Jetzt, Ende April, schlägt alles aus: Bäume, Sträucher und Pflanzen. Nur eins fehlt: die Insekten. Vereinzelte sind noch da, aber ihre Zahl sinkt seit Jahren. Dabei sind Bienen, Hummeln, Schmetterlinge und Mücken (ja, auch die!) essentiell für unser Fortbestehen. Ohne Insekten keine Bestäubung, ohne Bestäubung keine Ernten. Für funktionierende Ökosysteme sind Insekten enorm wichtig.
Eine Naturschutzbewegung wirbt deshalb seit sieben Jahren für eine besondere Umweltschutzmaßnahme: Nichtstun. Mit dem „Mähfreien Mai“ haben sie einen Trend losgetreten, der wächst.
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Worum geht es beim „Mähfreien Mai“?
Den mähfreien Mai rief ausgerechnet das Land aus, das für seine strikte Rasenpflege bekannt ist: Großbritannien. Mit dem „No Mow May“ setzte die Organisation „Plantlife“ 2019 eine Gegenbewegung zur peniblen Rasenpflege mit der Nagelschere in Gang, die sich mittlerweile vor allem in Europa, aber auch weltweit verbreitet hat.
Statt des getrimmten englischen Rasens heißt es im Mai also: „Nicht Mähen!“ Grünflächen sollen 30 Tage lang wachsen, damit sich heimische Tier- und Pflanzenarten besser entwickeln können. Verfechter der Bewegung sagen, dass sich auf Flächen, die im Mai nicht gemäht wurden, mehr Wildbienen und insgesamt mehr unterschiedliche Arten tummeln würden.
Lange Grashalme schützen Rasen- und Wiesenflächen zudem vor dem Vertrocknen im Sommer. Durch den dichteren Bewuchs können die Sonnenstrahlen nicht bis auf den Boden vordringen. Das kühle Mikroklima direkt über dem Boden bleibt erhalten und Feuchtigkeit kann besser gespeichert werden. Das beugt auch Versandung und Erosion vor.
„Mehr tun als Nichtstun“
Diese ganzen positiven Effekte bestreiten Kritiker*innen der Bewegung per se auch nicht. Aber sie wollen auch sagen: „Der mähfreie Mai darf nicht das Ende sein.“ Denn wie sinnvoll genau ein einzelner Monat ohne Mähen ist, darüber streitet sich die Fachwelt.
Befürworter des No Mow May nennen oft eine Studie, die 2020 im amerikanischen Appleton durchgeführt wurde, als Beleg für die Wirkung der Maßnahme an. Verschiedene Biowissenschaftler*innen in den USA prüften diese Studie in den Folgejahren ganz genau und stellten gravierende methodische Mängel fest. Das Autorenteam zog die Studie daraufhin zurück.
Sieben Jahre nach Beginn des Trends blicken Wissenschaftler*innen und Umwelt-Aktivist*innen kritischer auf den „No Mow May“. Für sie geht die Bewegung nicht weit genug. Gerade während der Pandemie habe sich gezeigt: Menschen sind leicht für einen guten Zweck zu begeistern, wenn sie sich damit profilieren können. „Sie wollen nur den schnellen Hashtag nutzen und ein kleines Abzeichen auf dem Profilbild, um sich gut zu fühlen“, sagen Kritiker*innen des Trends. Auch wenn er einen einen guten Impuls gesetzt habe: Wer Wiesen und Insekten schützen will, muss auch nach dem Mai weitermachen – sonst verpuffen die Effekte.
Vom „No Mow May“ zum „Slow Mow Summer“
Denn die positiven Effekte sind da. Meta-Studien ergaben, dass es definitiv mehr Insektenvielfalt auf einer Fläche gibt, je weniger sie gemäht wird. Manche Kommunen rufen deshalb zu einem „Slow Mow Summer“ auf, also einem „Sommer des langsamen/bedächtigen Mähens“.
Das bedeutet: Wer auch über den Mai hinaus etwas für die Artenvielfalt in seinem Garten tun möchte, der mäht seinen Rasen ab Juni nur selten und dann nur abschnittsweise. So bleiben immer Blühstreifen stehen, in denen Blumen und Kräuter eine weitere Chance haben, zu wachsen. Solche Inseln sind für Insekten und Vögel über den gesamten Sommer hinweg wertvolle Rückzugsorte. Die Blühstreifen-Taktik, vom Frühjahr bis spät in den Herbst beibehalten, bewährt sich.
Das ist jetzt gerade wichtiger als je zuvor: Laut der 2017 veröffentlichten und mehrfach geprüften „Krefelder Studie“ befinden wir uns derzeit in einem Zeitraum unvergleichbaren Insektensterbens. Demnach ist die Insektenbiomasse in Deutschland seit 1990 um etwa 76 Prozent zurückgegangen, auch die Artenvielfalt nimmt stark ab. Auch internationale Studien beobachten und bestätigen diesen Trend. Als Hauptgründe gelten die Intensität der Landwirtschaft sowie Lichtverschmutzung in Städten und durch Industrieanlagen.
Umweltschutz kann im eigenen Garten anfangen
Die Kritiker*innen des „No Mow May“ haben also – bedingt – recht: Aktionen wie der mähfreie Mai reichen allein nicht aus. Denn natürlich haben landwirtschaftlich genutzte Flächen einen großen Einfluss. In Deutschland sind 16,6 Millionen Hektar Grund und Boden landwirtschaftliche Flächen – das ist die Hälfte der Gesamtfläche Deutschlands! Private Gärten machen hingegen nur zwei Prozent der Gesamtfläche aus. Man könnte sich also fragen: Was soll mein kleiner Garten oder Balkon da schon ausmachen?
Tatsächlich eine ganze Menge. Denn sie können wichtige Erholungsinseln, sogenannte Trittstein-Biotope, für Tiere und Pflanzen sein, damit diese weiter überleben. Je mehr Menschen mitmachen, desto dichter wird das grüne Netz – und desto größer wird die Aufmerksamkeit für das Thema Insektenschwund und seine Ursachen. So, wie ein Garten ein Trittstein-Biotop für eine einzelne Biene sein kann, können Bewegungen wie der „Mähfreie Mai“ eine Chance sein, mehr Menschen generell mit Umweltschutzthemen zu erreichen.
Reihen schließen statt Nachwuchs-Bashing
Vom mähfreien Mai ist es dann nur ein kleiner Schritt dorthin, Pflanzenschutzmittel wegzulassen und natürlich zu gärtnern. Dorthin, Natur mehr Natur sein zu lassen. Und dorthin, auch mit der eigenen Stimme dafür einzustehen, sei es bei Wahlen, in politischen Initiativen oder mit Petitionen.
Wer beim Umweltschutz schon weiter ist, sollte denen, die nachkommen, nicht den Weg versperren. Ihnen performativen Naturschutz vorzuwerfen, das heißt, Engagement nur zur Show, hilft keinem und bringt die Umweltbewegung nicht weiter. Ein grüner, viraler Trend kann noch mehr Menschen erreichen – und sie überzeugen, ihre Stimme zu nutzen. Damit wir gemeinsam für die wirklich wichtige Agrarwende einstehen können. Für eine Zukunft ohne Glyphosat und Neonicotinoide auf unseren Feldern – und stattdessen mehr Bienen, Hummeln, Faltern, Schmetterlingen und Fliegen.
Wie wirksam eine gemeinsame Stimme sein kann, zeigen immer wieder die erfolgreichen Petitionen auf WeAct, der Petitionsplattform von Campact. Wenn viele sich zusammenschließen, kann einiges passieren. Das versuchen auch die Initiatoren der „Gesellschaft für Klima und Demokratie“ zu nutzen. Sie wollen erreichen, dass die Kommunen mehr Geld für Klimaschutz und Klimaanpassungen zur Verfügung gestellt bekommen. Dafür soll Klimaschutz als kommunale Daseinsfürsorge im Grundgesetz verankert werden. Schließe Dich über 100.000 Menschen an und unterzeichne ihre Petition auf WeAct: