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Wenn Frauen es wagen, öffentlich gegen die Gewalt aufzustehen, die ihnen angetan wurde, entstehen zunehmend Dynamiken, die an sehr alte erinnern. Dynamiken, die heute durch die Beschaffenheit sozialer Medien, durch das rasende „Teilen“ und das nahezu folgenlose Diffamieren von Frauen, perfektioniert werden. Sie erinnern an moderne Hexenjagden.

Doch eigentlich stimmt das so nicht.

Frauen müssen gar nicht erst über eigene Gewalterfahrungen sprechen. Es reicht, die „falsche Meinung“ zu haben. Für links-progressive Frauen heißt das: digitale Gewalt bis hin zu Vergewaltigungs- und Morddrohungen von rechts und rechtsextremen Akteuren. Wer sich dazu nicht in den Chor einer selbst ernannten „linken digitalen Meinungsführerschaft“ einreiht, landet vor einem anderen Tribunal. Einem moralischen. Das ebenso erbarmungslos hetzt und urteilt.

Moderne Bücher über moderne Hexenverfolgung

Ich habe diese Dynamiken vor gut einem Jahr in meinem Essay „Nichts darf jemals digitale Hetzjagden rechtfertigen: Wie digitale Lynchjustiz Menschen und Demokratien zerstört“ beschrieben. Dass inzwischen zunehmend anerkannt wird, wie stark diese digitalen Gewaltdynamiken an die Hexenverfolgungen – insbesondere der Frühen Neuzeit – erinnern, zeigen zwei wichtige Bücher, die seitdem erschienen sind: „Bitch Hunt. Warum wir es lieben, Frauen zu hassen“ von Veronika Kracher sowie „Don’t Burn Anyone at the Stake Today: And Other Lessons from History About Living Through an Information Crisis“ von Naomi Alderman.

Früher landeten Frauen auf dem Scheiterhaufen, heute am digitalen Pranger. Die Auswirkungen dieser sozialen Gewalt, dieses extremen Mobbings, sind verheerend.

Die Historikerin und Expertin für die Geschichte der Hexenverfolgung, Rita Voltmer, beschreibt in einem Interview eine Dynamik, die sich erschreckend präzise auf die misogynen Hetzjagden im Social-Media-Zeitalter übertragen lässt. Es gehe um „Neid, Ausgrenzung, Konkurrenz zwischen Gruppen oder Einzelnen, um Machtansprüche, um soziale und politische Konflikte“. Alles Muster, die wir heute wiedererkennen. So wie damals die Hexenjäger und Zuschauenden riefen „Das hat sie verdient“, wird auch heute eine angebliche Transgression einer Frau herangezogen, um digitale Gewalt zu legitimieren. Sie habe es schließlich verdient.

Damals wie heute geht es um Machtmissbrauch. Um öffentliche Bestrafung. Um Beschämung.

Sehnsucht nach einfachen Schuldigen

Dass soziale Medien zunehmend zum Scheiterhaufen insbesondere für Frauen werden, ist längst keine zugespitzte Metapher mehr, sondern eine Beschreibung realer Machtverhältnisse. Auch Naomi Alderman analysiert diese Muster. Sie zeigt, wie Gesellschaften in Zeiten von Informationskrisen immer wieder in Dynamiken von Schuldzuweisung, Angst und öffentlicher Bestrafung kippen. Alderman zieht eine klare Linie von den Hexenverfolgungen der Frühen Neuzeit in unsere Gegenwart. Damals wurden „Hexen“ zur Erklärung für Krisen gemacht; heute übernehmen Shitstorms, digitale Empörungswellen und Feindbilder diese Funktion. Auch heute entstehen Situationen, in denen Menschen symbolisch „verbrannt“ werden – durch öffentliche Empörung, mediale Dynamiken und soziale Netzwerke. Die Instrumente haben sich verändert – die Muster nicht.

Alderman beschreibt dabei eine anhaltende Sehnsucht nach einfachen Schuldigen, kollektive Dynamiken aus Angst, Moral und Macht sowie die Geschwindigkeit, mit der Emotionen rationale Prozesse verdrängen. Medien und Plattformen verstärken das – ihre Logiken bilden Empörung nicht nur ab, sie befeuern sie.

In der Einleitung des Sammelbandes „Das Zeitalter der Hexenverfolgung“ schreibt die Herausgeberin Eva-Maria Schnurr, die dort versammelten Texte zeigten die Hexenverfolgung auch als Lehrstück über das Zusammenleben in Zeiten beschleunigten Wandels und tiefgreifender Umbrüche – und als Warnung für die Gegenwart. Das Gerüst moderner Gesellschaften sei keineswegs unerschütterlich, gerade in schwierigen Zeiten.

Immer dann, wenn Gesellschaften Frauen beschuldigen und verbannen konnten, haben sie es getan. Seit dem Mythos von Evas angeblichem Sündenfall prägt diese Logik die DNA zumindest christlich geprägter Gesellschaften.

Mitläufer*innen und Anonymität befeuern Dynamiken

Soziologisch gilt: Kollektive Gewalt braucht keine geschlossene Überzeugung aller Beteiligten. Es reicht, wenn Einzelne den Willen – oder die Lust – zur Vernichtung haben. Der Rest folgt. Für die Mitläufer*innen genügen oft andere Motive: Empörung als Selbstbestätigung, der Wunsch nach Zugehörigkeit oder das Bedürfnis, auf der vermeintlichen Gewinnerseite zu stehen.

Schon in früheren Jahrhunderten wurde Gewalt als Spektakel inszeniert. Öffentliche Folter und Hinrichtungen zogen Massen an. Menschen strömten in bester Kleidung zusammen, um der Bestrafung beizuwohnen. Heute hat sich dieses Spektakel in den digitalen Raum verlagert. Die Faszination für Gewalt und Grenzüberschreitung lässt sich bequem – und anonym – vor dem Bildschirm ausleben.

Der Philosoph Philipp Hübl beschreibt in seinem Buch „Moralspektakel – Wie die richtige Haltung zum Statussymbol wurde und warum das die Welt nicht besser macht“ eine weitere zentrale Dimension: die psychologische. Wer sich am digitalen Pranger beteiligt, dem geht es selten um Gerechtigkeit. Vielmehr wird moralische Überlegenheit inszeniert – ein schneller Punktgewinn in einem perfiden Wettbewerb um Aufmerksamkeit und Status. Momente öffentlicher Demütigung werden zur Gelegenheit, sich selbst sichtbar zu machen, sich zu positionieren, sich auf der vermeintlich richtigen Seite zu verorten. Ein Klick, ein Kommentar, eine Story – und schon scheint das moralische Prestige gesichert, ohne jeden realen Einsatz. Hinzu kommt eine tiefere Dimension: die Entmenschlichung.

Der Philosoph Emmanuel Levinas betonte, dass es das Antlitz eines Gegenübers ist, das Gewalt begrenzt – weil es uns an die Würde, Verletzlichkeit und Menschlichkeit des anderen erinnert. In digitalen Räumen fehlt dieses Gegenüber. „Dass dem, der gerade vernichtet wird, nicht in die Augen geschaut werden muss, vereinfacht die Sache“, schreibt die Philosophin Svenja Flaßpöhler. Vielleicht sind soziale Netzwerke gerade deshalb so attraktiv.

Klare Gesetze – jetzt!

Was folgt daraus?

Wenn digitale Hetzjagden die modernen Hexenverfolgungen sind, ist Wegsehen keine Option. Es reicht nicht, Betroffenen Resilienz zu empfehlen oder sie auf individuelle Strategien zu verweisen. Es braucht endlich das, was der Staat seit Jahren versäumt: klare Gesetze, konsequente Strafverfolgung – auch dann, wenn der Täter nicht in Deutschland gemeldet ist – und Plattformregulierung, die diesen Namen verdient.

Digitale Gewalt ist kein Randphänomen. Sie greift Grundrechte an – und die Demokratie selbst. Wer zulässt, dass Frauen systematisch aus der Öffentlichkeit gedrängt werden, entscheidet, wer in dieser Gesellschaft sprechen darf. Und wer nicht.

Autor*innen

Kristina Lunz ist Unternehmerin, Autorin und Menschenrechtsaktivistin. Sie leitet das gemeinnützige Centre for Feminist Foreign Policy, das sie 2018 mitbegründete. Für diese Initiative zählte Forbes sie 2019 zu den „30 unter 30“ in Europa. Im Mai 2024 erhielt sie den German Start-up Award als „Impact Entrepreneurin 2024“. Von 2022 bis 2024 beriet sie die Goalkeepers-Initiative der Bill & Melinda Gates Foundation zu den UN-Nachhaltigkeitszielen. Ihr 2022 veröffentlichter Bestseller „Die Zukunft der Außenpolitik ist feministisch“, inzwischen ins Englische übersetzt, führte sie auf internationale Bühnen – etwa nach New York, Harvard, Oxford, Cambridge, London und Brüssel. Im Oktober 2024 erschien ihr zweites Buch „Empathie und Widerstand“, ebenfalls im Ullstein Verlag. Kristina Lunz hat zwei Masterabschlüsse, vom University College London und der University of Oxford. Sie arbeitete für die Vereinten Nationen in New York und Yangon, für eine NGO in Bogotá und als Beraterin im Auswärtigen Amt. Als Gastautorin für Campact schreibt sie über digitale Themen. Alle Beiträge

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