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Ein Buch, ein Titel, ein Geschäft. So ist der gängige Ablauf im Buchwesen. Die Rechte von Werken kaufen Verlage oft von anderen Verlagen. So weit, so klar. Doch der Verlag „Matthes & Seitz Berlin“ hat nun dem Dresdner „Jungeuropa Verlag“ einen seiner verlegten Titel verkauft. Kein ganz normaler Vorgang. Denn den Verlag führt Philip Stein, Vorsitzender des rechtsextremen Netzwerks „Ein Prozent“.

„Das trifft zu“, bestätigt der Pressesprecher von Matthes & Seitz den Verkauf der Rechte an der deutschsprachigen Übersetzung von „Sankya“ von Zakhar Prilepin (auch: Sachar Prilepin). Auf der Verlagswebseite wird der Titel des russischen Autors als „vergriffen“ aufgeführt und angemerkt: „keine Neuauflage“. Die politischen Verbindungen des Verlegers Philip Stein sei Matthes & Seitz zum Zeitpunkt des Verhandelns nicht bekannt gewesen, so der Pressesprecher. In der Buchszene kennen sich offensichtlich doch nicht alle.

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Jünger, poppig, rechts: Der Jungeuropa Verlag

Der Jungeuropa Verlag besteht seit 2016. Sein Gründer, Philip Stein, bewegt sich seit Jahren im rechtsextremen Milieu der Identitären Bewegung und der Marburger Burschenschaft Germania. Den Vorsitz von „Ein Prozent“ – früher „Ein Prozent für unser Land“ – hat er seit der Gründung inne. Vor etwas über zehn Jahre gründeten Götz Kubitschek und Jürgen Elsässer dieses Netzwerk, welches das Bundesamt für Verfassungsschutz 2023 als gesichert rechtsextrem einstufte.

Kubitschek ist außerdem Geschäftsführer des heute in Schnellroda ansässigen Antaios-Verlages. Laut des Zentrum Liberale Moderne gibt sich der Jungeuropa Verlag „jünger und poppiger als sein großer Bruder Antaios„.

2021 löste Stein mit seinem Verlag auf der Leipziger Buchmesse einen Skandal aus. Wegen der Präsenz des Verlages und dessen Gäste sagten Autor*innen und Geladene ab – aus Angst vor Angriffen oder aus politischer Solidarität. In seinem Podcast zur Buchmesse schwelgt Stein in Gewaltphantasien, auch gegen mich.

Männlich, krawallig: Sankay

Mit „Sankay“ stieg Prilepin zum Literaturstar auf. Das Buch um einen jungen Partisanen gegen die russischen Verhältnisse erschien 2006. In dem russischen Kultbuch ist der jugendliche Held Teil einer militanten Gruppe. Nach Krawallen taucht er ab, wird in einen Hinterhalt gelockt und in Haft Opfer von Folter. Prilepin erhielt 2008 den Russian National Bestseller Award und 2009 den Bunin Literaturpreis. Den männlich-krawalligen Ton hinterfragte Judith Leister in der FAZ, als die deutsche Übersetzung 2012 erschien.

Der Autor passt für Volkmar Wölk zum Verlagsprofil vom Jungeuropa Verlag. Wölk ist Experte für internationalen Rechtsextremismus. Er verweist auf das Programm des Dresdner Verlages: Zu den Autoren gehören Größen der nationalen und internationalen Rechten. Pierre Eugène Drieu la Rochelle kollaborierte mit den deutschen Besatzern in Frankreich. Dominique Venner erschoss sich öffentlich für die Werte Ehre, Treue und Tradition. Alain de Benoist und Guillaume Faye gelten als Vordenker der Neuen Rechten. Wölk schränkt aber ein: Prilepin habe sich gewandelt. In Russland gehörte er der Nationalbolschewistischen Partei Russland an, organisierte Protest gegen illegale Einwanderung. Die Politik von Vladimir Putin kritisierte er jedoch. In seinen Werken finden sich Nationalismus wie auch Achaisches, so Wölk. Mit drastischer – brutaler – Sprache. Das Männliche fände sich ebenso schon früh, hebt er erneut hervor.

Im europäischen Rechtsextremismus der Star

Prilepin radikalisierte sich ins „hyper-nationalistisch-Männliche“ – vermutlich ab 2014, so Wölk. In dem Jahr zog Prilepin in den Krieg gegen die Ukraine, „um die russischen Brüdern auf der Krim zu retten“, sagt der Rechtsextremismusexperte. 2017 übernahm der Autor die Funktion eines stellvertretenden Bataillonskommandeurs in der international nicht anerkannten „Volksrepublik Donezk“. Die Kritik an Putin verstummte.

Im Februar 2022 setzte die Europäische Union den Bestsellerautor aus Russland auf eine Sanktionsliste. Seit November des Jahres soll er aktiv am Angriffskrieg teilnehmen. 2023 überlebte Prilepin bei Nischni Nowgorod ein Autobombenattentat. Matthes & Seitz weist in ihrer Autorenvorstellung auf den Wandel hin.

„Der Ton von Prilepin ist längst heroisch-soldatisch“, sagt Wölk. Im europäischen Rechtsextremismus sei er ein Star. Autor und Krieger, feine Feder und harte Hand, Intellektueller und Soldat; schon Ernst Jünger verkörperte diese Figur für dieses Milieu. Jünger kämpfte im Ersten und Zweiten Weltkrieg an der Front. Mit seinen Schriften griff er die Weimarer Republik an und wandte sich gegen Demokratie und Liberalismus. Jene westliche Werte, gegen die sich auch der Jungeuropa Verlag stellt.


Autor*innen

Andreas Speit ist Journalist und Autor und schreibt regelmäßig für die taz (tageszeitung). Seit 2005 ist er Autor der Kolumne "Der rechte Rand" in der taz-nord, für die er 2012 mit dem Journalisten-Sonderpreis "Ton Angeben. Rechtsextremismus im Spiegel der Medien" ausgezeichnet wurde. Regelmäßig arbeitete er für Deutschlandfunk Kultur und WDR. Er veröffentlichte zuletzt die Werke "Autoritäre Rebellion" (2025), "Verqueres Denken – Gefährliche Weltbilder in alternativen Milieus" (2021),"Rechte Egoshooter" (Hg. mit Jean-Philipp Baeck, 2020), "Völkische Landnahme" (mit Andrea Röpke, 2019), "Die Entkultivierung des Bürgertums" (2019). Im Campact-Blog schreibt er als Gast-Autor über Rechtsextremismus und rechte Milieus. Alle Beiträge

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