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Als der SPIEGEL Collien Fernandes vor anderthalb Wochen auf das Cover brachte und über digitale, sexualisierte Gewalt und ihre Vorwürfe gegen Ex-Mann Christian Ulmen berichtete, blieb für einen Moment alles stehen. Die Arbeit lag still. Und Gespräche mit engsten Freundinnen wurden zur Coping-Strategie.

Nicht, weil wir überrascht gewesen wären – sondern weil wir diese Form der Gewalt, ihre Mechanismen und ihre Muster nur zu gut kennen.

In diesen Momenten entscheidet sich, was folgt: ob ein Fall kurz aufblitzt und dann wieder vergessen wird – oder ob er etwas verschiebt. Mir war deshalb sofort klar, dass ich handeln muss. Collien Fernandes hat mit ihrem Mut eine Tür aufgestoßen. Und ich denke, es ist unsere Aufgabe, diese Tür offenzuhalten. Das ist Solidarität. Das ist Sisterhood.

Täterparadies Deutschland

Denn was hier sichtbar wird, ist kein Einzelfall. Es ist Ausdruck eines Systems, das wir seit Jahrzehnten kennen – ein System, das Täter schützt und Betroffene im Stich lässt. Deutschland ist, wenn es um männliche Gewalt gegen Frauen geht, seit jeher ein Täterparadies.

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Das zeigt sich nicht nur in erschütternden Einzelfällen, sondern in der Struktur selbst. In Zahlen, die so oft zitiert werden und doch so selten Konsequenzen haben: Nur etwa ein Prozent aller Vergewaltiger wird in Deutschland verurteilt. Weniger als fünf Prozent der Fälle von Partnerschaftsgewalt werden überhaupt angezeigt.

Das ist kein Naturgesetz. Genauso wenig wie es ein Naturgesetz ist, dass massenhafte Vergewaltigungen, Missbrauch und Folter an Kindern, Minderjährigen und Frauen im Fall von Epstein und seinen Komplizen nicht verfolgt werden und zentrale Teile der Epstein-Files bis heute nicht veröffentlicht sind. Die Welt ist ein männliches Täterparadies. Die Epstein-Files haben das Vertrauen unzähliger Frauen in den Rechtsstaat dermaßen massiv erschüttert. Ob sich dieses Vertrauen wieder aufbauen lässt, bezweifle ich.

Es sind keine Naturgesetze, sondern Entscheidungen – darüber, wessen Aussagen geglaubt wird, wer Zugang zu Recht bekommt und welche Formen von Gewalt die Gesellschaft verfolgt oder relativiert. Mir wurde früh klar, wie tief diese Normalisierung reicht.

Als ich als junge Studentin in Valencia im Auslandsstudium war, saß ich mit anderen Studierenden zusammen vor einem Bildschirm. Es lief eine Show mit Silvio Berlusconi, in der halbnackte Frauen als Dekoration dienten. Ich war entsetzt, doch die Reaktion im Raum: „Bist Du prüde?“

Einige Jahre später, als ich eine Kampagne gegen Sexismus in der BILD-Zeitung machte, wurde mir Ähnliches entgegengebracht. Als ich die frauenverachtenden Inhalte von Formaten wie „Jerks“ kritisierte – in denen Christian Ulmen einer der Protagonisten sowie Produzenten ist – wurde mir gesagt: „Du verstehst den Humor nicht.“

96 Prozent aller Deepfakes sind pornografisch

Diese Mechanismen sind alt: Die Abwertung von Frauen wird banalisiert, während Kritik daran delegitimiert wird. Neu sind nicht die Muster, sondern die Mittel. Denn Künstliche Intelligenz macht es heute möglich, Frauen in pornografische Inhalte zu montieren, sie in sexualisierte Szenarien zu zwingen, ihre Identität zu kopieren – ohne ihr Wissen, ohne ihre Zustimmung, ohne jede Form von Kontrolle.

96 Prozent aller Deepfakes sind pornografisch und nicht einvernehmlich. 99 Prozent der Betroffenen sind Frauen. Frauen erstellen keine Vergewaltigungs-Deepfakes über Männer. Männer tun das in Masse. Technologie hat die bestehende Gewalt nicht verändert. Sie hat sie skaliert.

Der Fall Collien Fernandes macht das sichtbar. Seit Jahren kursieren gefälschte pornografische Inhalte von ihr im Netz. Hunderte. Darunter auch Deepfakes. Inhalte, die darauf abzielen, sie zu sexualisieren, zu entwürdigen, zu kontrollieren. Das ist keine „digitale Grenzüberschreitung“. Deepfakes sind sexualisierte Gewalt.

Rechtsstaat ohne Rechte

Zugleich zeigt dieser Fall, wie unzureichend unser Rechtsstaat darauf vorbereitet ist. Verfahren werden eingestellt, Täter entziehen sich der Strafverfolgung und Betroffene stehen häufig allein da. Ich kenne das nicht nur aus der Analyse.

Ich selbst war über Monate hinweg massiver digitaler Gewalt und Hetze ausgesetzt. Der Täter konnte sich der Strafverfolgung entziehen, weil er sich aus Deutschland abgemeldet hat.

Dass Strafverfolgung bei digitaler Gewalt daran geknüpft ist, ob jemand eine physische Adresse in Deutschland hat, ist im digitalen Zeitalter absurd. Digitale Gewalt kennt keine Grenzen – unser Rechtssystem offensichtlich schon. Dieses Systemversagen ist nicht zufällig.

Es beginnt bei der Angst vor Anzeigen. Bei sozialer und ökonomischer Abhängigkeit. Bei der Tatsache, dass Frauen strukturell über weniger finanzielle Mittel verfügen – und sich langwierige Verfahren oft schlicht nicht leisten können. Es setzt sich fort in nicht ausreichend geschulten Behörden. In fehlender Spezialisierung von Gerichten.

Wie Spanien Frauen vor Gewalt schützt

In Spanien wurden ab 2004 unter anderem spezialisierte Gerichte für Gewalt gegen Frauen geschaffen, Justiz und Polizei sind besonders geschult, es gibt eigene Notrufsysteme  – weil männliche Gewalt gegen Frauen dort als strukturelles Problem gilt. In Deutschland sprechen wir von Einzelfällen, auch wenn fast jeden Tag ein Mann seine (Ex-)Partnerin tötet. Der deutsche Gesetzgeber verhindert seit Jahrzehnten, dass Frauen, denen männliche Gewalt angetan wird, Gerechtigkeit erfahren. Er könnte das ändern. Er will nicht.

Wie es aussieht, wenn eine rechtliche Kultur besteht, die die Dynamiken von Misogynie nicht verstehen will, zeigt auch der Fall von Gisèle Pelicot:

Gisèle Pelicot, die von mindestens 50 Männern vergewaltigt wurde, beschrieb, wie die Anwälte der Angeklagten versuchten, sie als Komplizin darzustellen. Sie zeigten intime Fotos von ihr, die ihr eigener Täter aufgenommen hatte – ohne ihr Wissen –, um sie zu diskreditieren.

Vor allem die ersten Wochen waren schwer zu ertragen, als die Anwälte der Angeklagten versuchten, mich als Komplizin von Monsieur Pelicot darzustellen. Sie zeigten im Gericht Fotos von mir, wie ich nackt in unserem Pool schwamm oder Unterwäsche trug, um mich zu diskreditieren.

Gisèle Pelicot

Victim Blaming ist kein Ausrutscher, sondern Standard – und Prozesse retraumatisieren Betroffene oft mehr, als dass sie Gerechtigkeit herstellen. Auch das sind Entscheidungen. It’s a man-made system.

Solidarität mit Collien Fernandes

Genau deshalb haben wir vergangene Woche gehandelt. Gemeinsam mit Düzen Tekkal und Ricarda Lang stehen wir in Solidarität mit Collien Fernandes und haben 10 Forderungen an die Bundesregierung aufgestellt – unterstützt von über 250 Frauen aus Politik, Wirtschaft und Kultur. Darunter Bärbel Bas, Ikkimel, Natalia Wörner, Luisa Neubauer, Carolin Kebekus, Franziska Brantner und Nina Chuba.

Unsere Forderungen sind konkret:

  • Strafbarkeit von Erstellung und Verbreitung sexualisierter Deepfakes sowie konsequente Plattformregulierung
  • Einführung eines digitalen Gewaltschutzgesetzes mit wirksamen Betroffenenrechten
  • „Ja heißt Ja“ konsequent im Sexualstrafrecht verankern
  • Nationale Strategie zur Bekämpfung männlicher Gewalt
  • Spezialisierte Justiz, Polizei, Schutzstrukturen und verbindliches Monitoring
  • Klare Regulierungspflichten für Plattformen
  • Einführung eines Straftatbestands „Femizid“ im Strafgesetzbuch
  • Konsequente Umsetzung internationaler Verpflichtungen
  • Strafbarkeit der Erstellung und Verbreitung voyeuristischer Aufnahmen
  • Sofortige Einberufung eines Treffens mit der Bundesregierung

Es sind konkrete, umsetzbare Schritte. Es geht nicht um Symbolpolitik, sondern um längst überfällige strukturelle Korrekturen.

Dass diese Forderungen auf enorme Resonanz stoßen, zeigt auch die Petition, die wir parallel gestartet haben: Innerhalb weniger Tage haben über 300.000 Menschen unterzeichnet. Das ist keine kleine aktivistische Minderheit, sondern ein Signal gesellschaftlichen Konsenses. Die Aufmerksamkeit ist entsprechend groß.

In Solidarität mit Collien Fernandes: 10 Forderungen an die Bundesregierung

Nahezu alle großen deutschen Medien haben berichtet. Internationale Medien wie der Guardian haben unsere Forderungen aufgegriffen. In Österreich wurden sie bereits adaptiert und auf politischer Ebene platziert – unter anderem bei einem Treffen mit der Justiz- und Familienministerin Ende vergangener Woche.

Nur die deutsche Bundesregierung reagiert bislang nicht: Es gibt keinen Termin, kein Gesprächsangebot und über die Gesetzesvorlage zu Deepfakes hinaus keine erkennbare Priorität – deutlich erkennbar am missratenen Kommentar von Kanzler Merz im Bundestag vergangene Woche. Das ist schwer nachvollziehbar.

Die Frage ist nicht, ob Handlungsbedarf besteht, sondern warum die Bundesregierung nicht handelt. Männliche Gewalt gegen Frauen – analog wie digital – ist kein Randthema, sondern zentral für die Frage, in was für einer Gesellschaft wir leben wollen. Wer weiter zulässt, dass Täter geschützt und Betroffene alleingelassen werden, trifft eine politische Entscheidung – keine Lücke, sondern Absicht. Und genau diese gilt es dringend zu ändern.

Autor*innen

Kristina Lunz ist Unternehmerin, Autorin und Menschenrechtsaktivistin. Sie leitet das gemeinnützige Centre for Feminist Foreign Policy, das sie 2018 mitbegründete. Für diese Initiative zählte Forbes sie 2019 zu den „30 unter 30“ in Europa. Im Mai 2024 erhielt sie den German Start-up Award als „Impact Entrepreneurin 2024“. Von 2022 bis 2024 beriet sie die Goalkeepers-Initiative der Bill & Melinda Gates Foundation zu den UN-Nachhaltigkeitszielen. Ihr 2022 veröffentlichter Bestseller „Die Zukunft der Außenpolitik ist feministisch“, inzwischen ins Englische übersetzt, führte sie auf internationale Bühnen – etwa nach New York, Harvard, Oxford, Cambridge, London und Brüssel. Im Oktober 2024 erschien ihr zweites Buch „Empathie und Widerstand“, ebenfalls im Ullstein Verlag. Kristina Lunz hat zwei Masterabschlüsse, vom University College London und der University of Oxford. Sie arbeitete für die Vereinten Nationen in New York und Yangon, für eine NGO in Bogotá und als Beraterin im Auswärtigen Amt. Als Gastautorin für Campact schreibt sie über digitale Themen. Alle Beiträge

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