Kommt ein Jugendlicher mit Thor-Steinar-Hose in den Raum. Was passiert? Soziale Exklusion? Tür zu und Tschüss? Nicht im Demokratiebahnhof Anklam. Als sich diese Situation dort ereignete, wurde das Gespräch gesucht. Ob er wisse, was das für eine Marke sei? Nein, er habe die Hose von seinen Eltern bekommen, antwortet er. Die Mitglieder des Demokratiebahnhofs erklären ihm daraufhin, dass die Marke als Erkennungsmerkmal der rechtsextremen Szene gilt, und bitten ihn, das Logo abzukleben. Ihn deswegen wegschicken oder im Stich lassen? Keine Option.
So hat es mir eine ehemalige Engagierte des Demokratiebahnhofs erzählt, als ich sie vor knapp zwei Jahren interviewte. Sie ist selbst in der Stadt im östlichen Mecklenburg-Vorpommern mit knapp 12.000 Menschen aufgewachsen und hat sich lange ehrenamtlich im Demokratiebahnhof engagiert. Anlass unseres Gesprächs war damals, dass dem Verein die Räume im Bahnhofsgebäude gekündigt wurden. Sie zogen daraufhin in kleinere, weniger zentrale Örtlichkeiten um und schafften es so nochmal, das demokratische Bildungsangebot zu erhalten. Aber es kündigte sich damals schon an, was nun Realität ist: Der Demokratiebahnhof Anklam macht dicht. Ende 2025 ist die Stelle des letzten verbleibenden Sozialarbeiters ausgelaufen.
Molotowcocktails und Schmierereien
Marius Denda, einer der Vorsitzenden des Vereins, nennt dem NDR gleich mehrere Gründe. Manche davon sind organisatorischer Natur. Beispielsweise, dass bürokratische Aufgaben wie das Schreiben von Förderanträgen immer in der Freizeit hätten passieren müssen, während sich parallel die Situation der Vorstandsmitglieder durch Wegzug oder Familienzuwachs verändert habe, erzählt er. Ein anderer Grund betrifft den Raum. Jugendarbeit auf 40 Quadratmetern sei einfach nicht möglich.
Der schwerwiegendste Grund aber komme von außen: Er habe keine Unterstützung aus der Stadtpolitik und der Verwaltung gespürt, was die Entscheidung bekräftigt habe, „die Jugendarbeit erstmal auf Eis zu legen“. Der Mietvertrag am neuen Standort sei bereits gekündigt. Ob sich der Verein dahinter komplett auflöst, ist momentan noch in der Schwebe.
Seit 2014 konnten Jugendliche im Demokratiebahnhof ihre Räume selbst gestalten. Die Website zeigt nun quasi als Archiv, was alles möglich war: Schweißworkshops, Bandproben, Gemüsepflanzen, Lesungen – und manchmal auch, einfach nur einen Raum zum Abhängen zu haben, ganz ohne Programm. Und zwar Widerständen zum Trotz.
Denn nicht allen gefiel das Engagement des Demokratiebahnhofs. Über die Jahre war er immer wieder Angriffen ausgesetzt. Es gab Schmierereien wie „Kein Ort für Schwule und Transen“ an den Hauswänden, 2017 flogen Molotowcocktails und Farbbomben gegen das Gebäude. Ebenfalls dokumentiert sind Sachbeschädigungen.
Paradies für rechtsextreme Treffpunkte
Nun wäre es an sich schon blöd genug, wenn irgendwo in Deutschland zu einer Zeit, in der Rechtsextreme im Bundestag ein- und ausgehen, eine Einrichtung schließen muss, die sich der demokratischen Bildung verschrieben hat. Es geht aber schlimmer: Denn der Demokratiebahnhof steht in Anklam.
Anklam ist die Stadt, die den Sitz des Landesverbandes der Partei Heimat (früher: NPD) beheimatet. Es ist die Stadt, in dem Polizeikräfte ein Vereinsheim des verbotenen rechtsextremen Vereins „Hammerskins“ enttarnten. Es ist die Stadt, in der das Schwurbelblatt „Anklamer Bote“ produziert wurde. Dessen Redaktion argumentierte in einer früheren Ausgabe, man solle NPD wählen, um sich nicht von solchen Projekten wie dem Demokratiebahhof „wie zu SED-Zeiten (…) politisch im Sinne der Herrschenden“ umerziehen lassen. Und es ist die Stadt, die im Verfassungsschutzbericht als „rechtsextreme Hochburg“ auftaucht – auch weil das „Haus Jugendstil“ als Treffpunkt der rechtsextremistischen Szene gilt. Kurz: Anklam ist die Stadt, in der sich seit Jahrzehnten rechtsextreme Strukturen festigen konnten – und toleriert werden. Es gibt keinen „Rechtsruck“; es ist alles immer schon dagewesen.

Rechtsruck? Historisch gewachsen!
Das sind keine großen Neuigkeiten, sondern historisch gewachsen und medial auch oft thematisiert. Der praktische Politikwissenschaftler Dierk Borstel beispielsweise hat immer mal wieder dazu gearbeitet, wie sich der Rechtsextremismus dort fest verankern konnte. Die Kurzfassung: Bereits in der Weimarer Republik galt die Region als „Hochburg der Deutschnationalen und später der Nationalist_innen“. Die Wende brachte Arbeitslosigkeit, die Jungen wanderten ab – von 21.000 Einwohnern blieben 12.000.
Protestiert wurde, als Rot-Grün Prinzipien der Sozial- und Arbeitsmarktpolitik geändert habe. 800 Anklamer*innen gingen mit 120 Rechtsextremen demonstrieren. Langzeitarbeitslose galten dem damaligen Wirtschaftsminister als „Parasiten“ – und Menschen, die von diesen Problemen betroffen waren, wurden verächtlich gemacht. Rechtsextreme wussten das für sich zu nutzen und besetzten den Heimatbegriff als Gegenentwurf zur vorherrschenden Politik.
Immobilien in der Hand von Rechtsextremen
Heute sind die ehemaligen rechtsextremen Jugendgruppen selbst erwachsen, haben Kinder bekommen, Firmen gegründet, arbeiten in Pflegediensten, Szeneläden sowie Restaurants – und haben Immobilien gekauft. „In keiner anderen deutschen Stadt dürfte es auch nur ansatzweise eine solche Dichte an rechtsextremen Immobilien in privater Hand auf engstem Raum geben“, stellt Borstel fest. Menschen ziehen nicht nach Anklam, obwohl dort Rechtsextreme leben. Sondern genau deswegen.
Und so wachsen diese Strukturen neben den Demokratieprojekten. Der Unterschied: Die Rechtsextremen sind in der Stadtgesellschaft fest verankert, die Demokratieprojekte kommen von außen. Das hat Folgen: „Die rechtsextreme Seite (…) packt im Rahmen ihrer Firmen bei der Stadtentwicklung mit an, während andere noch in ihren Workshops erklären, wie Engagement funktioniert.“ Borstel stellt fest: Das Zusammenspiel aus rechtsextremen Strukturen, einer schwachen Zivilgesellschaft, sozioökonomischen Problemen sowie demokratieskeptischen und in Teilen offen menschenfeindlichen Einstellungen hat sich verselbstständigt.
Rückgrat und Zivilcourage
Der Humangeograph Daniel Mullis hat sich mit der Jugend in Bezug auf politische Einstellungen beschäftigt und sagt: Man kann zwar rechte Ideologien nicht wegbilden – aber man kann jungen Menschen Tools an die Hand geben, die sie darin bestärken, „selbstbewusst mit technischen, sozialen und kulturellen Veränderungen und Herausforderungen“ umzugehen. Dafür braucht es aber auch Gestaltungsmacht: beispielsweise in Formen von Räumen, in denen Kinder und Jugendliche mitgestalten können und dürfen.
Ein solcher Raum war der Demokratiebahnhof – also nicht nur ein Schutzraum, sondern auch ein Präventionsprojekt. Immerhin dürfte die rechtsextreme Szene um dasselbe Publikum konkurrieren. Was passiert an Orten, an denen rassistische Ressentiments und autoritäre Sehnsüchte kein Korrektiv erfahren? In einer Motra-Umfrage zeigt sich ein Drittel der jungen Generation „mindestens offen für autoritäres, rechtsextremes Gedankengut“.
Das Gespräch über die Thor-Steinar-Hose steht symbolisch für den Ansatz des Demokratiebahnhofs: nicht ausgrenzen, sondern das Gespräch suchen. In einem von Feindbildern geprägten Umfeld ist das radikal demokratisch. Wer Demokratie erhalten will, baut verlässliche Strukturen und gibt politisch, finanziell und ideell Rückendeckung.
Bleibt am Ende nur zu sagen: Danke an alle Engagierten des Demokratiebahnhofs Anklam für euer Rückgrat, wo es anderen zu anstrengend war – trotz Bedrohung, bürokratischer Hürden und fehlender Unterstützung. Respekt für dieses Zeichen von Zivilcourage.