Klassische Geschichten folgen einem ganz einfachen Prinzip: Der Held hat ein Problem, scheitert zunächst und löst es am Ende doch. Dazwischen fühlt das Publikum im besten Fall ein paar Emotionen. Beim Wal, der an sämtlichen Küsten Mecklenburg-Vorpommerns und zuletzt vor Poel gestrandet ist, funktioniert das nicht: Er liegt einfach da. Umso perfekter für alle anderen, denn Emotionen gibt es trotzdem zuhauf. Diese Geschichte lässt sich also am besten anhand der Menschen erzählen. Ein filmreifer Dreiakter.
Erster Akt – Wal taucht auf, Minister staunt
So ein großes und schweres Problem hatte Mecklenburg-Vorpommerns Landwirtschaftsminister noch nie – und das, obwohl der SPDler Till Backhaus seit 1998 im Amt ist. Zwölf Meter lang und zwölf Tonnen schwer ist der Wal – mal Timmy, mal Hope genannt –, und damit nicht mehr wegzuignorieren. Mehrmals strandet er, zwei Monate lang liegt er in Sichtweite an den Küsten herum. Will er leben? Sterben? Rausschwimmen? In Ruhe gelassen werden? Oder mit einem Kran in die Nordsee ziehen?
Das weiß niemand. Naja, außer vielleicht die Frau, die von einer Fähre über Bord springt, zu ihm schwimmt und mit ihm singt. Was genau er gesagt hat? Unklar. Dann gibt es natürlich noch die Expert:innen, zum Beispiel vom Deutschen Meeresmuseum oder vom Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung. Die können zwar nicht mit Walen sprechen, beschäftigen sich aber seit Jahrzehnten mit den Meeressäugern. Ihre Prognose für das Tier: schlecht. Ein Gutachten, datiert auf den 7. April, stellt fest: Haut deutlich verdickt, blasig und rissig. Tier schwächer als bei vorangegangenen Sichtungen. Gesundung unwahrscheinlich. Das Tier erlösen? Geht auch nicht. „Da das Tier mit den mehrfachen Strandungen und Befreiungsaktionen auch von den Netzen und Seilen eine extreme Belastung in den letzten Wochen erfahren hat, sollte das Tier aufgrund seines jetzigen Zustandes in Ruhe gelassen und nicht gestört werden.“ Diese Einschätzung wird von internationalen Expert:innen gedeckt, von den Emotionen der Menschheit allerdings nicht. Ab sofort gibt es täglich Demos, die sich selbst als walfreundlich empfinden. Das Credo: Die lassen den im Stich, obwohl es Hoffnung gibt. Ein Wal wird zu Hope, man will an das Gute, eine Zukunft glauben.
Der ewige Landwirtschaftsminister zeigt sich mitfühlend, wirkt aber ratlos. Vertraut er den Expert:innen, die Krankheit und Sterben für möglich halten und einen zugegeben grausamen Stillstand empfehlen, wird der Minister von Demonstrierenden wegen Tatenlosigkeit kritisiert. Aufgrund Morddrohungen bekommt er Personenschutz, auch die Wissenschaftler:innen berichten Ähnliches.
All das passiert vor den Augen der Welt: Internationale Medienteams reisen an und richten ihre Kameras auf den Wal, der sich immer noch nicht bewegt. Weil er ja gestrandet ist.
Zweiter Akt – Likes für Leid, der Hype entsteht
Die Lage spitzt sich zu. Backhaus ist sich jetzt sicher: Das sei die „schlimmste Hölle, die ich je als Minister erlebt habe“ – und er ist immerhin der Minister, der bundesweit am allerlängsten auf einem Posten saß. Regierungschefin Manuela Schwesig (ebenfalls SPD) ist schlau und folgt dem Ressortprinzip – Minister entscheiden im Rahmen ihrer Zuständigkeiten eigenständig und nach eigenem Ermessen. Sie hält sich raus.
Lauter als Wissenschaft und Medien: KI-generierte Schlagersongs, esoterische Walflüsterinnen, rechtsextreme Naturschützer in wütenden TikToks. Gefühle klicken besser als Fachwissen – weil alle sie kennen. Plattformökonomie hilft: Traurige Bilder vom Wal kursieren auf Social Media, es hagelt Likes für Leid. Rechtsextreme lieben das, auch rechtsextreme Naturschützer. Die Welt ist kurz verstört, dass es rechte Ökos gibt. In MV, das bei völkischen Siedlern wohl beliebteste Bundesland, kennt mans. Ein dahinsiechendes Lebewesen und dazugehörige Emotionen helfen, Forschung und Regierung zu diskreditieren. Das Tor der Verschwörungstheorien öffnet sich. Die Top 3:
- Der Staat lässt den Wal sterben, um zu sparen.
- Die Wissenschaft will dem Wal ans wertvolle Skelett.
- Schreibt man den Walnamen seitenverkehrt, steht da „Adolf“ statt Hope.

40 Kilo Zinksalbe und eine Tierärztin aus Hawaii
Die Wut auf die Regierung wächst – und entlädt sich beispielsweise anhand von Morddrohungen in Rapsongs. Berliner Künstler hingegen schlagen vor, den Wal in die Luft zu sprengen, und gehen damit viral. KI-generierte Lyrics wie “Er hat sich das nicht ausgesucht” verbreiten sich in den sozialen Medien, Schlager im Ohr, Lyrics sinngemäß: Jemand wird im Stich gelassen, die anderen stehen nur herum und reden, unternehmen aber nichts. Der Wal scheint nicht mehr Thema, sondern Anlass zu sein für etwas, das lange rumorte. Menschen fühlen viele Gefühle.
Der Wal wird erstmal mit 40 Kilo Zinksalbe eingecremt und bewässert. Die einen empören sich, weil dem Tier nicht geholfen wird; die anderen empören sich, weil allen anderen Tieren nicht geholfen wird, und dann sind da noch die Menschen, die darauf hinweisen, dass seit dem Auftauchen des Wals insgesamt mehrere Hundert Menschen im Mittelmeer ertrunk—- Halt! Zurück nach MV!
Pferdeunternehmerin mit Geld
Dann kommt das Geld und mit diesem der Höhepunkt der Story. Die ZEIT nennt das: Die absurde Timmy-Verschwörung. Und ermittelt: Zwei reiche Leute – eine Berliner Pferdesportunternehmerin und ein Mitgründer von MediaMarkt – wollen endlich handeln und bezahlen die Rettungsmission. Ihre Rettungsidee besteht darin, das Tier – also das Problem – in die Nordsee zu verfrachten, mit einem Kran.
Das Rettungsteam bildet sich. Eine Hawaiianische Tierärztin reist an, postet dem Stralsunder Meeresmuseum auf Instagram ein „großes, fettes F@ck You„, wirft ihm vor, nur das wertvolle Walskelett zu wollen – und reist am nächsten Tag wieder ab. Den Männern im privaten Rettungsteam bescheinigt sie im Interview mit dem NDR, auch nur Männer mit zu großen Egos zu sein. Gemeint sind: ein Walflüsterer aus Peru sowie ein tätowierter Tiktoker, zuletzt als Mitorganisator des rechtsradikalen Bündnisses „Gemeinsam gegen Deutschland“ das Megaphon in der Hand. Der Landwirtschaftsminister lässt das Team gewähren, von Extremismus grenzt er sich öffentlich ab, Hände schüttelt er dennoch. Obwohl wenig geschieht, ist in MV selten so viel geschehen.
Dritter Akt – Die Reichen greifen ein
Die Lokalmedien in MV – Ostsee-Zeitung, Nordkurier und die Schweriner Volkszeitung – setzen unterschiedliche Schwerpunkte. Anhand der Suchfunktion auf der Website des Nordkurier lassen sich allein auf den 29. April datiert sieben Artikel finden, die mal den Waltransport thematisieren, mal einen Experten Tierquälerei bemängeln lassen, mal die Einwohner:innen in Poel besuchen. Mitte April sitzt der Nordkurier-Chefredakteur bei einer AfD-Veranstaltung auf der Bühne. Sein Team recherchiert währenddessen Hintergründe über Rechtsextreme, die an der Walmission beteiligt sind. Bei der Ostsee-Zeitung geht es am 29. April in vier Artikeln unter anderem um den Waltransporter als riesigen Glücksfall, ein Waldenkmal in Poel mit enormem Marketingpotenzial und einen Besuch bei Einwander:innen. Die Bild lässt den AfD-Landeschef den Vorwurf formulieren, Backhaus missbrauche den Wal zu Wahlkampfzwecken. Sogar das Medienmagazin ZAPP hinterfragt nicht nur die Rolle der anderen Medien, sondern kritisiert die eigene. Auch überregionale Medien stellen sanft die Frage, was da in Deutschland gerade los ist.
Zu guter Letzt heißt es Abfahrt. Der Wal wird in die Nordsee geschippert und dort entlassen. Expert:innen und Greenpeace munkeln, dass das Tier womöglich einfach nicht mehr vor unser aller Augen, sondern auf offener See stirbt. Beweisen kann das niemand, irgendwas stimmt mit dem verfluchten GPS-Tracker nicht. Bei einer Pressekonferenz etabliert Backhaus eine neue Vokabel, er sagt: am Wal sein. Und er sagt häufig: Wir. Womit nicht genau klar ist, ob er sich und das Rettungsteam meint, oder sich und den Wal oder nur sich, aber im Plural.
Das Tier jedenfalls ist dem Wir nach zwei Monaten entronnen und ab sofort in der Nordsee wieder auf sich gestellt. Ist das das Ende? Scheinbar nicht! Am Tag der Freilassung kommt ein Artikel mit der Überschrift: „Wütende Geldgeber:innen kritisieren Freilassungsaktion von Timmy“, so der Tagesspiegel. Später wird die an der Rettungsmission beteiligte Tierärztin kritisieren, die Männer hätten den Wal ins Wasser gezogen, sie als Expertin nicht befragt. Bilder gibt es davon nicht.
Was bleibt nach der Show?
Möglicherweise die Erkenntnis, dass Aufmerksamkeit nicht denen gehört, die am meisten wissen – sondern denen, die am lautesten emotionalisieren. Und dass nicht diejenigen die Entscheidungen treffen, die sich am besten auskennen – sondern die, die am meisten Geld haben. Den Wal kann niemand fragen. Er, Held der Geschichte, hatte am Anfang ein Problem (Strandungen), scheiterte (Krankheit), aber verändert wurde für ihn nur der Ort. Den Menschen bleibt die Projektion.
Till Backhaus hat 157 Anzeigen und 47 Strafanzeigen kassiert und wappnet sich schon für den nächsten Wal. Er glaubt, dass das Tier bei Poel als Vorbote des Klimawandels kein Einzelfall bleibt. In jedem guten Film stünde am Ende der Show der Hinweis: To be continued.
Hier bitte nicht.