Bis zur Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern (MV) sind es noch Monate hin. Aber schon jetzt raucht es in der Führungsetage der AfD. Kurzerhand sägten die Landesvorsitzenden Leif-Erik Holm und Enrico Schult ihren Fraktionsvorsitzenden Nikolaus Kramer ab. Aus dem Trio Infernale wurde ein Duo. Radikal bleiben sie trotzdem.
Enrico Schult, der Spitzenkandidat
Auf der Überholspur: Enrico Schult. Typ radikale Aussagen, aber zwinkernd mit bürgerlichem Anstrich. Seit 2021 ist Schult stellvertretender Fraktionsvorsitzender der AfD im Landtag Mecklenburg-Vorpommern und teilt sich mit Leif-Erik Holm den Landesvorsitz. Gelernter Vermessungstechniker, Wehrdienst in 2000. 46 Jahre alt, verheiratet und zwei Kinder.
Mitglied in der AfD ist er seit 2015, war Finanzausschussvorsitzender in seiner Heimatgemeinde und im Schweriner Landtag für Bildungs- und Finanzpolitik zuständig. Enrico Schult wirkt glatt, nach außen professionell. Bart gestutzt, Seiten rasiert, das Gesicht kontrolliert. Gekonnt verpasst er seinen radikalen Forderungen einen gemäßigten Anstrich.
Leif-Erik Holm, der Ministerpräsidentenkandidat
Gemäßigt präsentiert sich auch Leif-Erik Holm. Weißes Hemd, graue Haare, dicke Socken und Lesebrille: Holm ist gelernter Elektromonteur, leistete Grundwehrdienst bei der Nationalen Volksarmee und schob anschließend noch Fachabitur und Volkswirtschaftslehre an der Humboldt-Universität in Berlin hinterher. Schon in seiner Studienzeit arbeitete Holm als DJ und über 20 Jahre als Radiomoderator. Erst bei Radio MV und dem Norddeutschen Rundfunk, dann Antenne MV und Hit Radio FFH. Seine Stimme ist in Mecklenburg-Vorpommern bekannt.
Rundfunk und Remigration
Derzeit ist Holm also Co-Landeschef, Bundestagsabgeordneter und kandidiert bei den Landtagswahlen im September für das Amt des Ministerpräsidenten. Trotz seiner Karriere beim Rundfunk hat Holm vor, als erste Amtshandlung den Rundfunkstaatsvertrag aufzukündigen. Dazu das Ende der Kirchensteuer und Remigration.
Um parteiintern zu punkten, demonstrierte Holm Schulter an Schulter mit Björn Höcke zum Thema „Abschieben und Zurückweisen”. Doch auch dabei gibt er sich „harmlos“. Statt von Massenabschiebung zu sprechen, formuliert er es so: „Wir müssen uns zuerst um unsere Leute kümmern.” Die offen rechtsextremen Positionen seiner Parteifreunde nennt er „bürgerlich-konservativ”.
Zusammengefasst könnte Leif-Erik Holms politisches Karrieremotto „abwarten und Tee trinken” lauten. Das zeigte sich bereits in der Vergangenheit, als seinem Co-Landesvorsitzenden Dennis Augustin eine rechtsextreme Vergangenheit vorgeworfen wurde. Bis zum Parteiausschluss hielt Holm seine schützenden Hände über Augustin und ließ ihn zum richtigen Zeitpunkt fallen.
Dennis Augustin hielt seinen Ausschluss übrigens für „einen von langer Hand geplanten und durchgeführten Schlag”. Vermutlich ist er mit diesem Gefühl derzeit nicht ganz allein. Denn Ende Februar wurde auch der AfD-Fraktionsvorsitzende in MV, Nikolaus Kramer, ins Aus befördert.
Zu rechtsextrem für die AfD Mecklenburg-Vorpommern?
Nikolaus Kramer, 49 Jahre alt, ist seit 2017 Fraktionsvorsitzender der AfD in Mecklenburg-Vorpommern. Früher Zeitsoldat, später Polizeioberkommissar. Dazu Mitglied in der Berliner Burschenschaft Gothia, die intensive Verbindungen zu Rechtsextremen und Vertretern der „Neuen Rechten” pflegt. Ebenso in der Burschenschaft Markomannia Aachen Greifswald – auch extrem rechts.
Seit dem 1. Dezember 2024 soll Daniel Fiß, Neonazi und ehemaliger Bundesvorsitzender der Identitären Bewegung, auf Kramers Gehaltsliste stehen. Laut eigener Aussage schätzt Kramer den 33-jährigen Rechtsextremen wegen seiner politischen Analysen. Dass sich Kramer in der Vergangenheit mehrfach rassistisch und frauenfeindlich äußerte, dürfte an dieser Stelle nicht mehr wundern. Seit 2023 hat Kramer zudem einen Podcast, in den er die gesamte Bandbreite rechtsextremer Akteure einlädt.
War Kramer der AfD in MV also zu rechtsextrem? Möglich, denn die Bundespartei setzt alles daran gemäßigter aufzutreten. Seit Jahren wird die AfD in MV vom Verfassungsschutz beobachtet; als „gesichert rechtsextrem“ eingestuft ist sie – im Gegensatz zu den Landesverbänden in Brandenburg, Sachsen-Anhalt oder Thüringen – nicht. Noch nicht. Ein Gutachten bringt jedoch 13 Abgeordnete und Funktionäre der AfD aus Mecklenburg-Vorpommern mit verfassungswidrigen Aktivitäten in Verbindung. Genannt werden unter anderem Nikolaus Kramer und Enrico Schult.
Nikolaus Kramer absetzen
Einer davon soll für die AfD in Zukunft kein Problem mehr sein. Am diesjährigen politischen Aschermittwoch haben fünf AfD-Fraktionsmitgliedern, darunter auch Enrico Schult, eine Sondersitzung beantragt. Einziger Tagesordnungspunkt: Nikolaus Kramer absetzen. Im Antrag hieß es dazu, für die Landtagswahl müssen die Weichen auf „Erfolg“ gestellt werden.
Bevor es zur Abstimmung kam, einigten sich Schult und Kramer im Hinterzimmer der Sondersitzung auf einen Kompromiss. Am 16. Juni gibt Nikolaus Kramer seinen Fraktionsvorsitz an Enrico Schult ab.
Nach Kramers erfolglosen Kandidatur gegen Enrico Schult für den Listenplatz 1 der AfD für die Landtagswahl im September, wurde er nun also ganz abgesetzt.
Was Du tun kannst
Es ist egal, wie häufig die AfD noch ihre Frontmänner wechselt, um gemäßigter und bürgerlicher zu erscheinen: radikal und rechtsextrem bleibt radikal und rechtsextrem. Wie in Sachsen-Anhalt pumpt die AfD nun auch in Mecklenburg-Vorpommern massig Geld in den Wahlkampf. Leif-Erik Holm sagt, die AfD werde in Mecklenburg-Vorpommern bis zu einer Million investieren.
Wir legen deshalb mit dem NoAfD-Fonds zusammen und kontern jeden Euro der Rechtsextremen. Damit unterstützen wir Vereine und Initiativen vor Ort und vernetzen bundesweit im Kampf gegen Rechtsextremismus. Mache mit und spende jetzt.