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Wissenschaftliche Hochschulen forschen nicht nur. Als Zentren demokratischer Kultur fördern sie den wissenschaftlichen Austausch sowie den Dialog und Wissenstransfer mit der weiteren Gesellschaft. Das Teilen von Wissen, spannende Dialoge und einfaches Vernetzen sind eigentlich die Paradedisziplinen von sozialen Medien. Aber eben nicht von allen.

Denn wer monopolhafte Social-Media-Plattformen für Wissenskommunikation nutzt, muss gegen intransparente Regeln sowie wissenschafts– und demokratieabweisende Zustände angehen. Wichtige Beiträge aus Forschung und Lehre gehen im Meer der Dopamin-Posts unter und sind für Außenstehende häufig nicht sichtbar.

Netzwerke für Wissen und Wissenschaft

Ist es Zeit für eine Kommunikationswende? Sollte sich die Kommunikation von Wissen nicht länger an die unvorteilhaften Bedingungen von politisierten Plattformen anpassen, sondern sich vielmehr dezentral in sozialen Netzwerken aufbauen? Solche, die für Wissens- und Wissenschaftskommunikation optimiert sind? Also: DOI statt „Link in Bio“, #PublicMoneyPublicCode, #WissenschaftlicheIntegrität & #ZugangZuForschungsergebnissen.

Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) wird in diese Richtung gearbeitet. Das KIT betreibt eine eigene Social-Media-Plattform auf Basis der Software Mastodon. So wie Hochschulen, Verwaltungen und Unternehmen E-Mail-Server betreiben, über die Menschen miteinander kommunizieren können, lässt sich auch ein dezentrales soziales Netzwerk aufbauen. Darüber habe ich mit David Lohner gesprochen, Didaktiker und Learning Experience Designer am Nationalen Institut für Wissenschaftskommunikation (NaWik) und Leiter der Geschäftsstelle der Deutschen Gesellschaft für Hochschuldidaktik (dghd).

Friedemann Ebelt: Seit wann und warum betreibt das KIT einen eigenen Mastodon-Server?

David Lohner: Die Instanz ist seit Juli 2025 im Betrieb, die Vorbereitungen dafür dauerten mehr als zwei Jahre; dabei ist allerdings zu beachten, dass es sich um ein von nur wenigen engagierten Personen getragenes Bottom-Up-Vorhaben war. Ausgangspunkt waren Überlegungen, für Studierende in der Medienpädagogik eine „Spielwiese“ zu haben, um offene Netzwerke zum explorativen Lernen zu nutzen und so einen Gegenentwurf zu den profitorientierten Social-Media-Konzernen kennenzulernen.

Auf diese Weise hätten Medienbildung und Demokratiebildung sich die Hand gegeben. Tatsächlich haben juristische Fragen die Trajektorie des Vorhabens dahingehend verändert, zunächst eine Mastodon-Instanz für Institutionen des KIT zu installieren. Das erklärte Ziel war und ist es aber, Angehörigen einer öffentlichen Bildungs- und Forschungseinrichtung einen niederschwelligen Zugang zu offenen Netzwerken zu ermöglichen. 

Was hat dazu geführt, dass der KIT-Server nun auch für Mitarbeitende geöffnet wurde? Was bedeutet das und welche Vorteile bringt das für das KIT und die Mitarbeitenden?

Seit April 2026 ist die Instanz nun auch für Mitarbeitende geöffnet. Zwischen der initialen Öffnung für institutionelle Accounts und dem aktuellen Stand konnten zahlreiche juristische und organisatorischen  Fragen innerhalb des KIT geklärt werden, darunter Fragen nach einer koordinierten Moderation der Instanz, rechtlichen Abwägungen zum Zugang, Einbezug und Zustimmung der Betriebsräte mehrerer KIT-Standorte. Ebenso Fragen des technischen Betriebskonzepts inkl. Updates, Backups – derzeit laufen Gespräche zur Archivierung der Beiträge auf der Instanz.

Es war uns ein Anliegen, den Prozess sauber abzubilden und den Betrieb langfristig innerhalb der Infrastrukturen des KIT sicherzustellen. Dazu mussten alle betroffenen Akteure eingebunden werden.

Mitarbeitende erhalten mit ihrem Dienstaccount Zugriff auf die Instanz, die analog zur Dienst-E-Mail und ähnlichen Services nun zum Portfolio der IT-Ausstattung am KIT gehört. Nach außen erhalten Mitarbeitende des KIT so einen Account, der ihre Affiliation zu einer der reputationsstärksten deutschen Universitäten zeigt, da jedes Mastodon-Handle auf dem Instanznamen @social.kit.edu endet.

Wie funktioniert Wissens-  und und Wissenschaftskommunikation in dezentralen sozialen Netzwerken im Unterschied zur Kommunikation auf privat-kommerziellen Plattformen wie X, Instagram oder TikTok?

Aus der Perspektive der Nutzenden auf den ersten Blick sehr ähnlich: Man folgt interessanten Accounts, reagiert auf deren Beiträge, interagiert mit anderen Nutzenden und teilt eigene Kurznachrichten; wahlweise mit Bildern oder Videos. Anders als bei den privat-kommerziellen Angeboten gibt es nicht das eine Nutzer-Verzeichnis, sondern viele miteinander verbundene Knoten. Anstelle eines kurzen Usernamen benötigt man nun die vollständige Adresse, z.B. @VornameNachname@social.kit.edu – also ganz analog wie bei der klassischen E-Mail.

Einer der größten Vorteile ist aber, dass Wissenschaftskommunikation über Mastodon und andere dezentrale Dienste im Fediverse per Definition öffentlich stattfinden: Anders als bei X oder Instagram benötige ich keinen Account, um nur lesend dabei zu sein. Dazu kommt, dass Nutzende nicht getrackt werden, um ihnen Werbung auszuspielen, sondern einfach ihren Interessen folgen können. Die komplette Infrastruktur läuft innerhalb der Hochschule, die keine Gewinnabsichten verfolgt. Das gibt Wissenschaftler:innen die Freiheit, wirklich authentisch und jenseits von suchterzeugenden Algorithmen und Clickbaiting ihre Inhalte zu kommunizieren.

Jede Hochschule betreibt oder mietet einen eigenen E-Mail-Server. Die E-Mail-Adresse der eigenen Hochschule ist die digitale Visitenkarte für Studierende und Mitarbeitende. Warum ist das bei sozialen Medien anders – wo liegen hier die Herausforderungen?

Die Social-Media-Accounts von Wissenschaftler:innen sind bisher streng genommen alle eine Privatangelegenheit. Es gibt Social-Media-Leitlinien, aber die Hochschulen haben – anders als bei den eigenen E-Mailservern – keine Kontrolle über die Daten, die dadurch entstehen. Mit einer eigenen Instanz im Social Web ändert sich das, sodass auch diese durch die Institution verifizierten Konten eine digitale Visitenkarte werden könnten, sogar eine besser sichtbare als es die E-Mail derzeit ist. Wie bei der E-Mail bedarf es der gesamten „Adresse“, um bestimmte Nutzende zu erreichen.

Durch die dezentrale Architektur des Fediverse ist es zudem noch mit deutlich mehr Aufwand verbunden, Suchanfragen an das gesamte föderierte Netz zu stellen; eben weil es keine zentrale Datenbank gibt. Es ist davon auszugehen, dass diese Herausforderung einer umfassenden und einfach zu bedienenden Suche gelöst werden wird: Das Fediverse erfährt derzeit große Aufmerksamkeit, es wird an vielen Ecken und enden gleichzeitig geschraubt und gehämmert. Diese schnellen Entwicklungen sind Nutzende von den großen Plattformen nicht mehr gewohnt, die meist nur den Status Quo erhalten wollen um ihren Profit zu maximieren.

1984 hat der Vorgänger des heutigen KIT den ersten deutschen E-Mail Server im Internet eingerichtet. Heute ist E-Mail der Standard. Wird es mit offenen, dezentralen sozialen Medien auch so gut laufen?

Diese Kausalkette wirkt etwas verkürzt, ist aber eine schöne Analogie: Wir hoffen und tun unser Bestes, als gutes Beispiel voranzugehen. Denn wir sind davon überzeugt, dass die Förderung offener Standards das Ethos eines offenen, wissenschaftsorientierten Weltbildes widerspiegelt – womit wir als Forschungs- und Bildungseinrichtung gesellschaftlichen Impact leisten wollen.

Gibt es am KIT oder auch an anderen Hochschulen Pläne und Ideen für weitere Schritte in Richtung unabhängige, öffentliche Kommunikation?

Wir stehen mit verschiedenen Akteuren in Kontakt, die sich für unser Vorgehen interessieren und arbeiten an einer ausführlicheren Dokumentation einzelner Prozessschritte, die wir gegangen sind. Ein erster Schritt dazu war die Veröffentlichung eines Erfahrungsberichts in den DFN-Mitteilungen – die Strukturen an Hochschulen sind aber unterschiedlich, sodass es keinen goldenen Pfad gibt, den alle gleichermaßen beschreiten können. Je mehr Content in freien Netzwerken ist, umso attraktiver werden die Plattformen des Fediverse auch für eine breite Nutzerschaft. Wir wollen nicht länger ein Henne-Ei-Problem beschreiben, sondern wollen zu den Early-Adoptern zählen, die den künftigen Diskursraum der Wissenschaft selbst aktiv mitgestalten!


Nicht nur Wissenschaft!

Am Aufbau offener sozialer Netzwerke beteiligen sich neben Hochschulen auch Stiftungen, Behörden, Unternehmen, Politiker*innen und Prominente. Einen aktuellen Überblick hat die 2MR-Konferenz Anfang Mai geliefert. Alle Videos des Festivals der guten Social-Media-Beispiele sind frei zugänglich, natürlich in einem offenen Netzwerk. Mit stiftungen.social beteiligen sich jetzt auch 16 Stiftungen an offener Social-Media-Kommunikation.

Anlässlich der re:publica 2026, auf der dezentrale soziale Medien an mehreren Stellen Thema waren, haben das Aktionsbündnis neue soziale Medien und Wikimedia Deutschland eine Broschüre für den Gelungenen Start im Fediverse veröffentlicht. Tatsächlich wird an allen Ecken und Enden „geschraubt und gehämmert“, so dass im Laufe des Jahres weitere positive Überraschungen zu erwarten sind.

Autor*innen

Friedemann Ebelt engagiert sich für digitale Grundrechte. Im Campact-Blog schreibt er als freier Autor darüber, wie Digitalisierung fair, frei und nachhaltig gelingen kann. Er hat Ethnologie und Kommunikationswissenschaften studiert und interessiert sich für alles, was zwischen Politik, Technik und Gesellschaft passiert. Sein vorläufiges Fazit: Wir müssen uns besser digitalisieren! Alle Beiträge

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