Es war eine der vielen Fake News auf Elon Musks Plattform X. Nach der Amokfahrt in Leipzig verbreitete der Kanal @francenews24 die „Eilmeldung“, zwei Tote und etwa 20 Verletzte gingen auf das Konto „eines 31-jährigen Mannes afghanischer Herkunft“. Die Terrorspur werde „priorisiert“.
Der Account mit „französischen und weltweiten Nachrichten rund um die Uhr“ wirkt professionell. X hat ihn mit einem blauen Haken versehen. Er hat mehr als 50.000 Follower*innen. Das Posting erreicht binnen drei Tagen 700.000 Klicks und mehrere Tausend Retweets. Ein Nutzer fügte als Kontext einen Artikel des Guardian hinzu, der die wahren Fakten hatte. Auf X zählt das: Desinformation und Richtigstellung stehen gleichwertig nebeneinander.
Namensspekulationen auf Stammtischniveau
Dieses Posting steht für ein größeres Muster: Nach schrecklichen Ereignissen wie in Leipzig folgt reflexartig die Frage nach der Herkunft. Josa-Mania Schlegel schreibt im Newsletter der Leipziger Volkszeitung, die Redaktion habe „seltsame Nachfragen“ zur Herkunft des Amokfahrers erhalten. Jeffrey – so der Vorname des mutmaßlichen Täters -, das klinge „nicht gerade nach einem Deutschen deutscher Abstammung“, schrieb einer. Schlegel vermutete hinter den Anfragen die „finstere Annahme, dass so eine Tat natürlich nur ein Ausländer verüben kann“.
Schlegel entgegnet: „Kevin, Justin, Jason, ja: Jeffrey – das sind quasi bio-ostdeutsche Vornamen! Bio-ostdeutscher geht es kaum.“ Und, um alle Unklarheiten zu beseitigen: „Ja: Der mutmaßliche Täter ist Bio-Ostdeutscher.“ Kein Afghane, kein Ausländer, kein Migrationshintergrund.
Ich erwähne das in dieser Kolumne, weil der konzertierte Ausstieg von SPD, Grünen und Linkspartei bei X gerade diskutiert wird. „Der falsche Schritt zur falschen Zeit“, kommentierte Karin Christmann im Tagesspiegel. Und schrieb, X sei „nach wie vor fürs Nachrichtengeschäft relevant“. In der taz klagte Pauline Jäckels: „Natürlich ist es scheiße, dass ein rechter Milliardär eine Plattform mit einer solchen Meinungsmacht besitzt und kontrolliert. Nur ändert der Boykott zum einen nichts daran und zum anderen bedeutet er schlicht den Rückzug in die eigene Bubble.“ X sei „eine der wenigen Plattformen, wo man Menschen jenseits des eigenen politischen Spektrums erreicht“.
Ein asoziales Netzwerk
Ich sehe das anders und stimme dem Autoren Jan Skudlarek zu, der X als „Nazikneipe“ ansieht. Wer Anstand hat, geht in einer Nazi-Kneipe kein Bier trinken. Und er setzt sich auch nicht beim Glas Selters zur Diskussion an den digitalen Stammtisch. Gemeinsam mit Max Czollek und vielen anderen initiierte Skudlarek vor mehr als einem Jahr die Aktion „eXit“. Im Abschiedsbrief hieß es:
Seit der Übernahme durch Elon Musk ist Twitter kein Ort mehr für freie und faire Meinungsäußerung und einen offenen Austausch. Schlimmer noch, Twitter ist ein Ort der Zensur, des Rassismus, Antisemitismus und des rechten Agendasettings geworden.
Jan Skudlarek
Das Edelweiss Netzwerk, eine Initiative gegen die Medienmacht von Nius & Co., schrieb, rechtsradikale Accounts würden von Musk „persönlich hofiert und durch seine Reichweite verstärkt“. Der X-Algorithmus favorisiere sie. Die Plattform bilde schon lange nicht mehr „die Wirklichkeit“ ab; ein Milliardär greife „global in politische Prozesse ein“. In Deutschland nutzt das inzwischen asoziale Netzwerk unter anderem und vielleicht vor allem der AfD.
Zurück zu den Vorurteilen gegen Afghan*innen: Die AfD mischt bei der Stimmungsmache gegen Geflüchtete aus Afghanistan kräftig mit.
AfD-Vorschlag: Damals abgelehnt, heute Tagesordnung
Im November 2025 forderte die AfD eine „neue Realpolitik“ gegenüber Afghanistan, wie in einem Protokoll einer Sitzung des Innenausschusses des Bundestages nachzulesen ist. „Sämtliche Aufnahmeprogramme für Afghanen“ seien „unverzüglich zu beenden“. Insbesondere auch das „Bundesaufnahmeprogramm für besonders gefährdete Menschen aus Afghanistan“ habe „die Überforderung Deutschlands“ zur Folge gehabt.
Auch solle die Bundesregierung Kontakte zum Taliban-Regime nicht länger verweigern, dies sei „kurzsichtig“ sowie „migrations- und wirtschaftspolitisch unvernünftig“. Die Hetze der AfD gegen Afghan*innen auf X setzt sich bis heute fort.
Damals, vor einem halben Jahr, lehnten alle Fraktionen außer der AfD die Anträge ab. Inzwischen folgt die schwarz-rote Bundesregierung weitgehend der Linie der Rechtsradikalen. 300 in Pakistan lebende Schutzsuchenden, deren Aufnahmezusage „erloschen“ sei, entzog sie jede Unterstützung – so berichtete die Zeitung nd im April. Sie mussten oder müssen ihre Zimmer in den Gästehäusern der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (die GIZ untersteht dem Auswärtigen Amt) räumen und wurden aufgefordert, nach Afghanistan oder in ein Drittland auszureisen.
Petition: Deutschlands Aufnahmezusage einhalten!
Samana Mohammadi, eine heute 32-jährige afghanische Sozialarbeiterin aus Herat, ist gefährdet, von ihrem derzeitigen Aufenthaltsort Pakistan nach Afghanistan abgeschoben zu werden. Trotz einer bestehenden Aufnahmezusage nach Deutschland. Samanas Leben steht auf dem Spiel. Die Rektorin der Alice Salomon Hochschule Berlin, Bettina Völter, hat daher eine Petition auf WeAct, der Petitionsplattform von Campact gestartet. Samana Mohammadi hat bereits einen zugesagten Master-Studienplatz an der Hochschule.
Widerrufene Schutzzusagen und Zusammenarbeit mit Taliban
Erst am vergangenen Wochenende wurde das ganze Ausmaß der Schande sichtbar. Correctiv meldete unter Berufung auf die Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen, dass die Bundesregierung die Schutzzusage für fast 800 Menschen aus Afghanistan nicht einhält: „Von 1054 Afghaninnen und Afghanen, die aktuell auf eine Ausreise nach Deutschland warten, befinden sich nur noch 126 im Ausreiseverfahren.“ 783 der verbleibenden 928 Personen sei die Aufnahmezusage definitiv entzogen worden.
Die Linken-Bundestagsabgeordnete Clara Bünger sagt: „Die Entsendung der Bundeswehr nach Afghanistan wurde einmal mit den Rechten von Frauen begründet. Jetzt liefert die Bundesregierung besonders gefährdete Frauen, die in ihrer Obhut stehen, den Taliban aus.“ Das sei „leichtfertig“. Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Schahina Gambir ergänzt: „Ein neuer Tiefpunkt für diese Bundesregierung.“
Die Regierung lässt also Menschen im Stich, die Deutschland geholfen haben. Parallel deckte Jan Böhmermanns ZDF-Magazin Royale auf, dass Deutschland mit dem Taliban-Regime inzwischen bei Abschiebungen zusammenarbeitet. Der Konsul am afghanischen Generalkonsulat Bonn, Said Mustafa Hashimi, als Vertreter des islamistischen Taliban-Regimes wurde demnach bereits mindestens dreimal in den Diensträumen der Bonner Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge empfangen – offenkundig, um bei Abschiebungen zu helfen und zu beraten.
Laut Homepage des Auswärtigen Amtes geht es bei den Kontakten der Bundesregierung mit Vertretern der afghanischen „de facto“ Regierungsbehörden „unter anderem um Zugang für humanitäre Hilfe, Schutz der Menschenrechte, insbesondere von Frauen und Mädchen, inklusive Regierungsführung und Terrorbekämpfung“. Das „unter anderem“ ist hier ganz offensichtlich besonders zu betonen.
FragDenStaat vor Gericht erfolgreich
Das Portal FragDenStaat erstritt derweil vor Gericht Informationen zu einem Abschiebeflug im Juli 2025 von Leipzig/Halle nach Afghanistan mit 81 Menschen. Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) feierte den Flug damals als sicherheitspolitischen Erfolg: Es habe sich um „schwere und schwerste Straftäter“ gehandelt. Welche Strafdelikte es konkret waren, beantwortete die Bundesregierung damals nicht.
Jetzt kam heraus: „Unter den Abgeschobenen waren Menschen, die wegen vergleichsweise geringfügiger Delikte, wie Fahren ohne Fahrschein oder Suchtmitteln, verurteilt wurden. In einem Fall in Rheinland-Pfalz waren die rechtlichen Verfahren noch nicht abgeschlossen. In anderen Fällen war eine Haftstrafe bereits verbüßt worden. Bayern schob sogar drei psychisch kranke Menschen aus einer Psychiatrie nach Afghanistan ab.“
FragDenStaat fürchtet, dass auf viele der nach Afghanistan abgeschobenen Folter oder gar die Todesstrafe wartet. Und erklärt:
Wenn deutsche Behörden schon im Verborgenen mit den Taliban zusammenarbeiten, müssen sie zumindest öffentlich darüber Rechenschaft ablegen.
FragDenStaat
„Wo gehen wir hin, wenn es hier schlimmer wird?“
Vor knapp fünf Jahren recherchierte ich für die taz über ein Ehepaar aus Afghanistan. Adib S. (Name geändert) ist Softwareentwickler und lebte damals schon viele Jahre im Landkreis Aachen. Er war 2001 mit 17 als Geflüchteter nach Deutschland gekommen und sechs Jahre später eingebürgert worden. Seine damals in Afghanistan lebende Frau hatte er 2019 geheiratet.
Die Geschichte der beiden hatte mich sehr berührt: Zweieinhalb Jahre lang kämpfte der Mann darum, mit seiner Frau zusammenleben zu dürfen. Doch das Auswärtige Amt hatte den Familiennachzug verschleppt. Als die Geschichte im August 2021 erschien, waren die Taliban schon wieder an der Macht. Der Mann sagte damals: „Die Bürokratie lässt uns keinen Spielraum mehr für Hoffnung.“ Letztlich klappte es doch noch und Adib S. konnte seine Frau nach Deutschland nachholen.
Ich telefoniere mit Adib S.: Wie geht es ihm und seiner Familie heute und wie sieht er die Lage in Deutschland? Wie die Beziehungen Deutschlands zum Taliban-Regime? Die guten Nachrichten zuerst: Das Paar lebt weiterhin glücklich in der Nähe von Aachen, hat einen vierjährigen Jungen und ein zweijähriges Mädchen.
Die heimlichen Deals mit den Taliban verstören ihn. Und wenn er über seine Erlebnisse in Deutschland spricht, kommt die Sprache schnell auf den Hass in den (a-)sozialen Medien, der fast immer straflos bleibt. Um Alltagsrassismus, beispielsweise gegen frühere afghanische Ortskräfte, die bei ihm in der Nachbarschaft ganz im Westen der Bundesrepublik gelebt haben.
Den Rechtsruck in Deutschland findet Adib S. bedrohlich. Manchmal, so sagt er, hadere er wegen der Entscheidung, ein Häuschen für die Familie gekauft zu haben. „Wo gehen wir hin, wenn es hier schlimmer wird? Manchmal kommt mir Deutschland vor wie eine Heimat auf Abruf.“