Die Atomkatastrophe von Fukushima jährt sich 2026 zum 15. Mal. Welche Konsequenzen hatte die Katastrophe für Deutschland?
Miriam Tornieporth: Spätestens nach dem Super-GAU in Fukushima konnte niemand mehr behaupten, dass ein schwerer Atomunfall in einem technologisch hochentwickelten Land wie Deutschland nicht möglich ist! Die Bilder aus Fukushima lösten die größten Anti-Atom-Proteste der bundesdeutschen Geschichte aus, Hunderttausende gingen auf die Straße und forderten den Atomausstieg.
Miriam Tornieporth ist Referentin für Atompolitik bei der Initiative „.ausgestrahlt e.V.“. Der gemeinnützige Verein engagiert sich seit 2008 in der Anti-Atomkraft-Bewegung. Mit einer Petition auf WeAct fordert der Verein von der Bundesregierung eine klare Positionierung zum Atomausstieg.
Unter diesem Druck musste die schwarz-gelbe Bundesregierung die erst kurz zuvor beschlossene Laufzeitverlängerung wieder zurücknehmen. Die acht ältesten Meiler verloren die Betriebsgenehmigung; bis April 2023 gingen die verbleibenden AKW in Deutschland nach und nach vom Netz.
Das zeigt einmal mehr, wie wichtig soziale Bewegungen sind. Der Super-GAU in Fukushima brachte die Parteien, die den Atomausstieg zuvor blockiert hatten, nicht zum Umdenken. Es brauchte den Druck von der Straße.
Wie bewertest Du rückblickend den deutschen Atomausstieg?
Als Deutschland seine letzten drei AKWs am 15. April 2023 abschaltete, reduzierte sich das Risiko eines schweren Atomunfalls in Deutschland drastisch. Die Produktion von Atommüll aus deutschen AKW ist endlich gestoppt. Beides ist gut und wichtig, aber es bleibt noch viel zu tun.
Der Atomausstieg muss vollendet werden. Es kann nicht sein, dass wir einerseits aus der Produktion von Atomstrom aussteigen, aber andererseits in der Urananreicherungsanlage in Gronau und der Brennelementefabrik in Lingen Brennstoff für zahlreiche AKW weltweit produzieren. Auch die Zwischenlagerung für viele weitere Jahrzehnte und die Suche nach einem Standort für ein Endlager sind Themen, die wir weiterhin kritisch begleiten müssen.
Was hat der Ausstieg energiepolitisch bewirkt?
Der Atomausstieg hat den Klimaschutz deutlich vorangebracht. Man könnte sagen, er war ein Booster für die Energiewende. Als die AKWs abgeschaltet wurden, konnte das Plus der erneuerbaren Energien den weggefallenen Atomstrom innerhalb der ersten zwölf Monate komplett ersetzen.
Gleichzeitig sank die Stromerzeugung aus Steinkohle um fast die Hälfte, die Braunkohleverstromung um fast ein Drittel. Damit brachte der Siegeszug der Erneuerbaren Deutschland auch den Kohleausstieg einen großen Schritt näher.
Die schwarz-rote Bundesregierung debattiert wieder über Atomkraft, spricht teils offen über eine Rückkehr zum Atomstrom. Wie kommt das?
Vor allem die CDU/CSU treiben die Atomdebatte voran. Sie nutzen das Thema, um sich politisch zu profilieren und Wähler zu binden. Auch der russische Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 und die daraus resultierende Energiekrise haben Atomkraft in Europa wieder stärker in den Fokus gerückt. Dabei ist Atomkraft keine „heimische“ Energiequelle, die uns unabhängiger macht. Im Gegenteil: Ein großer Teil des Urans kommt aus Russland. Aufgrund solcher Abhängigkeiten hat die EU russisches Uran – anders als Gas und Öl – bis heute nicht sanktioniert.
Warum wird Atomkraft wieder positiver gesehen?
Einerseits ist es das Ergebnis intensiver Lobbyarbeit, die es geschafft hat, Atomenergie zunehmend „grün“ darzustellen. Andererseits ist es die Außenwirkung von EU-Kommissionen, die Gas und Atomkraft weiter als „nachhaltig“ bezeichnen.
Gleichzeitig sollen Small Modular Reaktoren (SMR) auf zukünftige
Wunder-AKW verweisen. Diese angeblich supergünstigen Minireaktoren sollen uns weismachen, dass gar keine Energiewende nötig sei. Allerdings existieren die SMR bisher nur auf dem Papier.
Besonders problematisch ist der geplante mehrjährige Finanzrahmen der EU. Darin sollen erstmals Gelder für den Neubau und die Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken festgeschrieben werden. Geld, das sonst in den Ausbau von erneuerbaren Energien fließt.
Sollte die EU diese Subventionen beschließen, drohen Steuergelder aus Deutschland direkt in Atomenergie zu fließen, was die Energiewende hierzulande spürbar ausbremsen würde. Ganz zur Freude der Atomindustrie.
Welche Energiepolitik ist jetzt nötig?
Ganz klar, ein Zurück zur Atomkraft darf es nicht geben! Ausgerechnet einen Tag vor dem Jahrestag von Fukushima bezeichnet Ursula von der Leyen den sinkenden Anteil der Atomenergie im europäischen Strommix als „strategischen Fehler“. Das ist purer Hohn gegenüber den Betroffenen der Fukushima-Reaktorkatastrophe, die noch immer mit den Folgen zu kämpfen haben.
Die Versprechungen von sagenhaften Small Modular Reaktoren sollen uns davon abhalten, jetzt endlich mit voller Kraft auf erneuerbare Energien zu setzen. Dabei sind Praktikabilität und Sicherheit der gehypten Wunder-AKWs weiterhin nicht absehbar.
Deshalb fordern wir: Keine EU- Subventionen für Atomkraft! Die Bundesregierung muss hier klare Kante zeigen. Wir brauchen keine neuen Atomrisiken, sondern echten Klimaschutz.
Eine echte Energiewende ist nur ohne Atomkraft möglich. Das finden auch die 175.000 Unterzeichner*innen der WeAct-Petition „Keine EU-Subventionen für Atomkraft!“. Schließe Dich ihnen jetzt an.