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Früher galt die Regel, höchstens ein Drittel des Gehalts für die Miete auszugeben. Doch das ist längst überholt: Ein Drittel der 21 Millionen Mieterhaushalte in Deutschland zahlt mehr als 30 Prozent des Haushaltseinkommens für Miete und Heizung. Für immer mehr Menschen sind es eher 40 bis 50 Prozent – in manchen Haushalten sogar noch mehr. 

Ist das der Fall, sprechen wir von Wohnarmut. „Wohn-Armut“: Das heißt, Du fällst unter die Armutsgrenze, weil Du so viel Deines Einkommens für die Miete ausgeben musst, dass am Ende nicht mehr genug für Deine anderen Ausgaben übrig bleibt. 

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Regierung bekämpft Arme

Und was macht die schwarz-rote Regierung? Sie versucht mit allen Mitteln, die Armen statt der Armut zu bekämpfen. Die Einschränkung von Arbeitnehmer*innen-Rechten ist das neueste Projekt – es folgt auf eine menschenunwürdige Grundsicherung, die Bürgergeldbeziehende in Obdachlosigkeit treiben kann. Demgegenüber steht eine Realität, in der immer mehr Menschen unter extrem finanziellem Druck stehen und ein Wohnungsmarkt, der insbesondere in Ballungszentren explodiert.

Seit Jahren steigen in Deutschland die Mieten schneller als die Einkommen. Schon lange sind es nicht mehr nur die Ärmsten in der Gesellschaft, die am Wohnungsmarkt verzweifeln. Das ist gefährlich: „Wohnen entwickelt sich mehr und mehr zum Armutstreiber“, sagt Joachim Rock, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands. 

Wohnarmut betrifft fast ein Viertel der Bevölkerung

Eine Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, veröffentlicht im Dezember 2025, zeigt: Hohe Wohnkosten treiben die soziale Ungleichheit in Deutschland voran. 5,4 Millionen Menschen rutschen allein wegen überhöhter Mieten unter die Armutsgrenze. Nach der monatlichen Mietzahlung bleibt ihnen oft nicht mehr viel Geld übrig für gesunde Lebensmittel oder die dringend benötigten Winterstiefel fürs Kind. 

Diese Zahl bleibt in gängigen Armutsstatistiken bisher unsichtbar. Würde man sie berücksichtigen, läge der Anteil der von Armut betroffenen oder bedrohten Bevölkerung in Deutschland bei 22,3 Prozent. Besonders gefährdet sind Menschen, die allein leben oder alleinerziehend sind. In beiden Fällen liegt die Wohnarmutsquote bei über 40 Prozent. Damit ist fast jeder zweite Haushalt von Alleinerziehenden oder Alleinstehenden in einer prekären Wohnsituation. 

Wohngeld und Wohnkostenübernahme, aber nicht für alle

Wer zu wenig verdient und sich die Wohnkosten nicht leisten kann, aber keine anderen Sozialleistungen oder BAföG bekommt, hat in Deutschland Anspruch auf Wohngeld. Wie viel gezahlt wird, hängt von der Haushaltsgröße (Familie, Alleinerziehend, Single), dem Einkommen und der Miethöhe ab. 

Wer Bürgergeld, Sozialhilfe oder Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz bezieht, erhält in der Regel kein Wohngeld. In diesen Fällen übernimmt der Staat die Wohnkosten – allerdings nur, wenn sie im ortsüblichen Vergleich „angemessen“ sind. Beim Bürgergeld werden sie im ersten Jahr, der sogenannten „Karenzzeit“, meist vollständig übernommen. Danach droht ein Umzug in eine kleinere Wohnung, falls die bisherige als zu groß oder zu teuer gilt. Findet kein Umzug statt, zahlt der Staat nur bis zu einem festgelegten Höchstbetrag. Für den Rest der Miete müssen Betroffene selbst aufkommen. Womit, fragt man sich.

Unbequeme Wahrheit: Wir sind näher an der Armut als am Reichtum

In einer Gesellschaft, in der sich der Mythos der „Leistungsgesellschaft“ immer noch hält – also die Erzählung, man könne reich werden, wenn man nur hart genug arbeitet –, ist die Sozialpolitik der Merz-Regierung ohnehin, im wahrsten Sinne des Wortes, ein Armutszeugnis.

Menschen wollen an den Mythos der Leistungsgesellschaft glauben, um sich vor dem Gedanken zu schützen, dass ihnen sozialer Abstieg passieren könnte. Dabei ist es wichtig zu realisieren: Die sogenannte Mittelschicht ist näher an der Notwendigkeit von Sozialleistungen dran als daran, eine Milliarde zu besitzen. Eine Krise genügt, und wir können alle in Armut landen. Deshalb braucht es Sicherheiten, auf die Menschen sich verlassen können, wie zum Beispiel bezahlbaren Wohnraum.

Die neue Grundsicherung: Wohnen als Druckmittel

In fast jedem siebten Haushalt stellen die Wohnkosten eine finanzielle Sorge oder sogar eine Überlastung dar. Dabei ist der Staat verpflichtet, allen Menschen die Möglichkeit auf angemessenen Wohnraum zu gewährleisten. Das ist ein Menschenrecht. Doch statt allen Bürger*innen angemessenes Wohnen zu ermöglichen, wird dieses Recht jedoch auch in Deutschland für immer mehr Menschen massiv eingeschränkt. 

Die neue Grundsicherung, die ab dem 1. Juli 2026 gelten soll, ist dafür nur ein Beispiel. Mit ihr sollen mehr und härtere Sanktionen kommen – als „Leistungsanreiz“. Eine der schwersten Sanktionen soll der Entzug der Wohnkostenübernahme sein. Das gab es vorher nicht. 

Zu Recht, denn wenn die Mietübernahme entzogen wird, landen diese Menschen oft auf der Straße, da die Suche nach kleineren Wohnungen selten zum Erfolg führt. Dazu kommt: Die Mietsätze bei Neuvermietungen liegen häufig über den Bestandsmieten. Solche Pläne sind keine Anreize – sondern steigende Wohnungslosigkeit mit Ansage.

“Angemessene” Miete: Wo gibt’s denn sowas noch?

Darüber hinaus sollen Bezieher*innen der Grundsicherung bereits in der Karenzzeit eine Deckelung der Kostenübernahme bekommen und dementsprechend früher gezwungen sein, umzuziehen. Dass Umziehen oft logistisch keine Option ist und es darüber hinaus, wie gesagt, kaum bezahlbaren Wohnraum zu finden gibt? Geschenkt.

Auch die Pauschalbeträge für Wohnraum sollen sinken. Mieten steigen, aber der Staat will das Wohnen künftig weniger unterstützen – mit der Begründung, Mietwucher verhindern zu wollen. Als ob irgendein Vermieter die überteuerte Wohnung günstiger anbietet, damit seine Bürgergeld beziehende Mieterin darin wohnen bleiben kann. Am meisten betroffen: Alleinerziehende und andere Haushalte mit Kindern, denn die haben häufig höhere Ausgaben, als die Mietgrenzen erlauben.

Insbesondere bei denjenigen, die in mehrfach prekärer Lage sind – beispielsweise alte, kranke, pflegende, kindererziehende, behinderte oder anderweitig erwerbsgeminderte Menschen – löst das vor allem eins aus: Angst. Angst, die Unterkunft zu verlieren; Angst, nicht rechtzeitig Neues zu finden; Angst, auf der Straße zu landen. 

Gerade in Metropolregionen sind immer mehr Menschen mit explodierenden Mieten und fehlendem bezahlbaren Wohnraum konfrontiert – auch Menschen der sogenannten Mittelschicht. Die Stimmen, die einen Mietenstopp fordern, werden lauter. Und das ist gut so! 

Mietendeckel, sozialer Wohnungsbau, Immobilienhaie enteignen

Der Paritätische Wohlfahrtsverband fordert seit Jahren höhere Investitionen in sozialen und gemeinnützigen Wohnungsbau und ein Mietrecht, das Schlupflöcher für Vermieter*innen schließt. Der Sozialverband VdK schließt sich an und setzt sich für bezahlbaren und barrierefreien Wohnraum ein – mit einer flächendeckenden und unbefristeten Mietpreisbremse. 

In Berlin wurde 2020 der Mietendeckel getestet. Der Berliner Senat hat die Mieten eingefroren, Mietobergrenzen bei Wieder- und Neuvermietungen eingeführt und überhöhte Mieten gesenkt. Nur ein Jahr später wurde das Projekt wieder beendet: Das Bundesverfassungsgericht erklärte, die Entscheidung darüber liege nicht in der Kompetenz der Länder. Das Bündnis „Mietendeckel jetzt!“ fordert, das Konzept als bundesweiten Mietendeckel wiederzubeleben. 

Einen anderen Ansatz verfolgt die Initiative „Deutsche Wohnen Enteignen“. Sie fordert eine grundlegend am Gemeinwohl orientierte Mietenpolitik durch die Vergesellschaftung von Wohnraum in Berlin. Dafür hat sie sogar einen Gesetzentwurf erarbeitet und plant einen Gesetzesvolksentscheid. Hat sie damit Erfolg, könnte sich in Berlin wirklich etwas an der Wohnsituation ändern. Und das kann bundesweite Strahlkraft haben. 

Petition: Kältehilfe in Berlin JETZT

Gerade im Winter kann eine prekäre Wohnsituation nicht nur unangenehm, sondern auch lebensbedrohlich sein. Deswegen hat die Initiative Unterschlupf e.V. eine Petition auf WeAct, der Petitionsplattform von Campact, gestartet. Sie fordert von der Berliner Regierung einen verlässlichen Krisenplan für die Kältehilfe für Wohnungslose – nicht jedes Jahr aufs Neue Improvisation.

Neubau: Ist das die Lösung?

Was macht nochmal die Regierung? Pläne von Justizministerin Stefanie Hubig (SPD) zur Verschärfung der Mietpreisbremse, die bereits in vielen Großstädten gilt, erkennen zumindest das Problem an. Auch die Reduzierung von Kurzzeitmietverträgen und die geplante Deckelung von Indexmieten sind Schritte in die richtige Richtung – aber auch längst überfällig. Und solange die Missachtung der Mietpreisbremse für Vermieter*innen weitgehend folgenlos bleibt, geht der gute Wille am Ziel vorbei, kommentiert der Deutsche Mieterbund

Zusätzlich setzt die Regierung auf Neubau, denn etwa elf Millionen Haushalten mit Anspruch auf Sozialwohnungen stehen nur rund eine Million Sozialwohnungen gegenüber. Es ist zwar eine Förderung von Sozialwohnungen geplant, aber ohne konkrete Vorgaben, welche Art von Wohnraum entstehen soll. Dadurch können neue überteuerte Wohnungen entstehen. Hier wird wohl eher den Bauherren und -damen geholfen, als den Mieter*innen.

Wer eine starke Wirtschaft und gesunde Bürger*innen haben will, die an der Gesellschaft teilhaben – der muss auch dafür sorgen, dass alle für sie bezahlbaren Wohnraum finden. Also, auf geht’s, Herr Merz und Co.: Nehmen Sie schon mal die Kelle in die Hand.

Autor*innen

Maria Kruskop ist Politikwissenschaftlerin und Soziologin. Als Campaignerin für Campacts Petitionsplattform WeAct begleitet sie langfristige wie kurzfristige Kampagnen, berät Aktivist*innen und Vereine und baut neue Netzwerke mit Initiativen und Bewegungen auf. Für den Campact Blog schreibt sie über soziale Gerechtigkeit. Alle Beiträge

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