Die christdemokratische und die faschistische Fraktion haben nach internen Absprachen im EU-Parlament die Etablierung sogenannter „Return Hubs“ vorangebracht. Das bedeutet, auch Familien mit Kindern sollen nun in Abschiebelagern außerhalb der EU deportiert werden können. Und dort bis zu 24 Monaten – in Ausnahmefällen sogar länger – untergebracht werden.
Was sind „Return Hubs“?
Abschiebezentren außerhalb der EU, die als Zwischenstation dienen. Abgeschobene, die nicht direkt in ihre Heimatländer zurückgebracht werden können, sollen dorthin ausgelagert werden.
Die Pläne sind politisch stark umstritten. Kritiker*innen befürchten, dass rechtsstaatliche Standards ausgehebelt werden. Dazu: mangelnder Rechtsschutz und drohende Inhaftierungen für Asylsuchende.
Diese Entscheidung muss noch durch den Rat und die Kommission der EU bestätigt werden (sogenannter „Trilog“). Dann kann mit großangelegten Abschiebungen begonnen werden.
Fünf Staaten preschen bereits vor und sind intensiv auf der Suche nach sogenannten „sicheren Drittstaaten“ in Osteuropa, Asien und vor allem Subsahara. Neben den Niederlanden, Griechenland, Dänemark und Österreich – auch Deutschland.
Mit großer Wahrscheinlichkeit wird es aber nicht nur um bilaterale Abkommen zwischen EU-Staaten (Gastländern) und Nicht-EU-Staaten (Gastgeberländern) gehen, sondern auch um Verträge mit internationalen Konzernen, die auf Deportation und Sicherheitsverwahrung spezialisiert sind. Sollte der EU-Parlamentsbeschluss tatsächlich umgesetzt werden, stärkt das diese Deportationskonzerne sehr wahrscheinlich enorm.
Welche Länder deportieren bereits über Umwege?
USA und El-Salvador
In den USA machte der Deal zwischen El Salvador und der US-Regierung Schlagzeilen. Dieser vereinbarte, dass El Salvador (angeblich) straffällige Migrant*innen aus den USA in sein stadtgroßes Mega-Gefängnis CECOT (Centro de Confinamiento del Terrorismo) aufnimmt. Der Milliarden-Erbe und Privatarmee-Unternehmer Erik Prince (ehem. Blackwater-Gründer) bewarb sich, diese Struktur privatwirtschaftlich organisiert, extrem auszubauen.
In einigen Fällen deportiert die USA schon Migrant*innen in Länder, aus denen sie gar nicht stammen. Für andere Migrant*innen sucht die US-Regierung in Drittstaaten Deportationsmöglichkeiten. Die USA arbeitet hier u.a. mit dem internationalen Konzern GEO Group zusammen, welcher in den Staaten verschiedene Gefängnisse betreibt und 2025 die Bettenzahl im vierstelligen Bereich ausweitete.
Das ist kein Zufall: Die GEO Group ist der größte Auftragnehmer der Einwanderungsbehörde ICE, die 90 Prozent der inhaftierten Migrant*innen in privaten Haftanstalten festhalten lässt. 2025 erhielt die GEO Group durch ICE Aufträge in Höhe von 800 Millionen USD, war unter anderem an Deportationen beteiligt, beispielsweise nach Guantanamo Bay. Währenddessen erhielt der dem Antidemokraten Peter Thiel nahestehende Konzern Palantir von ICE 30 Millionen USD, um seine Überwachungssoftware weiter auszubauen.
Großbritannien und Ruanda
Unter dem Slogan „Stop the Boats“ hatte der britische Premierminister Rishi Sunak mit der ruandischen Regierung eine Vereinbarung geschlossen (Memorandum of Understanding – MOU): Großbritannien wollte sämtliche Migrant*innen ohne Papiere nach Ruanda ausliefern. Kostenpunkt: Eine halbe Milliarde englische Pfund bzw. 583 Millionen Euro plus 100.000 Euro pro abgeschobenen Migrant*in. Diese können dann in Ruanda Asylanträge stellen.
Die Abschiebungen sollten über zwei Lager laufen: Zunächst wurden Geflüchtete in die Abschiebungshaftanstalt Harmondsworth gebracht. Die britische Tageszeitung The Guardian berichtete von zahlreichen gewalttätigen Übergriffen. Zudem herrschten in Harmondsworth, laut Inspektoren, die schlechtesten Zustände, die sie je gesehen hatten. Das Lager wird weitgehend vom britischen Unternehmen Mitie betrieben, aber auch andere weltweit aktive Unternehmen wie Serco oder G4S sind im britischen Migrationssystem involviert.
Mit der Labour-Regierung wurde dieses Projekt im Juli 2024 vorerst gestoppt. Aber aufstrebende Parteien, wie die rechtspopulistische Restore Britain – die Elon Musk auf X öffentlich unterstützte – fordern millionenfach Abschiebungen. Sollte dies umgesetzt werden, würden sehr wahrscheinlich Unternehmer in diesem Bereich erneut entsprechende Aufträge erhalten.
Italien und Albanien
Italien begann bereits vor der EU-Abstimmung damit, Migrant*innen nach Albanien abzuschieben. Im Rahmen dieses Projekts erhielt das italienische Unternehmen Medihospes einen dreistelligen Millionenbetrag, unter anderem für ausgelagerte Dienstleistungen in den Abschiebelagern in Albanien. Ende Juli 2025 veröffentlichte Emma Wallis auf der Website InfoMigrants einen Report, der die albanischen Abschiebelager als teuer und ineffizient bezeichnete. Medihospes betreibt in Italien hauptsächlich Alten- und Pflegeheime.
Deutschland, Österreich und die Serco Group
Deutschland prescht zur Zeit mit den EU-Staaten Niederlande, Dänemark, Österreich und Griechenland beim Thema Abschiebung vor. Diese Fünfer-Gruppe sucht aktiv nach Staaten außerhalb der EU, in denen sogenannte „Return Hubs“ gestartet werden können.
Deutschland ist mit Abstand das größte dieser Länder und dürfte demnach wesentlich bestimmen, welche Privatunternehmen die Aufträge bekommen. Eines der größten Unternehmen in dieser Branche ist die international tätige Serco Group mit Sitz in London.
Die Serco Group betrieb bereits 2006 das erste teilprivatisierte Gefängnis in Deutschland (JVA Hünfeld/Hessen). Nach medialer Kritik und Missständen (eine gestorbene Migrantin lag vier Wochen unentdeckt in einer Zelle) kündigte das Land Berlin die Zusammenarbeit. Andere Bundesländer, vor allem Rheinland-Pfalz, arbeiten aber weiterhin mit der Serco Group zusammen.
In Deutschland ist die Serco Group beispielsweise auch in der Unterbringung von Geflüchteten tätig. In der Schweiz übernahm sie 2022 die dort ansässige Organisation namens Organisation for Refugee Service, kurz ORS. Seit 2023/24 ist die European Homecare – die auch zur Serco Group gehört – in mehr als 100 deutschen Einrichtungen aktiv. Im deutschsprachigen Raum entsteht damit ein transnationaler Markt für Migrationsinfrastruktur in Europa.
Noch ist unklar, wo die zukünftigen Deportationslager der Fünfer-Gruppe entstehen sollen. Die Niederlande hat bereits in Uganda Gespräche geführt. Jens Spahn reiste im Mai 2024 mit einer Delegation ins Nachbarland Ruanda, wo er Gespräche mit dem Ministerpräsidenten über entsprechende Lager führte.
Ausblick: Deportationsstädte „Charter Cities“
Wie sich der EU-Parlamentsbeschluss zu „Return Hubs“ konkret auswirken wird, ist noch unklar. Klar ist aber: Es gibt bereits eine wachsende und international aktive Abschiebeindustrie, die mit jedem Millionenauftrag an Einfluss gewinnen wird. Mit möglichen Abschiebeverträgen, Regelungen und Verantwortlichkeiten zwischen EU- und Nicht-EU-Staaten und den damit einhergehenden Sonderverwaltungszonen könnten private Betreiber einen größeren Spielraum für Profite erlangen und sich als dauerhafte Player integrieren.
Der rechte Rand in Europa, mit dem die christdemokratische Fraktion im EU-Parlament Absprachen getroffen hat, fordert millionenfache Abschiebung („Remigration“). Laut Martin Sellner von der Identitären Bewegung bräuchte es dafür Lager in der Größe von Millionenstädten in Afrika unter europäischer Führung, sogenannte „Charter Cities“.
Tagebuch des Neoaristokratismus
In zwei Podcastfolgen analysiert Andreas Kemper die Netzwerke, die sich für „Refugee Cities“ und „Private Cities“ einsetzen und wie diese organisatorisch sowie personell miteinander verbunden sind.
Return Hubs und Privatstadt-Netzwerke (Teil 1 und 2).
Mit Unterstützung der EU gab es bereits 2021 eine Migrationskonferenz in Griechenland. Dort stellte der deutsche Privatstadtunternehmer Titus Gebel für die Andan Foundation dem griechischen Minister für Migration und Asyl das Konzept börsennotierter Privatstädte vor.
Es handelt sich dabei um die Idee des Andan Foundation Gründers Christian Kälin. Dieser ist zugleich Vorsitzender von Henley&Partners, ein milliardenschweres Unternehmen, welches superreichen Menschen Staatsbürgerschaften gegen Investitionen vermittelt.
Warum ist das wichtig? Der Schweizer Kälin will Global Cities bauen und lässt herausarbeiten, wo in den nächsten zwanzig Jahren die Erde unbewohnbar wird – wo also klimabedingt mit großen Migrationen zu rechnen ist. Diese Global Cities – privat organisierte und „entpolitisierte“ Städte „für“ Klimageflüchtete – könnten der nächste Schritt der Deportationsindustrie sein. In meiner Podcast-Reihe „Tagebuch des Neoaristokratismus“ informiere ich über die Unternehmen hinter diesen Privatstadt-Plänen.
Abschließend sei davor gewarnt, dass diese sogenannten „Return Hubs“, die in den USA schon lange als „Deportation Hubs“ bezeichnet werden, nicht nur aus menschenrechtlicher Sicht problematisch sind. Sie werden auch eine profitorientierte Abschiebeindustrie größer machen. Am italienischen Beispiel Medihospes können wir sehen, dass dieselbe Industrie auch in den Alten- und Pflegedienst hineinragt. Sollte dieses System der Externalisierung einmal Fahrt aufnehmen, könnten auch andere „Kostenfaktor“-Gruppen in EU-Sonderzonen außerhalb der EU „ausgelagert“ werden.