Rechtsextremismus Wahlen Montagslächeln Energie Klimakrise Gesundheit Soziales Demokratie Medien Umwelt

Die Menschen in Ungarn haben ihrem langjährigen Staatschef eine gewaltige Niederlage gebracht: Rechtspopulist Viktor Orbán ist raus. Sein Herausforderer Péter Magyar hat die Wahl mit überwältigender Mehrheit gewonnen. Das Wahlergebnis ist nicht nur in Ungarn ein Grund zum Feiern – auch in der EU atmen wir auf. Orbán war jahrelang ein treuer Helfer Wladimir Putins, blockierte und erpresste die anderen Mitgliedstaaten. Aber die Bedeutung von Orbáns Niederlage reicht noch weiter. 

Im Campact-Team haben wir die Wahl in Ungarn genau beobachtet. Wir ziehen fünf Lehren für unsere Arbeit gegen die extreme Rechte hier in Deutschland.  

1. Selbst autoritäre Herrscher haben keine grenzenlose Macht.

Viktor Orbán war bis vor wenigen Tagen einer der mächtigsten autoritären Staatschefs in Europa. Seit 2010 baute er die ungarische Demokratie in einen illiberalen Staat um und beschnitt gezielt die Rechte von Parlament, Gerichten, Medien und Zivilgesellschaft. Jahrzehntelang glaubten viele – womöglich auch Orbán selbst –, nichts und niemand könne ihn aufhalten. Ein Irrtum. 

Willkommen im Campact-Blog

Schön, dass Du hier bist! Campact ist eine Kampagnen-Organisation, mit der sich 4,25 Millionen Menschen für progressive Politik einsetzen. Im Campact-Blog schreiben das Team und ausgezeichnete und versierte Gast-Autor*innen über Hintergründe und Einsichten zu progressiver Politik.

Die Kraft der demokratischen Bewegung gegen Orbán wird erst richtig greifbar, wenn man sieht, wie stark er das Wahlsystem in den letzten Jahren zu seinen Gunsten umgebaut hat. Durch geschicktes Zuschneiden der Wahlkreise hatte Orbáns Fidesz-Partei einen gewaltigen Vorteil. Expert*innen schätzen: Fidesz hätte nur rund 45 Prozent der Wählerstimmen gebraucht, um die Mehrheit der Sitze im Parlament zu erhalten. Orbáns Herausforderer Péter Magyar hingegen brauchte mindestens 55 Prozent. Und trotzdem gewann Magyar nicht nur die absolute Mehrheit, er konnte sich sogar die so wichtige Zweidrittelmehrheit im Parlament sichern.

Ähnlich verzerrt ist die mediale Berichterstattung im Land. Ein Großteil der ungarischen Zeitungen und Fernsehsender ist staatlich oder staatsnah, unabhängige Nachrichten sind rar. Dementsprechend schwer hatte es Orbáns Herausforderer Magyar: Die meisten Medien ignorierten oder verunglimpften ihn. Hinzu kam die massive Desinformationskampagne aus Russland, die täuschend echte KI-Videos und Bilder auf die Handys der Menschen in Ungarn spülte. Doch Magyar erreichte mit Livestreams seiner Veranstaltungen Hunderttausende in den sozialen Medien.

Der Wahlkampf gegen Orbán war also eine Auseinandersetzung gegen alle Widerstände. Und dennoch: Die Demokrat*innen in Ungarn haben ihn gewonnen. Sicher, Magyar ist kein Progressiver, früher war er selbst Fidesz-Mitglied. Aber er ist als Demokrat und Pro-Europäer mit dem Ziel angetreten, das autoritäre System Orbáns abzuschaffen.

2. Orbán verliert – und mit ihm die autoritäre Rechte weltweit.

„Ungarn ist unser großes Vorbild”, sagte AfD-Chefin Alice Weidel im vergangenen Jahr. Der ungarische Noch-Ministerpräsident ist unter den Rechtsextremen nicht irgendwer. Im Gegenteil: Für die extreme Rechte weltweit – von Marine Le Pen und Giorgia Meloni über Geert Wilders und Herbert Kickl bis hin zu Javier Milei und Donald Trump – war Orbáns Ungarn eine Mischung aus Inspirationsquelle, Reallabor und autokratischem Fiebertraum. 

Denn Orbán hatte es als Erster geschafft, nicht nur eine Wahl zu gewinnen, sondern seine Macht zu konsolidieren. Sein konsequenter Abbau demokratischer Strukturen galt vielen rechtsextremen und rechtspopulistischen Parteien als Blaupause. Orbáns Niederlage trifft diese Kräfte deshalb besonders hart. Der Machtwechsel hat auch ganz praktische Folgen: Den Rechtsextremen fehlen in Zukunft Gelder, gemeinsame Konferenzen und Foren, die Orbán ermöglicht hatte. Ihr System ist geschwächt. 

Und mehr noch: Kurz vor der Wahl versuchten etliche von Orbáns rechtsextremen Verbündeten, ihm Wahlkampfhilfe zu leisten. Allen voran der US-amerikanische Vizepräsident JD Vance. Auch Alice Weidel postete noch wenige Tage vor der Wahl auf dem Netzwerk X, Orbán werde gewinnen. Wir kennen das aus Deutschland: Elon Musk gab Weidel im Wahlkampf 2025 eine riesige Bühne, JD Vance sprang der AfD zur Seite. Doch der Einfluss dieser Rechtspopulisten ist nicht so groß, wie sie es gerne hätten. Auch in Ungarn kommt diese Wahlkampfhilfe nun als Bumerang zurück, denn Orbáns Niederlage ist nicht nur seine persönliche. Auch seine Unterstützer*innen von Weidel bis Vance stehen nun beschädigt da. Rechtsextremismus-Expertin Natascha Strobl bringt es auf den Punkt: „Dieses Loser-Image hängt den Rechten erstmal an.”

3. Die extreme Rechte ist schlagbar.

Verlieren ist immer schmerzhaft. Doch für AfD & Co. ist es mehr als das. Denn Wahlniederlagen rütteln an ihrem Selbstverständnis. Sie stellen den Kern ihrer politischen Erzählung in Frage, die da lautet: „Wir vertreten den Willen des Volkes“. Deshalb seien sie am Ende auch nicht besiegbar, behauptet die autoritäre Rechte. Ob Trump, Weidel oder Le Pen – sie alle erzählen die Geschichte des unaufhaltsamen Aufstiegs der extremen Rechten. 

Die AfD spricht etwa gern von der „Blauen Welle“. Das Bild soll vermitteln: „Wir sind eine Naturgewalt, wir überrollen alles und gewinnen, komme was wolle.“ Das ist ein geschicktes Sprachbild: Die AfD-Anhänger*innen fühlen sich stark, wir Demokrat*innen bekommen Angst. Die Sache hat jedoch – für die AfD – einen Haken: Das Bild stimmt nicht. Orbáns Niederlage führt gerade der ganzen Welt vor Augen, dass die extreme Rechte schlagbar ist. Die Wahl in Ungarn hat die Mär vom unaufhaltsamen Aufstieg der Rechtsextremen endgültig widerlegt.

4. Pleiten, Pech und Pannen bei den Rechtsextremen

Apropos Verlieren: Orbáns Bruchlandung ist vielleicht die spektakulärste, aber nicht die einzige Niederlage der Rechtsextremen. Sie ist Teil einer ganzen Kette: 

  • Erst vor wenigen Wochen hat die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni ein hart umkämpftes Referendum über ihre geplante Justizreform verloren. Expert*innen sprachen von einer herben Schlappe für Meloni.
  • Bei den Parlamentswahlen in den Niederlanden im vergangenen Herbst wählten die Bürger*innen den Rechtspopulisten Geert Wilders ab. 
  • In den USA hat Trumps Republikanische Partei seit Anfang 2025 etliche lokale, regionale und landesweite Wahlen verloren. Und sie blickt nervös auf die Zwischenwahlen im November.
  • Auch die AfD verliert. Erst vor wenigen Tagen hat sie die Oberbürgermeisterwahl in Schwerin, Mecklenburg-Vorpommern, krachend verloren. Auch bei etlichen Landratswahlen in Brandenburg hatte sie sich Chancen ausgerechnet – vergeblich.

5. Was wir daraus lernen: Wir haben es in der Hand. 

Natürlich ist die Gefahr von Rechtsaußen nicht gebannt. Es gibt keinen Grund, die Lage zu beschönigen. Die AfD steht in den bundesweiten Umfragen bei knapp 25 Prozent. Bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern liegen die Rechtsextremen sogar bei fast 40 Prozent. Aber: Nichts ist entschieden. Auch wenn es manchmal so scheint.

Die Wahl in Ungarn zeigt: Gesellschaftlicher Wandel verläuft oft sprunghaft statt linear. Jahrelang hat Viktor Orbán die Ungar*innen belogen, sie um Steuergelder betrogen und eingeschüchtert. Es schien, als käme er mit allem durch. Bis es irgendwann ein Skandal zu viel war. 

Unsere ungarische Schwesterorganisation aHang kämpft seit 16 Jahren gegen das System Orbán – trotz Repressionen, immer härterer Bedingungen und einer oft hoffnungslos wirkenden Lage. Die Mitstreiter*innen dort sind immer wieder auf die Straße gegangen, haben Demos, Petitionen, Aktionen organisiert und damit einen Beitrag dazu geleistet, dass Orbán nun abgewählt wurde. Wir haben größten Respekt vor ihrem Mut und ihrer Ausdauer. Für uns bei Campact sind sie Inspiration und Motivation – und der Beweis, dass es sich lohnt, auch in scheinbar aussichtslosen Situationen nicht aufzugeben.

Autor*innen

Appelle, Aktionen, Erfolge und weitere Themen aus dem Campact-Kosmos: Darüber schreibt das Campact-Team. Alle Beiträge

Auch interessant

Montagslächeln Campact-Team Montagslächeln: Ein Wal für Deutschland Mehr erfahren
AfD Campact-Team AfD Wahlprogramm Sachsen-Anhalt: Was will der Landesverband? Mehr erfahren
Desinformation Karolin Schwarz Orbáns schmutziger Wahlkampf Mehr erfahren
AfD Andreas Kemper „Die Kettensäge ist das neue Hakenkreuz“ (Teil 2) Mehr erfahren
Erinnern Lara Eckstein Georg Elser: Der erste gegen Hitler Mehr erfahren
Erinnern Juli Katz Die Toten von Demmin Mehr erfahren
AfD Matthias Quent Umgang mit der AfD: Kämpfen oder fliehen?  Mehr erfahren
AfD Andreas Kemper „Die Kettensäge ist das neue Hakenkreuz“ (Teil 1) Mehr erfahren
Montagslächeln Campact-Team Montagslächeln: Die Beerdigung der Ampelparteien Mehr erfahren
Demokratie Matthias Meisner Tomaten für Wolfram Weimer Mehr erfahren