2016 ermorderte in Gangnam, einem der wohlhabendsten Stadtteile der Hauptstadt Seoul, ein Mann eine Frau, die er noch nie zuvor getroffen hatte. Er lauert ihr in einer öffentlichen Toilette auf und tötet sie. Als er verhört wird, sagt er: Frauen hätten ihn immer ignoriert.
Die Polizei stuft den Mord nicht als Hassverbrechen ein. Keine Anklage wegen Frauenhass. Keine besondere Anerkennung dieser systematischen Gewalt.
Die Reaktion in der Gesellschaft: gespalten. Ein Teil der Menschen sieht das Problem – tief verwurzelten Sexismus, Gewalt gegen Frauen, ein System, das Täter schützt. Der andere Teil bezeichnet den Täter als psychisch krank; ein Einzelfall. Tausende Frauen gehen auf die Straße und schreien ihre Wut heraus. Und aus dieser Wut wächst etwas Neues.
Was steckt hinter den vier Bs?
Die 4B-Bewegung entstand zwischen 2017 und 2019, hauptsächlich auf dem damaligen Kurznachrichtendienst Twitter. Ihr Name kommt von vier koreanischen Wörtern, die alle mit dem Silbenzeichen 비 (bi, ausgesprochen wie das englische „B“) beginnen. Das Silbenzeichen bedeutet so viel wie „kein“ oder „ohne“.
Die vier Grundsätze der 4B-Bewegung: Nein zur heterosexuellen Ehe. Nein zum Kindergebären. Nein zum Dating mit cis-Männern. Nein zu heterosexuellem Sex.
Hilfetelefon – Gewalt gegen Frauen
Du bist selbst von Gewalt betroffen oder brauchst unabhängige Beratung? Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist 24 Stunden lang erreichbar, anonym und kostenfrei.
Warum entsteht die Bewegung gerade in Südkorea?
Radikale Verweigerung – oder eine Antwort auf konkrete, alltägliche Bedrohung? Südkorea gilt als ein hochentwickeltes, modernes Land. Doch hinter der glänzenden Fassade aus K-Pop und Tech-Boom steckt ein patriarchales System.
Innerhalb der OECD gehört Südkorea zu den Ländern mit der geringsten Geschlechtergerechtigkeit. Frauen verdienen im Schnitt deutlich weniger als Männer. Mehr als 40 Prozent der südkoreanischen Frauen pausieren ihre Karriere nach der Geburt eines Kindes – oder geben sie ganz auf. Wer arbeitet, kämpft gegen eine Gläserne Decke. Trotz der Zahlen bestritt Ex-Staatspräsident Yoon Suk-yeol, bis April 2025 im Amt, dass Frauen in Südkorea systematisch diskriminiert werden. Das Ministerium für Geschlechtergleichstellung wollte er abschaffen – weil es Männer angeblich als „potenzielle Sexualstraftäter“ behandle. Seinen Wahlsieg verdankt Yoon Suk-yeol vor allem jungen Männern.
Strukturelle Gewalt, Sexismus, Gruppenvergewaltigungen
Dazu kommt strukturelle Gewalt. Versteckte Kameras in Umkleidekabinen, öffentlichen Toiletten und Hotelzimmern filmten Frauen heimlich. Die Videos tauchten in Netzwerken auf, wo Männer dafür bezahlten. Die Täter kamen meist mit Geldstrafen oder Bewährung davon.
2019 erschütterte der Burning-Sun-Skandal das Land. Mehrere männliche K-Pop-Stars stehen im Verdacht, an Gruppenvergewaltigungen teilgenommen und intime Aufnahmen in Chatgruppen geteilt zu haben.
Der Hass hat viele Gesichter
4B ist kein Aufruf zum Hass gegen Männer. Es ist ein Aufschrei gegen ein System, das Männer schützt und Frauen gefährdet.
Von Geburt an sind Frauen häufiger sexualisierter oder körperlicher Gewalt ausgesetzt. Laut der UN wird weltweit alle zehn Minuten eine Frau von einem Partner oder einem Familienmitglied getötet. Fast zwei Drittel der Tötungsdelikte an Frauen geschehen aufgrund ihres Geschlechts.
Auch in Deutschland schlägt die Gewalt gegen Frauen zu – in engen Wohnungen, in dunklen Gassen, im Netz. Sie kommt von Partnern, die glauben, Frauen zu besitzen. Von Fremden, die Frauen auf der Straße verfolgen. Von Männern in Incel-Foren, die Gewaltfantasien teilen. Von rechtsextremen Influencern, die Frauenhass als Humor verpacken und an Jugendliche verbreiten. Von Ehepartnern, die sich im Netz als Collien Fernandes ausgeben oder wie beim Fall Dominique Pelicot ihre Frau ins Koma versetzen, um sie anderen Männern zur Vergewaltigung anzubieten.
Incel – das steht für „involuntary celibate“, unfreiwillig zölibatär. Eine Szene aus Männern, die Frauen für ihre eigene Einsamkeit verantwortlich machen und sich gegenseitig in Hass und Gewaltfantasien bestärken. Das klingt wie ein Randphänomen – es ist aber keins. In den USA und Europa hat diese Ideologie bereits mehrere Gewalttaten ausgelöst.
Die Bewegung landet in den USA
Nach dem Wahlsieg des Rassisten, Hetzers und Frauenfeindes Donald Trump, wächst der Hass gegen Frauen in den USA rasant. Kurz nach der Wahl verbreitete der rechtsextreme Influencer Nick Fuentes ein Video: Er dreht den feministischen Leitsatz „My Body, My Choice“ um – zu „Your body, my choice.“ Die körperliche Selbstbestimmung von Frauen? Gehört wieder den Männern.
Schon in seiner ersten Amtszeit hat Donald Trump das Recht auf Abtreibung beinahe abgeschafft. Mit seinem konservativen „Project 2025“ plant Trump, Abtreibungen in allen US-Bundesstaaten zu verbieten. Der Angriff auf reproduktive Rechte ist real.
Die Reaktion folgt sofort – das Interesse an der 4B-Bewegung schnellt in die Höhe. Google-Suchanfragen zu 4B steigen um 450 Prozent. TikTok-Videos zum Thema erzielen Millionen Aufrufe. In den USA geht es um reproduktive Rechte, um die Normalisierung von Frauenhass, um Wahldemografien: Männer haben Trump gewählt. Viele Frauen sehen in der 4B-Bewegung nicht nur Protest, sondern Selbstschutz.
Auch in Deutschland wächst die Wut in diesen Tagen ins Unermessliche. Von Berlin über Frankfurt bis Hamburg gehen derzeit Tausende auf die Straße und werden laut gegen sexualisierte Gewalt.
Gewalt gegen Frauen ist kein Privatproblem und auch kein Einzelfall. Sie ist politisch. Und wir alle tragen Verantwortung dafür, sie zu beenden. Auf WeAct, der Petitionsplattform von Campact, fordern 250 Frauen aus Politik, Wirtschaft und Kultur von der Bundesregierung Schutz vor männlicher und digital sexualisierter Gewalt.
Mehr als 300.000 Menschen habe die Petiton bereits unterzeichnet. Du möchtest aktiv werden? Unterzeichne die Petition und teile diesen Artikel – denn Schweigen schützt die Täter, nicht die Opfer.