In Ungarn wird gewählt. Nach 16 Jahren im Amt könnte Ministerpräsident Viktor Orbán die Wahl am 12. April verlieren. Um das zu verhindern, setzt er auf Desinformation, schmutzige Propaganda und einflussreiche Unterstützer: die Regierungen der USA und Russlands. Washington, Moskau und Budapest verbindet ihre gemeinsame Feindseligkeit gegenüber der EU, der LGBTQI*-Community sowie gegenüber Migration und Flucht. Die Ukraine spielt im Wahlkampf ebenfalls eine zentrale Rolle.
Bereits im Dezember ließ Orbán im Land plakatieren – von der Regierung bezahlt und offiziell als „Informationskampagne“ bezeichnet. Das Narrativ: Sein Herausforderer und ehemaliger Parteikollege Péter Magyar sei eine Marionette der Europäischen Union und handle im Interesse der Ukraine, nicht Ungarns.
Ukraine-Angst und KI-Soldaten
Diese Erzählung setzt sich seitdem fort. Orbáns Lager stellt Magyar als Kriegstreiber dar, der die ungarische Bevölkerung auf Seiten der Ukraine in den Krieg verwickeln will. Um dem Ganzen Nachdruck zu verleihen, setzt die Regierungspartei Fidesz auch auf KI-generierte Propaganda.
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Eines der Videos zeigt eine traurige ungarische Familie, die auf ihren Vater wartet. Schließlich wechselt das Bild auf eine Szene, die die Ermordung des Vaters durch einen Soldaten zeigt, dessen Uniform an die Wehrmacht erinnert. In einem anderen Video wird ein ungarischer Mann aus seinem Zuhause vor den Augen seiner Familie an die Front verschleppt. Anfang April sperrten TikTok und Meta ein Netzwerk aus Dutzenden Konten, über die KI-Videos zur Unterstützung Orbáns verbreitet wurden. Viele davon zeigten Kinder, die Magyar und seine Partei Tisza verunglimpften.
Andere KI-Videos zeigen Magyar im Telefonat mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die von ihm verlangt, der Ukraine Geld zu schicken. Oder umgekehrt: Ein KI-Video, in dem der Kandidat darüber spricht, wie viel Geld er angeblich aus der Ukraine bekomme.
Auch diese Erzählung wird immer wieder aufgewärmt. Als ungarische Behörden im März 2026 einen ukrainischen Geldtransport und die ukrainischen Mitarbeitenden festsetzten, der von Österreich aus in die Ukraine unterwegs war, verbreitete das Orbán-Lager unter anderem die falsche Behauptung, das Geld und Gold aus dem Transport würden auch zur Bezahlung der ungarischen Opposition genutzt. Und beim angeblich aufgedeckten Anschlagsversuch auf die wichtige Turkstream-Pipeline in Serbien wurde schnell die ukrainische Minderheit als angebliche Drahtzieher benannt. Ob dieser Anschlagsversuch tatsächlich stattgefunden hat oder vorgetäuscht war, lässt sich bis dato nicht unabhängig überprüfen. Klar ist, dass Viktor Orbán die Meldung seit Bekanntwerden für sich genutzt hat.
Rückenwind von autoritären Freunden
Das Verhältnis zwischen Russland und Ungarn ist gut und beruht auf gegenseitigen Gefälligkeiten. Russland stärkt Orbán im Wahlkampf mit offenen und verdeckten Methoden den Rücken. Ungarn vertritt im Gegenzug russische Interessen, unter anderem auf EU-Ebene, wo die Regierung Sanktionen blockiert und darauf hinwirkt, Personen von Sanktionslisten streichen zu lassen.
Russlands Einmischung im ungarischen Wahlkampf zeigt sich an vielen Vorgängen. Die Einflussnahme erfolgt sowohl von Russland aus, als auch durch russische Akteure, die bereits vor Wochen nach Ungarn gereist sind. Laut investigativen Recherchen sitzt ein kleines Team des russischen Militärgeheimdienstes GRU in der russischen Botschaft in Budapest – und tauscht sich mit Orbáns Wahlkampfteam aus. Ähnliches gab es 2025 vor den richtungsweisenden Wahlen in Moldau, in die Russland sich nachweislich einmischte.
Von Putsch-Plänen und ermordeten Welpen
Da wären außerdem Russlands langfristige Desinformationskampagnen, die derzeit Fakes über Péter Magyar streuen. Etwa, dass er gemeinsam mit der konservativen EVP-Fraktion im EU-Parlament unter CDU-Politiker Manfred Weber einen Putsch für den Fall der Wahlniederlage plane. Oder dass Magyar den Welpen seiner Familie in einer Mikrowelle umgebracht hätte.
Letzteres hat sich auch in rechten Kreisen in Deutschland verbreitet. „Crashprophet“ Markus Krall, der erst der CDU, dann der Werteunion und schließlich der Kleinstpartei „Bündnis Deutschland“ angehörte, verbreitete die Finte auf X. Den Post hat er mittlerweile wieder gelöscht. Kritik an der Verbreitung konterte Krall mit einem vermeintlichen Beleg: Chatbot Grok hatte ihn in seiner Meinung bestätigt. Hinter dieser Behauptung steckt die Operation Storm-1516, die auch schon verbreitete, dass Friedrich Merz eine komplette Eisbärenfamilie erschossen habe. Laut der ungarischen Fact-Checking-Organisation Lakmusz schaltete eine zu Storm-1516 gehörende Facebook-Seite sogar Werbung auf Facebook, um ein größeres Publikum zu erreichen. Parallel dazu verbreitet die russische Einflussoperation Matryoschka Desinformation unter dem falschen Label von Medien wie der Deutschen Welle.
Im Gegenzug unterstützt die ungarische Regierung unter Orbán Russland vor allem auf EU-Ebene. Zum Beispiel, indem sie Kredite für die Ukraine blockiert oder sich für die Rücknahme von EU-Sanktionen einsetzt. Das belegen mitgeschnittene Gespräche zwischen dem russischen Außenminister Sergej Lawrow und seinem ungarischen Konterpart Péter Szijjártó aus den vergangenen Jahren, die mehrere Medien veröffentlicht haben. Die Authentizität der Mitschnitte bestreiten weder Russland noch Ungarn.
JD Vance im Wahlkampfmodus
Auch die Trump-Regierung wirbt für Orbáns Wiederwahl. Zuletzt unterstützte US-Vizepräsident JD Vance ihn bei einem Wahlkampftermin in Budapest. Sein Auftritt, bei dem er Orbán als engen Freund Trumps betitelte, strotzte vor Widersprüchen. Vance warnte vor Wahlbeeinflussung durch die EU und sagte, er würde den Ungarn keine konkrete Wahlentscheidung vorgeben – obwohl er während seines Auftritts gleich mehrfach eine Wahlempfehlung für Orbán aussprach. Unterstützung erhielt Orbán auch von anderen Gleichgesinnten in Europa, darunter Alice Weidel (AfD), Marine Le Pen (Rassemblement National) oder Herbert Kickl (FPÖ).
Ob Viktor Orbán seine Amtszeit verlängert, entscheidet sich am Sonntag. In Umfragen liegt er seit Längerem weit zurück. Allerdings lagen Umfragen auch bei vergangenen Wahlen oft daneben. Und hier ist es durchaus möglich, dass noch bis zum Schluss weitere Einflussversuche unternommen werden.