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Triggerwarnung: Dieser Beitrag enthält sensible Themen, wie Vergewaltigung, Gewalt und Betäubung. 

Telegram-Gruppen, in denen sich hunderte bis zehntausende Männer darüber austauschen, wie sie Frauen* am besten betäuben und vergewaltigen können. Sie teilen Fotos, filmen live. Auch Deutsche sind darunter. Es ist ein System aus K.o.-Tropfen und Gewalt. Über ein Jahr recherchieren zwei STRG_F-Reporterinnen zum Vergewaltigungsnetzwerk auf Telegram. Ihre Reportage zieht erschreckende Parallelen zu den Massenvergewaltigungen an Gisèle Pelicot

Über neun Jahre hinweg betäubte, filmte und vergewaltigte Dominique Pelicot seine damalige Ehefrau, Gisèle Pelicot. Er leitete Mittäter an, wie sie ihre eigenen Frauen vergewaltigen konnten und bot Gisèle anderen Männern im Internet an. Über 80 gingen auf das Angebot ein. 

Darunter: ein Feuerwehrmann, ein Krankenpfleger, ein Informatiker, mehrere Rentner und Arbeitslose. Manche sind vorbestraft, andere verheiratete Familienväter, einige haben auch Enkelkinder. Die Männer sind zwischen 21 und 68 Jahre alt. Nur zwei entschieden sich um, als sie die bewusstlose Gisèle sahen. Keiner ging zur Polizei. 

Fälle in Deutschland ähneln Pelicot

Das Entsetzen über den Pelicot-Prozess schwappte über Ländergrenzen, löste Diskussionen aus – und bei manchen Männern Einsicht. Avignon fühlte sich sehr nah und gleichzeitig fern an. Dabei kann Deutschland in den vergangenen Jahren drei ganz ähnliche Fälle vorweisen. Nur, dass die Prozesse teilweise unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfanden.

Sechs Jahre lang setzte der 61-jährige Fernando P. seine Frau unter Drogen und vergewaltigte sie in der gemeinsamen Wohnung. Er filmte und teilte die Aufnahmen über einschlägige Messenger-Gruppen. Das Landgericht Aachen sprach den Mann im Dezember 2025 wegen schwerer Vergewaltigung und gefährlicher Körperverletzung schuldig. Fernando P. bekam achteinhalb Jahre Haft. Aufgrund eines entscheidenden Hinweises der STRG_F-Reporterinnen Isabell Beer und Isabel Ströh hatte das Bundeskriminalamt ermittelt.

Zwischen Januar 2020 und November 2024 betäubte und vergewaltigte ein 44-Jähriger – in Göttingen, Nürnberg, Mannheim, Frankfurt und Dreieich – Frauen aus seinem sozialen Umfeld. Darunter Nachbarinnen, Arbeitskolleginnen, gute Freundinnen und Untermieterinnen. Eine Kollegin vergewaltigte er während eines Livestreams. Er filmte und fotografierte seine Taten, teilte die Aufnahmen in Telegram-Gruppen. Dort bezeichneten ihn Gleichgesinnte als „Meister”. Das Landgericht Frankfurt verurteilte ihn Anfang Februar 2026 zu 14 Jahren Haft. 

Vor dem Landgericht München begann Anfang Februar 2026 der Prozess gegen einen 27-jährigen Studenten. Er soll seine Nachbarin und Freundin, mit der er eine Beziehung führte, mehrfach narkotisiert, vergewaltigt und gefilmt haben. In Chatgruppen mit mehr als 1.000 Gleichgesinnten nannte er betäubte Frauen „tote Schweine”. Vor Gericht sagte er, er sei von schlafenden Frauen fasziniert. Die Taten erstrecken sich über mehrere Monate in 2024. Laut Staatsanwaltschaft ist es reiner Zufall, dass die Frau noch am Leben ist. Ende März könnte das Urteil fallen. 

Dunkelziffer liegt bei 97 Prozent

Von 100 Frauen*, die in Deutschland sexuell übergriffige Erfahrungen machen, erstatten nur drei Frauen* Anzeige – das zeigt die Dunkelfeldstudie des Bundeskriminalamts. Damit liegt die geschätzte Dunkelziffer bei 97 Prozent. Vergewaltigungen im Nahumfeld kommen deutlich häufiger vor als Vergewaltigungen durch Fremde. Betroffene Frauen* melden sexuelle Übergriffe nur sehr selten, oft aus Scham oder um den Täter oder die Beziehung nicht zu belasten.

Reform des Sexualstrafrechts in Frankreich

Die heute 73-jährige Gisèle Pelicot verzichtete im Gerichtsprozess bewusst auf ihr Recht auf Anonymität. Bilder und Videos der an ihr begangenen Vergewaltigungen wurden auf Gisèles Wunsch im Gerichtssaal vorgeführt. Sie sagte: „Die Scham muss die Seite wechseln.” 

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Das löste in Frankreich eine Reform des Sexualstrafrechts aus. Seit Oktober 2025 gilt: Nur Ja heißt Ja. Sex ohne Zustimmung ist damit eine Vergewaltigung. In Deutschland löst dieselbe Idee noch immer juristische Diskussionen aus. Hier gilt bisher der Grundsatz „Nein heißt Nein”. Aber nur weil sich eine Frau* nicht wehrt, ist sie noch lange nicht einverstanden. 

Allein die Tatsache, dass Gesetze nötig sind, um die Bedeutung von Ja und Nein festzulegen, sagt viel über unsere Gesellschaft aus. Hunderte Gesetze allein ändern nichts an der Vergewaltigungskultur. 

Die Fälle in Aachen, München und Frankfurt. Die Reportage der STRG_F-Reporterinnen. Der Fall Dominique Pelicot. Alle Fälle folgen demselben Muster: Betäubung, Vergewaltigung, Filmaufnahmen, digitale Vernetzung. Sie zeigen aber auch den Ursprung des Problems: Männer. Nicht alle Männer. Aber immer Männer. 

Was Du als Mann tun kannst

Jede dritte Frau* in Deutschland erfährt in ihrem Leben physische oder sexualisierte Gewalt. Fast jeden Tag ermordet ein Mann in Deutschland seine Partnerin oder Ex-Partnerin. 

Fakt ist, seit über 100 Jahren kämpfen Frauen* für Gleichberechtigung und gehen am 8. März gemeinsam auf die Straße. Aber die Gewalt gegen Frauen* steigt weiter an. 

Gleichberechtigung bedeutet nicht nur zu sagen: „Ich bin ja nicht das Problem.” Dazu gehört viel mehr. Hinterfrage Dich beispielsweise, wie Du im Alltag geschlechtsspezifisch denkst und handelst. Höre auf, das sexistische Verhalten Deiner Freunde zu tolerieren. Dazu gehört auch faire Arbeitsteilung bei Care-Arbeit und Dein Einsatz für gleiche Bezahlung in der Lohnarbeit. 

Informiert Euch, hört zu und glaubt Frauen*, wenn sie von Übergriffen erzählen. Du bist noch immer irgendwie unsicher, was Du tun sollst? Frage Frauen* in Deinem Umfeld, wie Du sie aktiv unterstützen kannst. 

Am 8. März ist feministischer Kampftag. Ab auf die Straße! 

Autor*innen

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