AfD verbieten? Drei Tage lang lief im Hamburger Thalia Theater die Aufführung „Prozess gegen Deutschland“ – eine Inszenierung von Milo Rau, der ähnliche Projekte bereits in Österreich („Prozess gegen die FPÖ“) realisiert hatte. Die Inszenierung simulierte einen Gerichtsprozess: Unter Vorsitz der ehemaligen Juristin und Bundestagsabgeordneten Herta Däubler-Gmelin verhandelte eine Jury ein mögliches AfD-Verbot. Zum Schluss musste eine Jury entscheiden, ob es zu einem Prüfverfahren, einem AfD-Verbot oder Nichts davon kommen sollte.
Ich war als Experte eingeladen. Bereits vor der Entstehung der AfD habe ich vor dieser Partei gewarnt, vor ihrem Gründungsparteitag im Jahr 2013 das Manuskript meines AfD-kritischen Buches eingereicht – und 2015 als Erster die AfD mit Faschismus in Verbindung gebracht. Außerdem habe ich damals herausgearbeitet, dass Höcke unter dem Pseudonym Landolf Ladig Texte in Neonazi-Zeitschriften verfasst hatte. In diesem Theaterstück sollte ich also als „Zeuge“ meine Expertise zum Besten bringen.
Rechten keine Bühne geben
Ich bin davon überzeugt: Man darf Rechten keine Bühne geben und man sollte sich nicht mit Rechten zusammen auf die Bühne begeben. Das war bislang meine Position und das ist sie noch immer; auch oder gerade nachdem ich beim „Prozess gegen Deutschland“ auf Joana Cotar getroffen bin.
Ich teile ich diesen Artikel auf.
- Im ersten Teil wird es um die Frage gehen: Wer bekommt eine Bühne – und wer nicht? Seit einem Vierteljahrhundert engagiere ich mich gegen klassistische Ausgrenzung und diese findet nicht nur im Bildungssystem statt, sondern auch im Theater, vor allem in renommierten Theatern.
- Der zweite Teil handelt von antifaschistischer Politik. Ich unterscheide zwischen „Zeichen setzen“ (Emblem-fixierte Politik) und „Aufklären“ (Problem-fixierte Politik). Beides setze ich in Beziehung.
- Im dritten und letzten Teil gehe ich auf die Teilnahme von Joana Cotar und Frauke Petry ein. Nur kurz dazu: Erst wenige Tage vor der Aufführung erfuhr ich, dass Cotar und Petry das Theaterstück rahmen würden. Da ich seit Monaten zu ihrem Netzwerk „Team Freiheit“ forsche, entschied ich mich zur Teilnahme: um das Netzwerk öffentlich zu machen und besonders die Verbindung zum weitgehend unbekannten deutschen Tech-Milliardär Alexander Tamas zu beleuchten. Also dagegen, ein Zeichen zu setzen, und für die Aufklärung.
Wer bekommt eine Bühne – und wer nicht?
Dieser Text kostet mich Kraft. Das Thalia-Theater, in der Kombination einer simulierten Gerichtsverhandlung, dazu Staatstheater und Gerichtssaal in einem. Das ist Feindesland für Arbeiter*innenkinder und generiert einen Klassen-Fatalismus, eine Form von sozialer Depression. Der Soziologe Pierre Bourdieu beschreibt passend einen „The Sense of Ones Place“, das Gespür, ob man am ‚richtigen‘ oder ‚falschen‘ Ort ist. Für mich war es der falsche. Dieser Widerwille erstreckt sich bis in diesen Artikel.
Wenn im Nachhinein gesagt wurde: ‚Jetzt haben die Rechten auch noch unsere Bühne bekommen‘, dann stimmt das für mich in der Form nicht. Staatstheater waren bislang nicht unsere Bühnen, also die Bühnen von Arbeiter*innenkindern.
Die Anfangsplädoyers
Um so überraschter war ich, für das Thalia-Theater in Hamburg vorgesehen zu sein. Aber noch überraschter war ich über die Teilnehmer*innen des Rahmenprogramms. Eigentlich hat eine Gerichtsverhandlung überhaupt kein Rahmenprogramm. Dass Harald Martenstein und Joana Cotar die Anfangsplädoyers und Frauke Petry das Schlussplädoyer halten würde, schockierte mich. Mit diesen Menschen wollte ich nicht auf eine Bühne. Es ist absurd. Das Thalia-Theater, welches im April „Hard Times“ nach Charles Dickens aufführt, lässt Cotar und Petry Plädoyers halten. Die beiden haben zuletzt in Hamburg die Kettensäge zur „Zersägung des Sozialstaates“ plakatiert. Und es wurde noch nicht einmal benannt, dass Petry und Cotar zusammen arbeiten. Sie standen im „Prozess gegen Deutschland“ nicht vor Gericht.
In meiner Verunsicherung nahm ich Kontakt zu einigen der antifaschistisch positionierten Teilnehmenden auf. In den Gesprächen zeigte sich: Auch andere eingeladene Expert*innen hatten nicht damit gerechnet, dass so viele Rechte auftreten und die Veranstaltung rahmen würden. Was also tun? Mit einer kleinen Gruppe diskutierten wir bis tief in die Nacht. Am nächsten Morgen war allen klar, ob sie absagen oder teilnehmen würden. Mir wäre eine kollektive Absage, direkt vorgetragen im Theater wichtig gewesen, keine vereinzelten Rückzüge oder Erklärungen. Aber dazu kam es nicht.
Im Zeugenstand
Ich entschied mich für eine „halbe“ Teilnahme. Ich wollte mein Wissen über Höckes Neonazi-Artikel im „Zeugenstand“ den AfD-„Ankläger*innen“ weitergeben, aber die Fragen der AfD-„Verteidigung“ ignorieren und stattdessen das Theaterpublikum samt Presse über die Machenschaften von Frauke Petry und Joana Cotar (beide Ex-AfD, jetzt „rechtslibertär“) und den Tech-Milliardär Alexander Tamas aufklären.
Mit dem Aufbrechen dieser Rolle fühlte ich mich besser. Viel besser, wie wenn es „nur“ ein simuliertes Gericht im Theater mit ausschließlich antifaschistischen Teilnehmenden gewesen wäre. Mein Statement war: Wir müssen nicht nur den rückwärtsgewandten Faschismus eines Björn Höcke auf dem Schirm haben, sondern auch einen vorwärtsgewandten, der mit KI, Privatarmeen und Sozialzersägung aufmarschieren könnte. Denn: Die Kettensäge ist das neue Hakenkreuz.
Der „Verteidiger“ und WELT-Autor Frédéric Schwilden versuchte, mich als Experten zu diskreditieren. Frei nach der Devise, wenn inhaltlich Argumente nicht greifen, greift man die Person an. Wir waren uns also im Vorfeld unabgesprochen einig: Er wollte mein Wissen nicht abfragen, ich wollte seine Fragen nicht beantworten.
Wer wen anklagt …
Interessant war die Reaktion. Linke Medien reagierten so gut wie gar nicht auf meine Intervention. Linke Kritiker*innen nannten mich „Kollaborateur“, konservative Medien „Knallcharge“ (Stern). In der Süddeutschen Zeitung hieß es, man hätte mir gerne mehr Raum gewähren sollen, um über Björn Höcke zu referieren, aber meine Worte zu Petry, Cotar und Tamas wurden nicht erwähnt. Anders in der evangelischen Zeitungsbeilage Chrismon, wo ein Journalist mich in unschön-christlicher Tradition als „besessen“ bezeichnete, mein Auftritt sei „absurd“ und „abwegig“ gewesen. Aber er überbrachte die Nachricht:
„Stattdessen trägt er immer wieder vor, man solle sich lieber mit Frauke Petry, Joana Cotar und deren Bruder, dem Milliardär Alexander Tamas beschäftigen.“ (Konstantin Sacher: Sollen wir die AfD verbieten. Thalia Theater ‚Prozess gegen Deutschland’, 17.02.2026 in Chrismon)
Auf X und anderen rechten Plattformen wurde mein Beitrag gespiegelt. Zwar wollten sie mich lächerlich machen, doch damit brachten sie den Milliardär Tamas ins Spiel, der wahrscheinlich lieber weiter vom Spielfeldrand dirigieren würde.
Ob meine Intervention beim „Prozess gegen Deutschland“ richtig war? Ich weiß es nicht. Was ist die richtige antifaschistische Strategie – Zeichen setzen oder aufklären? Auf diese Frage werde ich im nächsten Artikel eingehen – und auf den deutschen Tech-Milliardär Tamas, der jetzt tatsächlich mit seiner Kettensägenschwester Joana Cotar zusammenarbeitet.