Seit Beginn des Jahres sind fast 900 Menschen im Mittelmeer ums Leben gekommen oder werden vermisst. Die Zahl hat sich im Vergleich zum Vorjahreszeitraum mehr als verdoppelt. Kaum jemand spricht darüber. Währenddessen diskutiert halb Deutschland über den gestrandeten Buckelwal Timmy. Oder Hope, wie ihn manche nennen.
Entsprechend klingt der Unterton in Markus Groliks Karikatur. Auf einem Kreuzfahrtschiff blickt eine Gruppe Touristen hinaus auf das offene Meer. Eine Frau fragt: „Ein Buckelwal? Timmy? #Hope?“. Ein Mann im Deutschlandtrikot antwortet enttäuscht: „Nö, wieder nur Flüchtlinge.“
Warum der Wal statt Menschen?
Sterbende Geflüchtete auf dem Mittelmeer. Millionen vertriebene und hungernde Menschen im Sudan. Mehr als eine halbe Million Tote in Syrien, Zehntausende Waisen im Gazastreifen. Überall auf der Welt leiden und sterben Menschen in horrenden Zahlen. Warum sprechen wir über einen Wal?
Das hat einen psychologischen Grund: Je anonymer und weiter entfernt etwas geschieht, desto geringer sind Hilfsbereitschaft und Mitgefühl – das nennt sich Compassion Fade. Und funktioniert natürlich auch umgekehrt.
Ein Wal ist unschuldig, groß und bietet emotionale Nähe. Er bekommt nicht nur einen, sondern zwei Namen. Dazu emotionale Berichterstattung, Vermenschlichung und plötzlich weint der Wal, er kämpft um sein Leben und braucht dringend Hilfe. Das bietet eine nahezu perfekte Projektionsfläche für Esoteriker*innen, Verschwörungsideolog*innen und rechtsextreme Akteure.
Rechtsextremen sind alle Tiere recht
Denn ein gestrandeter Wal reicht aus und die verschwörerischen Narrative schießen wie Pilze aus dem Boden: Politik und Wissenschaft würden unter einer Decke stecken, sämtliche Expert*innen seien Scharlatane und der Wal sei sogar bewusst in eine Falle gelockt worden.
Rechtsextreme instrumentalisieren Tierschutz schon lange. Sie übernehmen ein populäres Thema und pushen es unter ihrem Narrativ hoch. Und während Bürger*innen ihre alte Pandemie-Wut ausgraben, lehnt sich die AfD zurück und beobachtet das chaotische Treiben.
Expert*innen und der Umweltminister erhalten Morddrohungen, wütende Bürger*innen zeigten Greenpeace wegen unterlassener Hilfeleistung an. Über Nacht fühlten sich viele zu Meeresbiolog*innen berufen, wollten den Wal füttern und feucht halten. Auf Social-Media kursieren zig KI-Songs, die das Leid des Wals besingen.
Während die eine Hälfte Deutschlands verständnislos den Kopf schüttelt, scheint die andere Hälfte endlich ihre Berufung gefunden zu haben. Aber ob der Wal nun zurück ins offene Meer bugsiert wird oder vor Stress einfach stirbt: Rechtsextreme Akteure werden grundsätzlich sämtliche Vorfälle nutzen, die das Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen schüren. Mit der erstarkenden AfD lautet die Frage also nicht, ob es einen Timmy 2.0 geben wird – sondern was es sein wird: Ein Esel, ein Hund, eine Katze oder gar ein Hahn?
Mit über 4,25 Millionen Menschen tritt Campact e.V. für progressive Politik ein und verteidigt unsere Demokratie. Gemeinsam bewegen wir seit mehr als 20 Jahren Politik und engagieren uns gegen Rechtsextremismus, für Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit. Mit Deinem Engagement entscheidest Du, ob wir mit Appellen und Aktionen erfolgreich sind. Bestelle unseren Newsletter und bleibe auf dem Laufenden.