit Katherina Reiche vor kaputten Windrädern.
Grafik: Campact e.V.

Die Wirtschaftsministerin setzt auf fossiles Gas statt auf regenerative Energien – die Gas-Lobby freut das. Mit einem Appell wenden sich über 400.000 Menschen an die Ministerin und stellen sich hinter die Energiewende.

Mehr Produkte des erneuerbaren Systems vergrößern im Übrigen den entsprechenden Markt, führen zu Preissenkungen, schließen die Preisdifferenz oder erhöhen den Kostenvorteil im Vergleich zu den Fossilen. Zudem sollte Europa fossile Energien durch den Kohlendioxidpreis wie geplant weiter verteuern.

Doch ein Problem bleibt: Die EU hat sich verpflichtet, von 2026 bis 2028 fossile Energie im Wert von 750 Milliarden Euro aus den USA zu kaufen – dreimal so viel wie bisher. Wie das umgesetzt werden soll, ist unklar. Sicher ist nur: Diese Abmachung könnte die Energiewende erheblich verzögern oder gar blockieren.

Autor*innen

Hannes Koch ist selbstständiger Wirtschaftskorrespondent in Berlin und Mitgründer des Journalistenbüros www.die-korrespondenten.de. Er schreibt über nationale und internationale Wirtschafts-, Finanz-, Umwelt- und Sozialpolitik, unter anderem für die Tageszeitung taz. Alle Beiträge

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