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Das Feuer ließ eine Glasscheibe zerspringen. Auf der Terrasse des ehemaligen Bürger-Restaurants nahe der Reeperbahn liegt eine verkohlte Matratze. Ein Absperrband markiert die Brandstelle am Wohnhaus, in dessen Erdgeschoss einst das Restaurant auf St. Pauli war. Am frühen Abend des 27. März stand der betroffene Obdachlose vor seiner brennenden Schlafstädte.

„Die Frauen und Kinder sollen nicht so glotzen“, schimpfte er. Um 18 Uhr des Tages roch es in der Luft nach Öl. „Ein Brandbeschleuniger?“, fragte ein Kind. Noch bevor Feuerwehr und Polizei eintrafen, löschte ein Anwohner die Flammen mit einem Handlöscher. So konnte sich das Feuer nicht weiter ausbreiten. Kleidung und Schlafsack des Obdachlosen wurden von Feuer von Löschwasser jedoch zerstört. Das Wenige, das er besaß, ist verloren. 

300 tödliche Angriffe auf Obdachslose seit 1990

Seit 1990 haben wohnungshabende Täter*innen rund 300 Wohnungslose getötet. Nur selten ging ein Streit der Tat voraus, weiß die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W). Das unterscheidet diese Gewalt von Konflikten unter Obdachlosen, die in Notunterkünften immer wieder aneinandergeraten. Auch dabei starben etwa 300 Menschen. Diese Unterscheidung hält die BAG W für äußerst wichtig: Die Angriffe von Wohnungshabenden müssten als gezielte Übergriffe aufgrund von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit eingeordnet werden.

Das Eckhaus ist seit Langem eine beliebte Schlafstätte für Menschen ohne festen Wohnsitz. Die zurückversetzte Hausfront und der erhöhte Boden bieten etwas Schutz vor Regen und Kälte. Der Mann war nicht der Erste und ist auch nicht der Einzige, der hier Zuflucht sucht. Einen Tag nach dem Brandanschlag schlafen wieder vier Obdachlose auf der Terrasse neben der Brandstelle – notdürftig vor dem Nieselregen geschützt, kaum aber vor der Kälte der Elbe.

Missachtung und Gewalt nehmen zu

In Hamburg steigt die Gewalt gegenüber Obdachlosen – leider ein bundesweiter Trend. Das Bundesinnenministerium meldete Ende 2025: Im Jahr 2024 griffen Täter*innen 2.194 Wohnungslose an. Die zuvor gestellte Anfrage der Linken im Bundestag ergab, dass allein in Hamburg 221 Übergriffe stattfanden. Nur Berlin verzeichnet mit knapp 500 Fällen mehr. Die Dunkelziffer dürfte höher liegen.

Erst am 18. März dieses Jahres erlitt ein Obdachloser am Müllberg in Hamburg Verletzungen durch ein Feuer. Müll hatte sich entzündet. Am 2. Dezember 2025 brannte die Platte eines Obdachlosen in der Brauhausstraße. Er kam mit schweren Verbrennungen ins Krankenhaus. 2023 verurteilte das Landgericht Hamburg einen Mann wegen versuchten Mordes zu viereinhalb Jahren Haft. Der Täter hatte am Bahnhof Altona den Pulloverärmel eines Obdachlosen mit einem Desinfektionsmittel übergossen und angezündet. 

Das Hamburger Straßenmagazin Hinz&Kunzt dokumentiert seit Jahren gezielte Brandanschläge auf Schlafplätze. Das Magazin, das von Profis erstellt und von mehr als 500 Obdachlosen, Wohnungslosen und Menschen in prekären Lebenslagen verkauft wird, berichtet aktuell auch über eine „rigide Behördenpraxis“. Laut Hinz&Kunzt ließ der SPD-Grüne Senat im vergangen Jahr 31 Obdachlose nach Polen und Rumänien abschieben. An der Elbe leben – nach Angabe der Sozialbehörde – fast 4.000 Menschen auf der Straße. Eine Studie der Behörde stellte Ende 2025 fest: Die Betroffenen „verelenden“ zunehmend. 

Rund um die Hamburger Vergnügungsmeile werden die Betroffen auf dem Boden, neben den Bars und an den Bahnhöfen auch einfach übersehen. Ebenso schnell wird weggeschaut, wenn jemand in Mülleiner nach Pfandflaschen sucht. Die Gewalt geht mit dieser Ignoranz und Missachtung einher. Nach Brandanschlägen werden die Täter*innen nicht immer gefunden. Ihre Motive bleiben ungeklärt.

Raus aus der Fußgängerzone?

Die Taten durch Wohnungshabende ordnen Nico Mokros und Andreas Zick als „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in der Mitte der Gesellschaft“ ein. In ihrer Studie „Die angespannte Mitte – Rechtsextreme und demokratiegefährdende Einstellungen in Deutschland 2024/2025“ zeigen sie: 17 Prozent der Befragten wollen Obdachlose aus Fußgängerzonen entfernen. Knapp 20 Prozent stimmen dem zumindest teilweise zu.

Diese Einstellungen und Taten sind jener „Kältestrom“ einer neoliberalen Wirklichkeit, den der verstorbene Soziologie Oskar Negt früh anmahnte. Der Anstieg der Obdachlosigkeit spiegelt diese Kälte.

Immer mehr Menschen verlieren ihre Wohnung. Empathie und Solidarität mit Schutz- und Hilfsbedürftigen schwinden. Die Polykrisen – von Kriegen bis Inflation – befeuern in der gesellschaftlichen Mitte Leistungsdruck und Verlustängste. Autoritäre Einstellungen suchen dann auch autoritäre Erlösungen.

Autor*innen

Andreas Speit ist Journalist und Autor und schreibt regelmäßig für die taz (tageszeitung). Seit 2005 ist er Autor der Kolumne "Der rechte Rand" in der taz-nord, für die er 2012 mit dem Journalisten-Sonderpreis "Ton Angeben. Rechtsextremismus im Spiegel der Medien" ausgezeichnet wurde. Regelmäßig arbeitete er für Deutschlandfunk Kultur und WDR. Er veröffentlichte zuletzt die Werke "Autoritäre Rebellion" (2025), "Verqueres Denken – Gefährliche Weltbilder in alternativen Milieus" (2021),"Rechte Egoshooter" (Hg. mit Jean-Philipp Baeck, 2020), "Völkische Landnahme" (mit Andrea Röpke, 2019), "Die Entkultivierung des Bürgertums" (2019). Im Campact-Blog schreibt er als Gast-Autor über Rechtsextremismus und rechte Milieus. Alle Beiträge

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