„Ach gäbe es dort doch mehr Menschen wie ihn…“, schreibt Barbara Oertel in der taz. Die langjährige Osteuropa-Redakteurin meint Pasha Talankin, den Helden aus der Doku „Ein Nobody gegen Putin“. Diese ist gerade und noch bis zum Jahr 2030 in der Mediathek von Arte verfügbar. Der Film erzählt die Geschichte eines mutigen Pädagogen, der sich in der russischen Provinz dem Angriffskrieg gegen die Ukraine widersetzt. Der Krieg währt demnächst, am 24. Februar, vier Jahre lang. Ein Krieg, der in Russland „Sonderoperation“ genannt wird und angeblich der „Entnazifizierung der Ukraine“ dient.
Talankin ist ehemals pädagogischer Projektleiter und Videograf an der Schule Nummer 1 in Karabasch. Die 10.000-Einwohner*innen-Stadt im Uralgebirge gilt als einer der am schlimmsten verschmutzten Orte der Welt. Talakin dokumentierte die Militarisierung des Schulunterrichts, Pflichtstunden, Fahnenappelle, die alltägliche Propaganda, das Kriegsgeschrei. Söldner der Wagner-Gruppe geben „Patriotismusstunden“.
Der Freigeist Talankin hatte, wie er es im Film diplomatisch ausdrückt, mehr und mehr „Meinungsverschiedenheiten mit dem Regime“. Nachdem er über Monate und Monate an seiner Schule gefilmt hatte, entschied er das Material ins Ausland zu bringen. Er floh gleich mit, was doppelt gefährlich war. Der entstandene Film sei „schwere Kost“, schreibt Osteuropa-Expertin Oertel. Soll heißen: sehr sehenswert.
Der Geschichtslehrer als Propaganda-Marionette
Im Film wird der Geschichtslehrer Pawel Abdulmanow zur Karikatur des Putingläubigen und zur Propaganda-Marionette an der Schule Nummer 1. Im Unterricht behauptet er, Russland könne die Ukraine in wenigen Tagen zerstören. Im Westen gebe es seit den Sanktionen gegen Russland kaum noch Lebensmittel: keinen Weizen, kein Öl. „Den Franzosen geht’s gut, die sind gewohnt, Austern und Frösche zu essen und halten noch eine Weile durch“, höhnt er. Aber die anderen?
Talankin fragt den Geschichtslehrer, welcher historischen Persönlichkeit er gerne begegnen würde. Pawel Abdulmanow nennt Lawrenti Beria, Stalins rechte Hand, einen Massenmörder. Warum? Der habe einen „interessanten Job“ gehabt.
Später dokumentiert der Videograf das Stadtfest, auf dem Abdulmanow als beliebtester Lehrer ausgezeichnet wird. Der Geschichtslehrer erhält den Preis „Anerkennung und Liebe des Volkes“ – und eine Neubauwohnung in Karabasch. Als er die besichtigt, zeigt er sich gerührt. Er sei im Unterricht zuweilen unsicher gewesen, ob ihm seine Schüler gefolgt wären: „Manchmal kam es mir so vor, als wollten sie mich in Stücke reißen.“ Dann sagt er in völliger Verblendung: „Dabei haben sie mich geliebt.“
Tipps zum Weiterlesen
- Wie Putin nicht nur sein eigenes Volk, sondern auch die übrige Weltbevölkerung verblendet und manipuliert, beschreibt der Moskau-Korrespondent der Zeit Michael Thumann in seinem Buch „Revanche“.
Lies mehr dazu in diesem Interview. - Die russisch- und englischsprachige Online-Zeitung „Novaya Gazeta Europe“ hat analysiert, welche Lügen und Narrative in der russischen Bevölkerung besonders verfangen. Lies mehr dazu bei der taz
„Orwell wird zur langweiligen faden Lektüre im Vergleich“
Ich muss an eine Kolumne denken, die ich im Frühjahr 2022, wenige Wochen nach Kriegsbeginn, für die Seenotrettungsorganisation Mission Lifeline geschrieben habe. Sie trug den Titel „Moskauer Tagebuch“. Sie drehte sich um einen Freund von mir in Moskau. Ich nannte ihn Alexej, tatsächlich heißt er anders. Alexej postete seine Wut über den Krieg auf Facebook. Mir schrieb er auf WhatsApp: „Lieber Matthias, wir sind erdrückt, bedrückt, niedergeschlagen. Und Geiseln einer tollwütigen Bande.“ Alexej berichtete, wie das Regime immer paranoider wurde. In Nowosibirsk sei ein Mädchen festgenommen worden, das ein Papier ohne jede Aufschrift in der Hand hielt, berichtete Alexej. Er schrieb: „Orwell wird zur langweiligen faden Lektüre im Vergleich.“
Alexej schilderte, wie das Regime das „Z“ zum Symbol erkor. Das „Z“ steht, so das russische Verteidigungsministerium, für „За Победу“, „Za Pobedu“, übersetzt: „Auf den Sieg“. Fast alle Busse in Moskau würden mit einem „Z“-Aufkleber fahren, einige Autofahrer*innen machten es freiwillig. Alexej schickte mir Bilder mit Kindern in „Z“-Formation, aus einem Dorfklub im Krasnojarsker Gebiet, einem Kindergarten in Kurgan, einem Heim in Kasan. Auch die Schule in Karabasch hatte an den Fenstern große „Z“s. Eines Abends hat sie Talankin dort heimlich entfernt.
Stell Dich an die Seite der Ukrainer*innen!
Vier Jahre nach Beginn des Angriffskrieges will Putin den Widerstandsgeist der ukrainischen Bevölkerung um jeden Preis brechen. Er lässt die Energieinfrastruktur attackieren – und die Ukrainer*innen zeigen dennoch Menschlichkeit unter den widrigsten Umständen.
Für Dienstag, den 24. Februar, laden die NGO Vitsche, Fridays for Future Berlin und weitere zivilgesellschaftliche Organisationen zu einer großen Demo in Berlin ein.
Ort: Lustgarten, Museumsinsel, Berlin Zeit: Dienstag, 24. Februar, 18 Uhr
Putin: Kriege werden von Lehrern gewonnen
„Kriege werden nicht von Feldherren gewonnen, sondern von Lehrern an den Schulen“, erklärte Wladimir Putin 2023. Der Satz wird im Film „Ein Nobody gegen Putin“ zitiert. Und auch im Buch des langjährigen Moskauer Zeit-Korrespondenten Michael Thumann „Eisiges Schweigen flussabwärts“. Es ist Ende 2025 in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung erschienen. Thumann schreibt: „Der russische Staat dehnt die lange Front gegen die Ukraine und den Westen auf die russischen Schulen aus. Das Erziehungs- und Bildungswesen wird ganz in den Dienst des Sieges gestellt. Eine neue Generation von Jungputinisten soll entstehen, für einen Putinismus nach Putin.“
Pasha Talankin möchte, dass der Film „Ein Nobody gegen Putin“ in Russland gesehen wird. Ich schreibe Alexej, schicke ihm den Link zur Arte-Mediathek. Es klappt nicht, an den ganzen Film heranzukommen. Russland schottet sich gegen westlichen Einfluss ab, auch Messenger-Dienste funktionieren nicht mehr oder nur noch eingeschränkt.
Putin-Liebe schafft Zugehörigkeit
Immerhin fand Alexej im Netz den Trailer. Und zwei Interviews mit dem, wie er sagt, „tollen Jungen“ Talankin. „Alles wahr“, schreibt Alexej über die Doku. Ganz wenige Schulen in Moskau sind aus seiner Sicht „nicht angesteckt“. An den meisten aber feiern Schüler*innen und Lehrkräfte das Regime, die „Sonderoperation“. Putin werde als „fast göttliche Macht“ angesehen. „Und das alles erfolgt freiwillig und mit Elan.“ Es sei die Chance für Hinterbänkler, Mittelmäßige, jene, die aufgrund mangelnden Talents immer zu kurz gekommen sind. Jetzt folgten sie mit Inbrunst der Propaganda. Aus dem simplen Grund, dazugehören zu wollen.
Talankin sagt in einem Interview mit einem tschechischen Radio, die Menschen im Westen hätten kaum eine Ahnung, wie schwierig Protest in Russland geworden sei. Bei seinen Social-Media-Aktivitäten ist mein Freund Alexej in Moskau derweil sehr viel vorsichtiger geworden. Er postet jetzt meistens Tierfotos.
Das Krokodil-Kino in Berlin zeigt die dänisch-tschechische Ko-Produktion „Mr. Nobody against Putin“ zum Jahrestag des Kriegsbeginns am 24. Februar in der Originalversion mit deutschen Untertiteln. Im Anschluss gibt es ein Gespräch mit dem tschechischen Botschafter in Deutschland, Jiří Čistecký, und dem Botschafter des Königreichs Dänemark in Deutschland, Thomas Østrup Møller. Beginn ist um 19 Uhr. Mehr Details auf der Website des Tschechischen Zentrums Berlin.