Vom Krieg zerstörte Städte, weder Strom noch Wasser, Erdbeben, kaum Gesundheitsversorgung. Ein solch großes Ausmaß an Zerstörung habe er persönlich noch nicht gesehen, kaum Menschen könnten dort würdig leben, sagte Außenminister Johann Wadephul (CDU) nach seiner Rückkehr aus Syrien im Oktober letzten Jahres. „Man darf doch die Empathie und den Blick für die Wirklichkeit nicht verlieren.“ Für diese Aussagen musste Wadephul ordentlich Kritik aus der eigenen Partei einstecken.
Vor wenigen Tagen verkündete Bundeskanzler Friedrich Merz dann überraschenderweise, die Rahmenbedingungen in Syrien hätten sich grundlegend verbessert. Gemeinsam mit dem syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa nannte er eine irritierende Zahl: In den nächsten drei Jahren sollen 80 Prozent der in Deutschland lebenden Syrer*innen in ihr Heimatland zurückkehren.
Und das, obwohl das Auswärtige Amt die Lage in Syrien nach wie vor als „volatil“ beschreibt – also unbeständig oder stark schwankend. Vermutlich aufgrund der angespannten Sicherheitslage, bewaffneten Auseinandersetzungen, sowie der schwierigen Versorgungslage vor Ort mit Lebensmitteln und Medizin. Zurecht warnt das Auswärtige Amt vor Reisen nach Syrien. Aber was erwartet Syrer*innen denn in ihrer alten Heimat?
Wie ist die Lage in Syrien?
Innerhalb Syriens sind rund sieben Millionen Menschen auf der Flucht. Mehr als 5,5 Millionen flohen ins Ausland, die übermäßige Mehrheit davon in die Türkei. Seit dem Sturz Assads im Dezember 2024 prägt identitätsbasierte Gewalt den Übergangsprozess. Das ist Gewalt gegen Personen, die einer bestimmten Gruppe (religös oder gesellschaftlich) zugeordnet werden. Darunter fallen zum Beispiel Massaker an alevitischen und drusischen Zivilisten im März und Juli 2025.
Anfang 2026 vertrieben Kämpfe zwischen den kurdisch geführten Syrian Democratic Forces (SDF) – ein Militärbündnis, welches Teile Nordsyriens kontrolliert – und der Regierung in Aleppo rund 45.000 Menschen, sieben Zivilisten starben. Zudem ist der syrische Boden nach einem Jahrzehnt Krieg mit Landminen und Sprengstoffresten gespickt. 108 Sprengstoffvorfälle forderten 158 Opfer – in zwei Monaten.
38 Prozent der Krankenhäuser in Syrien sind nur teilweise oder gar nicht funktionsfähig. Über 7,8 Millionen Kinder brauchen Zugang zu Bildung. Straßen- und Grenzsperrungen sowie Ausfälle in Strom- und Kommunikationsnetzen schränken den humanitären Zugang stark ein.
Das UN-Koordinationsbüro schätzt, dass 16,5 Millionen Syrer*innen – also knapp 70 Prozent der Bevölkerung – humanitäre Hilfe benötigen. Das Welternährungsprogramm stuft Syrien als einen der 18 globalen „Hunger-Hotspots“ für 2026 ein.
Was bedeutet Merz’ Vorhaben?
Ginge es nach Kanzler Merz, sollten gesunde und arbeitsfähige Männer am besten direkt zurück nach Syrien. Dafür ist das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zuständig. Das Amt setzt darauf, dass Syrien angeblich sicher sei und Betroffene familiäre Unterstützung hätten, sowie realistische Chancen auf Arbeit und Wohnung. Der Verein Pro Asyl kritisiert dieses Vorgehen – denn diese Annahme werde nicht im Einzelfall ermittelt.
Die Lage in Syrien ist katastrophal. Sollte eine große Anzahl an Personen zurückkehren müssen, in ein vom Krieg gebeuteltes Land, könnte das weitere Konflikte und Fluchtbewegungen auslösen. Trotzdem will Deutschland abschieben. Damit macht Friedrich Merz genau eines: Er folgt langjährig von Rechtsextremen erzählten Narrativen und Forderungen. Dabei ist Migration schlichtweg notwendig und nicht von einer emotionalen Gefühlsfrage abhängig.
Brauchen wir Migration? Eine einfache Rechnung
Um seinen Wohlstand zu erhalten, braucht Deutschland laut einer Studie eine jährliche Zuwanderung von 288.000 internationalen Arbeitskräften. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) meldet sogar eine nötige Nettozuwanderung von 400.000 Personen jährlich.
Das bedeutet, selbst wenn das inländische Arbeitskräftepotenzial von Einheimischen und bereits Zugewanderten entwickelt und erhöht werden würde, lässt sich der künftige Bedarf einfach nicht decken.
Fachärzt*innen-Beispiel: Fachkräftemangel und demografischer Wandel führen zu längeren Wartezeiten bei Fachärzt*innen. 2019 warteten gesetzlich Versicherte durchschnittlich 33 Tage auf einen Fachärzt*innen-Termin. 2024 waren es schon 42 Tage. Warum ist das wichtig?
Jede*r sechste Ärzt*in kommt aus dem Ausland. Die meisten aus Syrien und Rumänien, danach folgen die Türkei, Russland und Österreich. Vor allem im ländlichen Raum sind Fachkräfte sehr wichtig. Beispielsweise im Krankenhaus Hildburghausen in Thüringen – dort haben 80 Prozent der Ärzt*innen einen Migrationshintergrund.
Sollte die Zuwanderung ausbleiben, wären die Bundesländer bis 2040 unterschiedlich betroffen. Besonders stark träfe es Thüringen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Niedersachsen, Bremen und im Saarland. Deutlich weniger ausgeprägt wären die Folgen in Hamburg, Berlin oder Schleswig-Holstein.
Interessant ist: Ausländische Beschäftigte tragen seit längerer Zeit das Beschäftigungswachstum in Deutschland, meldet die Bundesagentur für Arbeit. Vor allem syrische Staatsangehörige leisten einen wichtigen Beitrag.
Mittlerweile leben fast eine Million Syrer*innen in Deutschland. Rechnerisch wären 80 Prozent etwa 752.000 Menschen, die Deutschland verlassen müssten. Aber die Zahlen zeigen: Je länger ihr Aufenthalt ist, desto höher ist die Arbeitsmarktintegration.
In welchen Berufsfeldern arbeiten Menschen aus Syrien?
Sieben Jahre nach ihrem Zuzug gehen 73 Prozent der syrischen Männer einer regelmäßigen Arbeit nach. Damit nähert sich die Erwerbstätigenquote stark dem Durchschnitt der männlichen Bevölkerung an.
Während nur 48 Prozent der deutschen Beschäftigen in systemrelevanten Berufen arbeiten, belegen 62 Prozent der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Syrer*innen systemrelevante Berufe – jene, die notwendig sind, damit unsere Gesellschaft funktioniert.
Dazu gehören Berufe in Fertigungstechnik, Verkehr, Logistik oder Gesundheit. Aber auch Handelsberufe, Lebensmittel- und Gastgewerbe: In all diesen Branchen ist die Arbeitsnachfrage bereits überdurchschnittlich hoch.
Warum Engpassberufe noch enger schnüren?
Jedoch arbeitet die Mehrheit als Fachkräfte; sie bringen also berufliche oder akademische Ausbildungen mit. Insgesamt 80.000 syrische Fachkräfte arbeiten zudem in sogenannten Engpassberufen. Das sind Berufe, in denen der Bedarf nach Arbeitskräften das Angebot an qualifizierten Bewerbenden übersteigt. Dazu gehören zum Beispiel zahnmedizinische Fachangestellte, Kraftfahrzeugtechnik, aber auch Sanitär, Heizung und Klimatechnik, Bus und Bahn, Pflegeheime und häusliche Pflege, Kindertagesstätte oder auch Schulen.
Ende 2024 lebten fast die Hälfte der Syrer*innen seit acht Jahren oder länger in Deutschland. Das sind rund eine halbe Million Menschen, die sich hier ein Leben aufgebaut und eine neue, sichere Heimat gefunden haben. Warum nicht einfach auf diesem Potenzial aufbauen?