„Die gehört doch zu ihren ,Fachkräften‘ eingesperrt. Die ist ja irre“, kommentiert eine Person auf LinkedIn. Niemand reagiert. Unter einem anderen Beitrag behauptet dieselbe Person, in Deutschland würden Menschen, die „nicht regierungskonform“ seien und „selber denken“ könnten, als „Nazis“ diffamiert. Wieder keine Antwort.


Solche Aussagen stehen oft unkommentiert im Netz – nicht nur in geheimen Telegram-Gruppen, sondern auf LinkedIn. Auf der größten beruflichen Plattform der Welt treten Menschen mit Klarnamen auf, oft mit Profilfoto, Berufsbezeichnung und sogar ihrem Arbeitgeber. Trotzdem bleiben viele solcher Aussagen, die rassistisch, demokratiefeindlich oder NS-verharmlosend sind, ohne Widerspruch.
Viele merken sofort: Hier stimmt etwas nicht. Doch gerade politische Äußerungen wie diese sind oft schwerer zu fassen als plumpe Hasskommentare. Sie wirken weniger eindeutig, obwohl sie problematische Denkmuster transportieren. Selbst auf klar erkennbare Hasskommentare reagieren laut einer Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2024 nur 19 Prozent direkt, wenn sie ihnen im Internet begegnen.
Warum ist das so?
Ein Grund ist der Zweifel, überhaupt etwas bewirken zu können. 22 Prozent der Befragten fragt sich laut derselben Forsa-Umfrage, ob ihre Argumenten überhaupt etwas bewirken. Da passt: 53 Prozent sagen, dass im Internet ohnehin nicht wirklich diskutiert werde – Meinungen würden nur aneinandergereiht.
Willkommen im Campact-Blog
Schön, dass Du hier bist! Campact ist eine Kampagnen-Organisation, mit der sich 4,25 Millionen Menschen für progressive Politik einsetzen. Im Campact-Blog schreiben das Team und ausgezeichnete und versierte Gast-Autor*innen über Hintergründe und Einsichten zu progressiver Politik.
Johannes Giesler und Maria Timtschenko schreiben seit 2023 den Newsletter „Wie Rechte reden“, in dem sie einmal pro Woche rechte bis rechtsextreme Aussagen analysieren. Im Campact-Blog zeigen sie anhand konkreter Beispiele, wie Menschen auf demokratiefeindliche Aussagen reagieren können.
Hinzu kommt die Angst, selbst Ziel von Hass zu werden. Neun Prozent der Befragten gaben an, aus Angst vor Hate Speech nicht direkt zu widersprechen. Gerade bei politischen Themen entsteht so ein Einschüchterungseffekt: In einer anderen Studie gaben über die Hälfte der Online-Nutzer*innen an, aus Angst vor Hass oder digitaler Gewalt ihre politische Meinung nicht mehr online zu äußern. Dieses Schweigen verzerrt das Bild davon, wie es tatsächlich um die Meinungsvielfalt steht.
Wer kaum Widerspruch wahrnimmt, kann außerdem leicht glauben, mit der eigenen Haltung allein zu sein. Und dieses Gefühl spiegelt eine reale Entwicklung wider: Die Leipziger Autoritarismus-Studie 2024 zeigt, wie weit autoritäre und rassistische Deutungsmuster in der Gesellschaft verbreitet sind. Der Aussage „Die Ausländer kommen nur hierher, um unseren Sozialstaat auszunutzen“ stimmten 33,2 Prozent zu. Solche Haltungen sind also kein Randphänomen. Sie sind gesellschaftlich weit verbreitet.
Und wie oft hat man überhaupt im richtigen Moment die passenden Gegenargumente parat? Viele Menschen spüren zwar, dass mit einer Aussage etwas nicht stimmt, können aber nicht sofort benennen, was genau. Auch das kann dazu führen, lieber nichts zu sagen.
Warum es sich lohnt, in die Gegenrede zu gehen
Trotzdem lohnt es sich, in die Gegenrede zu gehen. Denn Gegenrede richtet sich nicht nur an das Gegenüber – sie spricht alle an, die mitlesen. Man kann sich das wie eine Talkshow vorstellen: Die Teilnehmenden sitzen zwar zusammen am Tisch, aber gesprochen wird immer auch für die Zuschauenden. Ähnlich ist es in Kommentarspalten, Familienchats oder Diskussionen in der Kantine. Wer widerspricht, versucht nicht nur, das Gegenüber zu überzeugen. Er oder sie zeigt auch anderen, dass diese Aussage nicht normal, nicht harmlos und nicht unwidersprochen ist.
Es gibt experimentelle Forschung dazu, dass bestimmte Formen von Gegenrede – besonders solche, die dazu anregen, die Perspektive zu wechseln – rassistische Hassrede in sozialen Medien eindämmen und verhindern kann, dass sie sich weiter verbreitet.
Ähnliches zeigte eine journalistische Studie. Hier wurde deutlich, dass unkritische Interviews mit extrem rechten Akteur*innen für mehr Zustimmung zu deren Positionen bei den Zuschauenden sorgen. Wer kritisch einordnete, verhinderte zumindest, dass die Zustimmung wuchs. Widerspruch überzeugt also nicht immer sofort – aber er verändert, wie Aussagen auf andere wirken.
Wichtig ist, sich bewusst zu machen: Auch wenn extrem rechte Narrative sichtbarer geworden sind, sind sie nicht automatisch mehrheitsfähig. Laut Mitte-Studie 2025 lehnen über drei Viertel der Deutschen ein rechtsextremes Weltbild ab. Gegenrede kann helfen, diese oft stille Mehrheit sichtbar zu machen.
Und besonders im privaten Umfeld kann es sich lohnen, im Gespräch zu bleiben. Eine Expertin aus der Beratungsarbeit zu Weltanschauungen und Verschwörungserzählungen empfiehlt: Bei nahestehenden Menschen den Kontakt nicht vorschnell abbrechen – weniger urteilen, mehr fragen. Gerade dort, wo Vertrauen besteht, kann es sinnvoll sein, hart in der Sache und zugleich sanft in der Beziehung zu bleiben.
In die Gegenrede zu gehen, ist anstrengend. Sie kostet Überwindung, Zeit und manchmal auch Nerven. Aber sie ist unser Versuch zu verhindern, dass Menschenfeindlichkeit unwidersprochen den Ton angibt. In den kommenden Monaten zeigen wir dir anhand konkreter Beispiele, wie du auf Gegenrede antworten kannst. Ab Juni erscheint hier jeden ersten des Monats ein neues Kapitel.