Desinformation Montagslächeln Wahlen Feminismus Menschenrechte Klimakrise Appell Datenschutz Erfolg Soziale Medien

Den Iran-Krieg begleitet von Beginn an eine Flut KI-generierter Fakes und Memes – mehr als jeden Krieg zuvor. Wer sich durch soziale Medien scrollt, stößt unweigerlich auf KI-generierten Iran-Content. Dahinter stecken zwei Ziele: Ideologie und Geld, das etwa durch Beteiligungsprogramme von Social-Media-Plattformen ausgeschüttet wird.

Das Angebot ist umfangreich, lässt aber wiederkehrende Muster erkennen. Es gibt eine grobe Erzählung, die dann in verschiedene, optisch jedoch sehr ähnliche KI-Videos übertragen wird, die auf unterschiedlichen Konten auf Plattformen wie Instagram, X oder YouTube hochgeladen werden. Die Gesamtzahl solcher Videos ist kaum zu beziffern, klar ist aber: Einzelne Videos erzielen Millionen Aufrufen.

Von gefälschte Satelliten-Aufnahmen bis zu tanzenden Soldatinnen

Da wären zum Beispiel gefälschte Satelliten-Aufnahmen und KI-generierte Explosionen in Tel Aviv oder Dubai. Oder Videos, die die militärische Stärke oder Schwäche der Kriegsparteien demonstrieren sollen. Ein KI-Video zeigt einen US-Jet, der auf der Startbahn explodiert – 1,1 Millionen Aufrufe, mehr als 18.000 Likes. Derselbe Kanal zeigt auch KI-Videos von Bruchlandungen israelischer Flugzeuge oder startender iranischer Raketen. Dazu kommt eine Vielzahl von Videos KI-generierter Soldatinnen. Die mit den US-Flaggen gibt es in drei Versionen: tanzend, weinend oder tot. Seltener sind die Tanzenden vor Kampfjets – häufiger sind es weinende KI-Soldatinnen, die von den Schrecken des Krieges berichten und darum betteln, in die USA zurückkehren zu dürfen. Andere Videos zeigen weinende KI-Kinder mit trauernden KI-Müttern an den KI-Särgen ihrer KI-Väter.

Appell: Krieg und Krisen trotzen: Energiewende retten!

Der Krieg in Iran lässt die Öl- und Gaspreise in die Höhe schnellen. Erneut zeigt sich: Unsere Energieversorgung hängt viel zu stark von despotischen Regimen ab. Doch statt uns unabhängiger zu machen, würgt Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) die Energiewende ab. Die Bundesregierung muss umsteuern und die Erneuerbaren ausbauen – so schnell wie möglich. 

Auch auf iranischer Seite gibt es Videos mit vermeintlichen Militärangehörigen. Seit Beginn des Krieges tauchen auf Instagram, TikTok und anderen Plattformen baugleiche Videos auf. Sie zeigen Soldatinnen vor militärischem Gerät, meist Raketen, Drohnen oder Jets, die Sätze sagen wie „Habibi, come to Iran!“. Dabei dürfen Frauen im Iran nicht zum Militär. Das vorgeschriebene Kopftuch tragen die KI-Soldatinnen nicht. Auch hier gibt es Varianten: Einige von ihnen behaupten zum Beispiel, Ali Khamenei, der bei einem Angriff der USA und Israels getötet wurde, sei noch am Leben.

Todes- und Überlebensmeldungen

Viele Videos melden den Tod von Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Die Bandbreite dieser KI-generierter Fakes ist groß: Einige zeigen angeblich die Leiche Netanjahus, verschüttet unter Trümmern. Andere sollen seine trauernde Familie zeigen. Wieder andere seine Beerdigung. Die Videos sind so weit verbreitet, dass Netanjahu selbst ein Video aufnahm – als Lebenszeichen.

Aber auch das wurde zum Anlass genommen, um weitere Desinformation zu erzeugen: Hobbydetektiv*innen in sozialen Medien zerlegten jedes einzelne Bild aus Netanjahus Video, um zu belegen, das Video sei selbst KI-generiert und Netanjahu doch tot. Andere User*innen nutzen das Video als Vorlage für KI-Videos, die Netanjahu in absurden Positionen zeigen. Die Botschaft auch hier: Netanjahu sei getötet worden und Israel vertusche diesen Umstand. Diese Desinformation verfängt bei zahlreichen User*innen.

Auch an anderer Stelle sind die Probleme sichtbar: Anfang März veröffentlichte der Spiegel die Meldung, unwissentlich mehrere KI-generierte und -manipulierte Bilder einer Fotoagentur zum Iran-Krieg in seiner Berichterstattung verwendet zu haben. Auch andere Medien waren betroffen.

Der Iran-Krieg ist auch eine Informationskrise

Der Iran-Krieg zeigt sich in vielfacher Hinsicht als eine Informationskrise. Dahinter stecken gleich mehrere Faktoren. Im Iran ist der Internetzugang, wie schon während der Anti-Regime-Proteste, blockiert. In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurden Kriege und Anti-Regierungsproteste vom Arabischen Frühling über den syrischen Bürgerkrieg bis zur Ukraine und Gaza umfangreich von den Menschen vor Ort dokumentiert. Aktuell gelangen nur wenige solcher Dokumente aus dem Iran an die Öffentlichkeit. Zudem wurde das Filmen und Fotografieren von Angriffen durch die USA und Israel im Iran unter Strafe gestellt. Hinreichend verfügbar ist dagegen die Propaganda des iranischen Regimes.

Dazu kommt die Informationspolitik des US-Verteidigungsministeriums, das sich jetzt selbst als „Kriegsministerium“ bezeichnet. Schon 2025 knüpfte US-Verteidigungsminister Hegseth den Zugang zu Pressekonferenzen an Bedingungen. Journalist*innen sollten sich unter anderem verpflichten, nur von der US-Regierung autorisierte Informationen zu nutzen.

Die Folge: Zahlreiche seriöse Medien räumten die Büros im Ministerium. Stattdessen nahmen rechtsextreme und verschwörungsideologische Medienaktivistinnen ihre Plätze ein – statt Nachrichtenagenturen wie Reuters oder Fernsehsendern wie NBC und sogar Fox News filmten dort Trump-Verbündete wie die rechtsextreme Influencerin Laura Loomer oder eine Mitarbeiterin des Verschwörungsideologen Alex Jones während der Pressekonferenzen. Jones wurde von US-Gerichten zu Millionenstrafen verurteilt, weil er immer wieder behauptete, der Amoklauf an einer Grundschule sei ein Fake gewesen. Damals wurden 28 Menschen, darunter 20 Grundschulkinder, ermordet. Nach Beginn des Krieges verbannte Hegseth schließlich Fotojournalist*innen von seinen Pressekonferenzen. Wie die Washington Post berichtete, befand das Ministerium, dass die veröffentlichten Fotos ihn unvorteilhaft darstellen.

KI-generierte Videos und Bilder verschmutzen soziale Medien

Und auch in anderen Ländern, die vom Krieg betroffen sind, ist die Lage kompliziert. Nachdem diverse Influencer*innen beispielsweise Drohneneinschläge in Dubai filmten und kommentierten, verschwanden die Videos kurze Zeit später. Stattdessen posteten viele von ihnen neue Videos. Der Tenor: Dubai ist sicher. Dubai ist schön. Allein in Dubai sollen dutzende Menschen verhaftet worden sein, unter anderem, weil sie Informationen und Videos über das Kriegsgeschehen verbreitet haben. Auch in Qatar wurden mehr als 300 Menschen festgenommen.

KI-generierte Videos und Bilder füllen diese Informationslücken – und verschmutzen soziale Medien. Fakt und Fiktion, echte Aufnahmen und KI-Slop lassen sich kaum noch trennen. Auch die Social-Media-Plattformen sind keine große Hilfe: Ihre automatisierte Kennzeichnung greift nur in wenigen Fällen. Schlimmer noch: Grok, der Chatbot von X, ordnete KI-generierte Videos teilweise als authentisch ein.

Autor*innen

Karolin Schwarz arbeitet als Autorin und hat die Angewohnheit, ihre Nase in die dunklen Ecken des Internets zu stecken. Sie beschäftigt sich seit mehr als einem Jahrzehnt mit Desinformation, Rechtsextremismus und Plattformen. Ihr Buch "Hasskrieger: Der neue globale Rechtsextremismus" erschien 2020 im Verlag Herder. Als Gast-Autorin für Campact schreibt sie über Desinformation. Alle Beiträge

Auch interessant

Desinformation Karolin Schwarz Vier Jahre Krieg gegen die Ukraine, vier Jahre Infokrieg Mehr erfahren
Desinformation Victoria Gulde Wie KI unsere Geschichte umschreibt Mehr erfahren
Desinformation Karolin Schwarz Deepfakes: Gewalt gegen Frauen als Massenprodukt Mehr erfahren