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Die Buchhändlerin Paulina Löffelholz verpackte ihren Ärger in mehr oder weniger feine Ironie. „Bundeskulturkampfminister“ (dies ist ein vom ehemaligen Bundesminister Jürgen Trittin geprägter Begriff, kurz „BKM“) Wolfram Weimer hatte den Festakt zur Verleihung des Deutschen Buchhandlungspreises an diesem Donnerstag auf der Leipziger Buchmesse absagt. Und Löffelholz, selbst eine der 118 von der Jury ursprünglich vorgesehenen Preisträger*innen, postete vergangene Woche auf Instagram: „Schade, wir hatten schon Tomaten für die Preisverleihung gekauft… Natürlich als Snack.“ Dazu ein Smiley.

Doch zum Lachen war der Buchhändlerin Löffelholz aus Neunkirchen-Seelscheid im Bergischen Land südlich von Köln schon seit Tagen nicht mehr zumute. Sie hatte den Preis – er ist mit 7000 Euro dotiert – in den vergangenen Jahren schon mehrfach bekommen. Ebenso wie viele andere in der Buchbranche und auch weit darüber hinaus findet sie es unerhört, dass Staatsminister Weimer drei Buchhandlungen aus dem linken Spektrum von der Vorschlagsliste gestrichen hatte: die Schwankende Weltkugel in Berlin, den The Golden Shop in Bremen und die Rote Straße in Göttingen.

Petition: Kultur braucht Freiheit! –Rücktritt Weimer jetzt!

Immer neue Enthüllungen im Streit um den deutschen Buchhandlungspreis zeigen: Es ist Zeit für Kulturstaatsminiser Weimer, das Feld zu räumen. Die Initiative „Lesen Hilft!“ ruft dazu auf, die betroffenen Buchhandlungen zu unterstützen – und fordert Weimer zum Rücktritt auf.

Zensur von ganz oben

Der Behörde begründete das mit „verfassungsschutzrelevanten Erkenntnissen“, ohne, dass dies näher erklärt wurde. Zwei der Läden, Golden Shop und Rote Straße, waren sogar für den mit 15.000 Euro dotierten Sonderpreis vorgesehen.

Der ehemalige Grünen-Politiker Trittin sprach von „rechtem Zensur-Irrsinn“. Er ist selbst Kunde bei Rote Straße in Göttingen und stellt über den Laden fest: „Er ist in Göttingen eine Institution.“

Institution – das lässt sich auch über den Buchladen von Paulina Löffelholz sagen. Ihn gibt es – mit verschiedenen Vorbesitzer*innen – seit 36 Jahren in Neunkirchen-Seelscheid. Löffelholz ist in dem Fachwerkhaus aufgewachsen, zu dem unten die Ladenräume der Buchhandlung gehören. Als sie das Geschäft vor drei Jahren von ihren Eltern übernahm, erzählte sie dem Börsenblatt: „Wenn ich nachts Bedarf nach neuem Lesestoff hatte, konnte ich im Pyjama die Treppe runterschleichen und mir etwas aussuchen.“

Buchläden als Räume für „lebendige Demokratie“

Paulina Löffelholz ist eine Leseratte mit viel Empathie, als Buchhändlerin preisverdächtig par excellence. Als sie Anfang März von der Aussortierung der drei ins Visier des Geheimdienstes geratenen Buchläden erfuhr, schrieb sie, Buchhandlungen seien „weit mehr als reine Verkaufsstellen“. Ganz im Gegenteil seien sie „Räume für Vielfalt, kritischen Austausch und lebendige Demokratie“. Die intransparente Überprüfung und politische Bewertung sende ein „Signal, das der Freiheit des Wortes zutiefst widerspricht – genau jener demokratischen Offenheit, die Buchhandlungen tagtäglich leben“.

Diese demokratische Offenheit hat nicht verhindern können, dass deren Geschichte immer wieder auch traurig endet. Die älteste Buchhandlung im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, die 1990 aus der ehemaligen Volksbuchhandlung entstandene Insel in der Greifswalder Straße, musste Ende 2025 schließen. Ihr Laden werde fehlen als „Kiezort, als Begegnungsort, als Anlaufstelle für alles Mögliche“, sagte die letzte Inhaberin Steffi Diez im Dezember dem Tagesspiegel.

Ein Jahr nach der Insel, 1991, hatten Ingo und Simone Specht in der damaligen Dimitroffstraße in Prenzlauer Berg die Käthe-Kollwitz-Buchhandlung eröffnet. An die Fassade hängten sie das Schild „Bücher sind Lebensmittel“. 2013 gaben die beiden auf. Ingo Specht sagte der taz damals zur Begründung: „In Prenzlauer Berg gibt es im Augenblick mehr Buchhandlungen als Banken und Apotheken zusammen. Dafür, dass die Kaufkraft weiter sinkt und immer mehr Leute bei Amazon bestellen, sind es definitiv zu viele. […] Ich habe zu einem großen Teil von Büchern gelebt, die ich nicht anfassen würde. Bei den großen Verlagen geht es immer mehr ums Geld und immer weniger um Inhalte.“

Kulturstaatsminister mit Bewunderung für Rechtsympatisanten

Schon 2013 hielt Specht übrigens die Bücher von Uwe Tellkamp für „völlig überbewertet“. Jener Uwe Tellkamp vom Weißen Hirsch in Dresden, den Weimer fünf Jahre später in einer Kolumne als „Leitintellektuellen der Merkelkritik“ gewürdigt hatte. Tellkamp steht seit längerem in der Kritik, extrem rechte Positionen zu unterstützen. In Ostdeutschland werde Tellkamp als „Leitfigur einer neuen Freiheitsbewegung des Wortes“ gesehen, schwärmte Weimer. Aber das nur nebenbei.

Was die Causa Wolfram Weimer angeht, haben sich die Nachrichten in den vergangenen Tagen überschlagen: Der Ausschluss der drei genannten Buchhandlungen von der Preisverteilung. Die von ihnen angekündigten – und inzwischen anhängigen – Klagen gegen die Datenübermittlung zwischen dem „BKM“ und dem Verfassungsschutz. Die Absage der Preisverleihung per Rundmail eines Abteilungsleiters in der Weimer-Behörde, laut dem eine „angemessene Würdigung“ der Preisträger*innen im Kontext mit der Debatte um die Nichtberücksichtigung von drei Jury-Vorschlägen „kaum noch möglich“ sei. (Im Original der Mail fehlt das Gendersternchen.) Vor was hatte Weimer Angst: vor Buttons an den Revers von Buchhändlern, T-Shirts mit Protestnoten, Widerworten beim Festakt?

Die Ortsgruppe Leipzig der „Omas gegen Rechts“ organisiert gemeinsam mit der Gewerkschaft ver.di und den Aktionsbündnissen „widersetzen“ und „Leipzig nimmt Platz“ eine Demo zur Eröffnung der Leipziger Buchmesse. Los geht’s am 18. März um 18 Uhr auf dem Augustusplatz.

Eine dreiste Lüge aus dem Hause Weimer

Negativer Höhepunkt folgte auf negativen Höhepunkt, und immer waren diese negativen Höhepunkte bloß vorläufig. Gut eine Woche vor Beginn der Leipziger Buchmesse wurde bekannt, dass das Amt des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (diesmal wirklich BKM), das Amt von Weimer also, die drei Buchhandlungen, die nicht berücksichtigt worden waren, gleichlautend informiert hatte: „Leider muss ich ihnen mitteilen, dass Sie von der unabhängigen Jury nicht für eine Auszeichnung ausgewählt wurden.“

Das war eine dreiste Lüge, die das Amt wiederum mit „Gründen des Geheimschutzes“ begründete. Die Jury nämlich hatte mit dem Ausschluss der drei Buchläden in Berlin, Bremen und Göttingen gar nichts zu tun. Die FAZ schrieb zu diesem Vorgang: „Instinkt darf man Wolfram Weimer also wohl ebenso absprechen wie Integrität.“ Der Text von Andreas Platthaus erschien unter der Überschrift „Auftrag zur Lüge vom Bundesbeauftragten? Die Behörde von Wolfram Weimer blamiert sich“.

Wie Weimer als „rechter Kulturbeauftragter [der] konservative Kräfte bevorzugt“ schon mal versucht hat, in den Kulturbetrieb einzugreifen, beschreibt der Autor Michael Bittner in seinem eigenen Blog:

Dobrindts größerer Plan

Vor einer Woche dann meldete die Süddeutsche Zeitung: „Hinter Weimers Verfassungsschutz-Aktion steckt ein größerer Plan“. Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) wolle den Geheimdienst häufiger einbeziehen, wenn NGOs Fördermittel beantragen. Weimer werde in dieser Angelegenheit von Dobrindt als Vorbild angesehen: „Die Rede ist von einem flächendeckenden Vorgehen: Staatliche Stellen, heißt es, müssten sicherstellen, dass Fördergeld nicht an Extremisten fließt. Personen oder Gruppen, über die dem Verfassungsschutz relevante Erkenntnisse vorliegen, sollte kein Geld gewährt werden.“

Die SZ schlussfolgerte: „Behörden müssten dann eigentlich bei jedem Antrag den Verfassungsschutz konsultieren, bevor sie Fördergeld an Bürgerinnen und Bürger herausgeben, in welcher Form auch immer.“

Vom BKM hieß es dazu, das entsprechende Verfahren sei „in den vergangenen Jahren – ergo bereits von den Vorgängerregierungen – hunderte Male von verschiedenen Ministerien des Bundes angewandt worden“. Beim Bundeskulturminister aber sei das „natürlich ein seltener Vorgang und wird auch in Zukunft der absolute Ausnahmefall bleiben“. Einzelheiten? „Wir bitten um Verständnis, dass wir hierzu aus Geheimschutzgründen keine weiteren Details nennen können.“

Lesung in der katholischen Kirche

Ob der Verfassungsschutz auch die Buchhandlung Löffelholz durchleuchtete, ist nicht bekannt. Zusammen mit ihr habe ich im Januar eine Lesung zu unserem Buch „Mut zum Unmut – eine Anleitung zur politischen Widerspenstigkeit“ in Neunkirchen-Seelscheid organisiert. Das wurde damals eine große Sache, weil Löffelholz mit ihrem Team so unermüdlich mobilisierte. Sie schrieb Schulen an und holte Bürgerinitiativen wie „Siegburg zeigt Haltung“ oder „Laut für Demokratie in Hennef“ mit ins Boot.

Am Ende reichte ihr Buchladen mit seinen maximal 70 Sitzgelegenheiten nicht. Die Lesung mit Diskussion über Renitenz und Aufmüpfigkeit fand in der prächtigen katholischen Pfarrkirche Sankt Georg statt. Der zunächst von der Kirchgemeinde eingeforderte „Gottesdienstbezug“ der Veranstaltung wurde großzügig ausgelegt. 250 Menschen kamen, die Kirche war damit voll.

Mit auf dem Podium: mehrere Protagonistinnen aus dem Buch, darunter Bahar Aslan, ehemals Lehrerin an der Polizeihochschule NRW. Ein Tweet von Aslan im Mai 2023 hatte für mächtig Wirbel gesorgt: „Ich bekomme mittlerweile Herzrasen, wenn ich oder meine Freund*innen in eine Polizeikontrolle geraten, weil der ganze braune Dreck innerhalb der Sicherheitsbehörden uns Angst macht.“ Die Dozentin wehrte sich erfolgreich gegen den Entzug ihres Lehrauftrags, auch ein parallellaufendes Disziplinarverfahren gegen sie wurde eingestellt. Hat der Verfassungsschutz relevante Erkenntnisse zu diesem Vorgang?

Paulina Löffelholz fragte Weimer vor paar Tagen auf Instagram öffentlich: „Ich habe eine Veranstaltung gemacht, die zu politischer Widerspenstigkeit motiviert. Muss ich das Preisgeld dann demnächst zurückzahlen und die Urkunde schreddern?“

Die Buchhändlerin aber weiß natürlich, dass sich die aktuelle Diskussion um den Deutschen Buchhandlungspreis 2025 dreht – und sie aktuell nichts zu fürchten hat. „Verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse“ aus diesem Jahr, also etwa auch zur Buchvorstellung „Mut zum Unmut“ im Januar 2026 und dem Aufruf zur Widerspenstigkeit, konnte Wolfram Weimer noch gar nicht berücksichtigen. Noch müssen sich Paulina Löffelholz und der katholische Pfarrer in Neunkirchen-Seelscheid also gedulden, bevor sie sich entspannt zurücklehnen können. Ironie off.

Autor*innen

Matthias Meisner ist freier Journalist und Buchautor in Berlin und Tirana. Er schreibt als Gast-Autor für den Campact-Blog über Menschenrechte, Geflüchtete und die Bedrohung der Demokratie. Zuletzt veröffentlichte er 2025 im Dietz-Verlag Bonn gemeinsam mit Paul Starzmann das Buch "Mut zum Unmut – Eine Anleitung zur politischen Widerspenstigkeit". Infos unter www.meisnerwerk.de. Alle Beiträge

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