Als Christian Ulmen gestand, habe er am ganzen Körper gezittert. Am ersten Weihnachtsfeiertag 2024. Weder aus Reue, noch aus Schuldgefühlen über die gefälschten Nacktfotos, Sexvideos oder den KI-Telefonsex in Collien Fernandes Namen. Oder die detaillierte Beschreibung einer erfundenen Gruppenvergewaltigung an Collien, seiner damaligen Ehefrau, die er diversen Männern geschickt haben soll. Er zitterte aus Angst für seine Taten ins Gefängnis zu kommen. Das erzählt Fernandes dem Spiegel.
Die Ehe Fernandes-Ulmen: Collien Fernandes und Christian Ulmen heirateten 2011, zogen 2023 mit ihrer gemeinsamen Tochter auf Mallorca und trennten sich 2025. Fernandes berichtet von Übergriffen und Tobsuchtsanfällen seitens Ulmen während ihrer Ehe. 2023 nahmen Polizisten Ulmen nach einem vorangegangenen zweitägigen Streit vorübergehend fest. Ulmen verbrachte eine Nacht in Haft. Die Richterin sah “ausreichende Anhaltspunkte” für eine Misshandlung an Fernandes, die jedoch zu diesem Zeitpunkt die Familie nicht auseinanderreißen wollte. Das Amtsgericht Palma de Mallorca beendete die Ehe einvernehmlich am 18. Februar 2026.
Über Jahre hinweg litt Collien Fernandes unter den gefälschten Accounts auf LinkedIn, Parship und Co. – und unter Deep Fakes mit ihrem Gesicht auf Pornoseiten. Mithilfe von Anwälten und Löschaufforderungen versuchte sie vergeblich, das Material aus dem Netz zu entfernen. Gemeinsam mit Hate Aid setzt sie seit Jahren öffentlich für einen besseren Schutz von Opfern von sexualisierter Deepfakes ein.
Jahrelang glaubte Fernandes, anonyme Trolle seien für die kursierenden Fake-Pornos verantwortlich. Doch der mutmaßliche Verursacher lag neben ihr im Bett – ihr eigener Ehemann.
Deepfakes gehören zu den erschütterndsten Gewaltformen des digitalen Zeitalters. Für das Schamgefühl mache es keinen Unterschied, ob die Bilder echt seien oder es nur so aussähe, betonte Collien Fernandes in einem früheren Interview. In einer Nachricht an Ulmen schrieb sie später: „Du hast mich virtuell vergewaltigt.“

Fake Profile und Deepfakes: eine Waffe, die vor allem Frauen trifft
Was früher aufwändig bearbeitet werden musste, erfordert heute wenige Klicks: KI macht es möglich – ob als App oder Bot. Fotos beliebiger Menschen verwandeln sich in Sekundenschnelle in pornografische Bilder oder Videos.
Zum Jahresbeginn 2026 zeigte sich das Ausmaß sehr deutlich. Zwei Worte reichten aus, damit Elon Musks KI „Grok“ auf der Plattform X Menschen auf Fotos virtuell auszog. Natürlich ohne deren Zustimmung. So entstanden drei Millionen sexualisierte Bilder von Aktivistinnen, Politikerinnen, Holocaust-Überlebenden und Kindern – in nur neun Tagen. Erst dann schränkte X die Funktion ein. Viele Bilder sind bis heute abrufbar.
Ex-Mann Christian Ulmen schweigt: Während Collien Fernandes öffentlich spricht und auf Gesetzeslücken aufmerksam macht, wählt Christian Ulmen eine andere Strategie: Schweigen nach außen, juristische Offensive nach innen. Als Anwalt wählte er Prof. Dr. Christian Schertz. Er vertrat unter anderem Till Lindemann, als 2023 gegen den Rammstein-Sänger Vorwürfe systematischer sexueller Übergriffe laut wurden. Damals erwirkte Schertz eine einstweilige Verfügung gegen eine Betroffene, die zuvor öffentlich über ihre Erfahrungen mit Lindemann gesprochen hatte.
Christian Schertz‘ Kanzlei erklärt die Berichterstattung über Christian Ulmen für „aus mehreren Gründen rechtswidrig“ und sprach von „unzulässiger Verdachtsberichterstattung“. Eine bekannte Taktik: nicht inhaltlich antworten, sondern die Berichterstattung zum Problem erklären.
Nach Schätzungen von Expert*innen sind weltweit bereits Hunderttausende Menschen Opfer von Deepfakes. Bei über 90 Prozent aller Deepfakes handelt es sich um nicht einvernehmliche pornografische Inhalte. In neun von zehn Fällen trifft es Frauen. Jede fünfte Frau in Deutschland erlebte in den vergangenen fünf Jahren digitale Gewalt. Das zeigt eine aktuelle Studie von Bundesregierung und Bundeskriminalamt. Betroffene berichten von anschließenden Panikattacken, Angstzuständen, sozialem Rückzug und dem Gefühl, die Kontrolle über den eigenen Körper verloren zu haben. Auch Collien Fernandes leidet laut ihrer Psychotherapeutin an einer posttraumatischen Belastungsstörung.
Digitale Gewalt muss Konsequenzen haben
Pornografie zu fälschen ist in Deutschland bisher kein eigener Straftatbestand. Strafbar macht sich nur, wer solches Material verbreitet – und auch dann nur wegen der Verletzung des Persönlichkeitsrechts. Kurz gesagt, das deutsche Rechtssystem ist auf digitale Gewalt dieser Art schlicht nicht vorbereitet.
Collien Fernandes wählte deshalb bewusst den Weg über die spanische Justiz. Spanien, wo Fernandes seit einigen Jahren wohnt, hat spezialisierte Staatsanwaltschaften und Gerichte für Gewalt gegen Frauen. 2024 verurteilte ein spanisches Gericht mehrere Schüler, die KI-generierte Nacktbilder ihrer Mitschülerinnen erstellt und verbreitet hatten.
Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) kündigte an, Strafbarkeitslücken in Deutschland schließen zu wollen. Annalena Baerbock (Präsidentin der UN-Generalversammlung) kritisierte: „Andere Länder sind da weiter” und es treffe definitiv nicht nur prominentere Frauen.
Die Scham muss die Seiten wechseln
Gefälschte Pornografie von echten Menschen ohne deren Einwilligung zu erstellen, ist kein Kavaliersdelikt, kein „Fetisch“ und keine Privatsache. Es ist eine Straftat. Und so sollte es in Deutschland endlich behandelt werden. Denn digitale Gewalt ist echte Gewalt.
Wie Gisèle Pelicot entschied sich auch Collien Fernandes, ihre Geschichte öffentlich zu machen. Das erfordert Mut und kostet Kraft. In Medien und sozialen Netzwerken läuft die Täter-Opfer-Umkehr bereits an.
Fernandes sagt: „Ich möchte, dass das aufhört, auch für die Generation meiner Tochter.“
Immer mehr Menschen solidarisieren sich mit Collien Fernandes. „Öffentliche Solidarität entscheidet nun mit darüber, welche Narrative sich durchsetzen“, schreibt Campact-Vorständin Astrid Deilmann auf LinkedIn. „Gerade Männer haben hier eine besondere Verantwortung – denn wir müssen es leider immer wieder sagen: Partnerschaftsgewalt ist kein ‚Frauenproblem‘, in der übergroßen Mehrzahl aller Fälle ist es ein Männerproblem.“
Über 90 Prozent aller Deepfakes sind nicht einvernehmliche pornografische Inhalte – in neun von zehn Fällen sind Frauen betroffen. Deshalb fordern wir: Deepfakes von echten Menschen verbieten! Initiiert von Bestsellerautor Marc-Uwe Kling, haben bereits über 400.000 Menschen die Petition unterschrieben. Auch Du findest, dass Dein Gesicht und Deine Stimme Dir gehören? Dann schließe Dich an.