Ich weiß nicht mehr, wie oft ich meinen Söhnen die Geschichte von Roy, Silo und Tango vorgelesen habe. Die beiden männlichen Pinguine Roy und Silo leben im New Yorker Zoo und interessieren sich so gar nicht für Pinguinmädchen. Sie haben nur Augen füreinander, bauen ein Nest – und brüten am Ende sogar ein verlassenes Ei aus. Der kleine Tango macht die drei zu einer glücklichen Familie. So weit, so harmlos – und übrigens eine wahre Geschichte.
Ein Tag für Kinderbücher
Seit 1967 findet jährlich am 2. April der Internationale Kinderbuchtag statt. Der 2. April war der Geburtstag von Autor Hans Christian Andersen, bekannt zum Beispiel durch die Märchen „Däumelinchen“, „Des Kaisers neue Kleider“ oder „Die kleine Meerjungfrau“. Der internationale Aktionstag soll die Freude am Lesen unterstützt und Interesse für Kinder- und Jugendbücher wecken.
Streit über queere Kinderbücher
Zwei, denen das Buch bestimmt nicht gefällt, sind Birgit Bessin und Vanessa Behrendt. Die beiden AfD-Politikerinnen – Bessin sitzt im Bundestag, Behrendt im niedersächsischen Landtag – wettern gegen eine Aktion der Stadt Hannover.
Die hat ihren 42 städtischen Kitas Bücherkisten übergeben. Die Kinderbücher thematisieren unterschiedliche Familienmodelle, Geschlechtsidentitäten, Hautfarben, Körperformen sowie das Leben mit und ohne Behinderung. Dinge also, denen die meisten Kinder vermutlich jetzt schon in ihrem Alltag begegnen.
AfD schimpft über „frühkindliche Sexualisierung“
Während viele die Aktion feiern, regt sich der rechte Rand auf. „Die Regenbogen-Radikalen werden immer dreister“, findet Vanessa Behrendt. Und Birgit Bessin droht unverhohlen: „Wenn unsere Alternative für Deutschland hoffentlich bald die Verantwortung auf kommunaler Ebene, auf Landesebene […] trägt, dann wird es keine staatlichen Gelder mehr für solchen Unsinn geben.“
Die Empörung der beiden AfD-Frauen kommt nicht von ungefähr. Immer wieder warnt die Partei vor einer vermeintlichen „frühkindlichen Sexualisierung“. Denn für die Rechtsextremen scheint die Lage klar zu sein: Es gibt nur zwei Geschlechter, die Familie aus Mann und Frau ist die Norm.
In Sachsen-Anhalt verspricht die AfD in ihrem Entwurf für ein Regierungsprogramm deshalb auch, im Falle eines Wahlsiegs alle Programme einzustellen, „die Kinder vor der Pubertät mit sexuellen Themen konfrontieren“. Und in Hessen empört sich die Partei über den SPD-Kulturminister Timon Gremmels. Der hat angekündigt, queere Literatur stärker zu unterstützen. Auch hier fielen Schlagwörter wie „Frühsexualisierung“ und „politische Indoktrination“.
Die Kulturkampf-Strategie der AfD
Dahinter steckt ein klares politisches Kalkül. Die AfD nutzt politische Kampfbegriffe, setzt auf Empörung und will Wählerstimmen fangen. Indem sie von Frühsexualisierung spricht, suggeriert sie, dass Kinder absichtlich sexualisiert würden. Tatsächlich geht es – wie im Fall von diverser oder queerer KiInderliteratur – meist um Aufklärung, Vielfalt oder den Schutz vor Missbrauch.
Das Problem: Kaum etwas aktiviert Menschen stärker als das Gefühl, dass Kinder in Gefahr sein könnten. Mit diesen Themen erreicht die AfD auch Menschen, die sich sonst nicht als rechtsextrem sehen, etwa besorgte Eltern, religiöse Gruppen oder konservative Wähler*innen. Ein angenehmer Nebeneffekt: Für eine solche Kulturkampf-Debatte braucht die Partei keine detaillierten Lösungen, sondern nur klare Feindbilder.
Warum Bücher gegen Diskriminierung helfen
Doch Hessens Kulturminister brachte es in seiner Antwort an die AfD auf den Punkt: Durch progressive Bücher könnten Kinder bereits in frühen Jahren lernen, „Vielfalt als Normalität zu begreifen – ein wirksames Mittel gegen Diskriminierung“.
Denn Kitas und Schulen sind ein Spiegel unsere Gesellschaft. Deutlich bunter und diverser, als es der AfD lieb ist. Und genau diese Lebensrealität der Kinder sollten die Bücher, die sie lesen, auch abbilden – in positiven Geschichten, die sie stärken und ihre Wertvorstellungen prägen.
Kinder lernen: Unterschiede sind normal
Bücher, die unterschiedliche Hautfarben, Körperformen, Geschlechtsidentitäten und Familienmodelle zeigen, können bereits im Kleinkindalter Identifikationsangebote für die einen schaffen und den Horizont der anderen erweitern. Kinder lernen, dass Unterschiede ganz normal sind – oder sie selbst gar nicht so anders, wie sie denken. Ganz nebenbei, beim Vorlesen.
Das ist auch die zentrale Botschaft, die die Stadt Hannover mit ihren Bücherkisten vermitteln möchte: „Wir sind nicht alle gleich, aber alle gleich wertvoll“. Bei Birgit Bessin, Vanessa Behrendt und dem Rest der AfD ist das noch nicht angekommen – in Hannoveraner Kitas zum Glück aber schon.
Das enthält die Bücherkiste:
- Onkel Bobbys Hochzeit: Keine Angst vor Veränderungen!, Sarah S. Brannen
- Prinzessin Pfiffigunde, Babette Cole
- Das alles ist Familie, Michael Engler
- Körper sind toll: Ein fröhliches Liebe-Deinen-Körper-Bilderbuch, Tyler Feder
- Prinz & Ritter, Daniel Haack
- Spielzeug ist für alle da!, Susann Hoffmann
- Kleidung ist für alle da!, Susann Hoffmann
- Julian ist eine Meerjungfrau, Jessica Love
- Julian feiert die Liebe, Jessica Love
- Ein Tag im Leben von Marlon Bundo, Jill Twiss
- Teddy Tilly, Jessica Walton
Außerdem lesenswert:
- Zwei Papas für Tango, Edith Schreiber-Wicke
- Alles Familie, Alexandra Maxeiner und Anke Kuhl
- Wenn meine Haare sprechen könnten, Dayan Kodua
- Florian, JR und Vanessa Ford
- König und König, Linda de Haan und Stern Nijland
Die AfD wettert nicht nur gegen queere Kinderbücher. Sie schürt Ängste gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund und hetzt gegen Bürgergeldempfänger*innen. Im Herbst 2026 will die Partei erstmals ein Bundesland regieren. Dafür steckt sie in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern insgesamt 2,5 Millionen Euro in den Wahlkampf. Um jeden Euro der Rechtsextremen zu kontern, legen wir im NoAfD-Fonds zusammen. Schließe Dich jetzt an.