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„Zum ersten Mal leben wir in einer Welt, in der wir ein Mediensystem, ein Social-Media-System haben, das die extremsten, empörendsten Aussagen fördert – und diese dann auch noch finanziell belohnt“, das sind die Worte der Historikerin Anne Applebaum beim Atlantic Festival in New York im September vergangenen Jahres. Und sie fuhr fort: „Das bedeutet, dass der Instinkt der meisten Menschen – nämlich gemäßigt zu sein, ruhig zu bleiben, Konsens zu schaffen, also genau das zu tun, wofür unser politisches System eigentlich gedacht ist – durch diesen sehr, sehr lauten Lärm besiegt wird.“

Im Englischen würde man sagen: She nailed it.

Applebaum trifft einen zentralen Punkt unserer Zeit. Denn ihre Beobachtung hilft, viele Entwicklungen besser zu verstehen, die oft getrennt voneinander diskutiert werden: die zunehmende Polarisierung unserer Gesellschaften, die Radikalisierung politischer Debatten, den Aufstieg autoritärer Bewegungen und der Tech-Broligarchie, die Erosion demokratischer Institutionen und nicht zuletzt die Frage, weshalb sich so viele Menschen trotz permanenter Vernetzung zunehmend entfremdet und allein fühlen.

Soziale Medien verstärken Polarisierung

Wir diskutieren oft über die Inhalte unserer gesellschaftlichen Konflikte: über Rechtsextremismus, Antifeminismus, Desinformation, Verschwörungserzählungen oder die zunehmende Polarisierung unserer Gesellschaft. Viel seltener sprechen wir jedoch über die Infrastruktur, die diese Entwicklungen verstärkt. Über die Logik einer digitalen Öffentlichkeit, in der Aufmerksamkeit zur wichtigsten Ressource geworden ist. In der diejenigen die größten Chancen auf Sichtbarkeit haben, die am lautesten, am zugespitztesten und am empörtesten auftreten.

Wer heute Reichweite aufbauen möchte, lernt schnell, welche Mechanismen funktionieren. Differenzierung wird selten belohnt. Zweifel wirken schwach. Komplexität verliert gegen Eindeutigkeit. Besonders erfolgreich sind politische Inhalte, die starke Emotionen auslösen, klare Freund-Feind-Bilder zeichnen und dem Publikum das Gefühl vermitteln, Teil einer moralisch überlegenen Gemeinschaft zu sein. Die erfolgreichste Strategie scheint oftmals darin zu bestehen, möglichst häufig Empörung zu produzieren und dabei den Eindruck zu erwecken, selbst im Besitz der Wahrheit zu sein.

Gerade letzteres bereitet mir Sorge. Denn wer behauptet, die Wahrheit zu besitzen, verdient Misstrauen. Wenn Ihnen auf Social Media jemand begegnet, der vorgibt, die Wahrheit zu kennen, dann laufen Sie. Ganz schnell, ganz weit weg. Genau dort beginnt häufig das Autoritäre.

Demokratie akzeptiert viele Wahrheiten

Die Politikwissenschaft vermeidet bewusst den Begriff der Wahrheit. Nicht weil alles relativ wäre, sondern weil sie davon ausgeht, dass wir die Welt immer nur ausschnitthaft wahrnehmen. Jede und jeder von uns blickt aus einer bestimmten Perspektive auf die Realität. Unsere Erfahrungen, unsere sozialen Kontexte und unsere Biografien prägen, was wir sehen und was wir übersehen.

Demokratie ist deshalb nicht das politische System der Wahrheitsbesitzer:innen. Demokratie ist das politische System, das anerkennt, dass niemand von uns die ganze Wahrheit kennt und wir deshalb Verfahren benötigen, um trotz unterschiedlicher Perspektiven zu gemeinsamen Entscheidungen zu gelangen.

In meinem Buch Empathie und Widerstand habe ich über die Gefahren ideologischen Denkens und Handelns geschrieben. Überzeugungen sind wichtig. Sie geben Orientierung und helfen uns, Position zu beziehen. Problematisch wird es dort, wo Überzeugungen nicht mehr als vorläufige Schlussfolgerungen verstanden werden, sondern als unumstößliche Gewissheiten.

Haben wir die Fähigkeit zum demokratischen Streit verloren?

Der Psychiater und Neurowissenschaftler Philipp Sterzer argumentiert, dass wir unsere Überzeugungen eher als Hypothesen betrachten sollten, die grundsätzlich falsifizierbar bleiben. Sobald wir aufhören, sie zu hinterfragen, entsteht ideologische Starre.

Wer nicht mehr bereit ist, sich von besseren Argumenten überzeugen zu lassen, verliert die Fähigkeit zum demokratischen Streit. In Sozialen Medien gibt es keine Debatten, es gibt Haltungs-Reaktion und Abwertung auf Haltungs-Reaktion und Abwertung. Die Fähigkeit zum demokratischen Streit scheint längst verloren.

Plattformen belohnen selten diejenigen, die Unsicherheit sichtbar machen, ihre Meinung korrigieren oder Ambivalenzen aushalten. Belohnt werden jene, die schnell reagieren, klare Urteile fällen und maximale Gewissheit ausstrahlen. Der Holocaust-Überlebende und Psychiater Viktor Frankl schrieb einst: „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht, unsere Reaktion zu wählen.“ Dieser Raum scheint im digitalen Zeitalter immer kleiner zu werden.

Die Kulturwissenschaftlerin Annekathrin Kohout beschreibt in ihrem Buch Hyperreaktiv, wie Reaktionen zur eigentlichen Währung der digitalen Öffentlichkeit geworden sind. Nicht mehr die Qualität eines Gedankens entscheidet über seine Reichweite, sondern die Intensität der Reaktion, die er hervorruft.

Die neuen digitalen Autoritäten legitimieren sich immer seltener durch die Tiefe ihrer Analyse, sondern zunehmend durch die Resonanz auf ihre Deutungen. Aufmerksamkeit erzeugt Aufmerksamkeit. Empörung erzeugt Empörung. In den Sozialen Medien gibt es sehr viel Meinung bei zunehmend abnehmender Expertise und Wissen.

Dabei ist diese Logik keineswegs auf die politische Rechte beschränkt. Die Methode, öffentliche Aufmerksamkeit über Skandalisierung, Zuspitzung und permanente Aufregung zu erzeugen, wurde von Boulevardmedien über Jahrzehnte perfektioniert – die BILD-Zeitung ist dafür ein besonders anschauliches Beispiel. Viele progressive Menschen haben genau diese Mechanismen stets kritisiert und ihnen vorgeworfen, gesellschaftliche Spaltung zu befördern und demokratische Debatten zu verflachen.

Umso bemerkenswerter ist es, wie selbstverständlich ähnliche Strategien heute auch in linken und progressiven Kontexten Anwendung finden. Wer sich regelmäßig auf Social Media bewegt, begegnet zahllosen Accounts, deren Wachstum auf genau denselben Mechanismen beruht: maximale Zuspitzung, moralische Gewissheit, permanente Empörung und eine hohe Frequenz politischer Inhalte. Die politischen Ziele mögen andere sein. Die zugrunde liegende Kommunikationslogik ist jedoch oft dieselbe.

Man könnte auch sagen: Wir erleben die BILD-ifizierung progressiver Social-Media-Bubbles.

Das System belohnt Extreme

Natürlich funktioniert diese Strategie. Sie bringt Follower:innen, Reichweite, Einfluss und oftmals auch finanzielle Vorteile. Genau darauf hat Anne Applebaum hingewiesen. Wir haben ein System geschaffen, das Menschen dafür belohnt, extrem zu sein oder zumindest extreme Sprache zu verwenden. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob diese Strategie erfolgreich ist. Die entscheidende Frage lautet, welchen Preis wir bereit sind, für diesen Erfolg zu bezahlen.

Denn Demokratien leben nicht von maximaler Aufmerksamkeit. Sie leben von Vertrauen. Von Ambiguitätstoleranz. Von der Bereitschaft, andere Perspektiven auszuhalten und die eigene Position immer wieder zu überprüfen. Wenn die Logik der Empörung zur dominierenden Sprache unserer Öffentlichkeit wird, verlieren wir genau jene Fähigkeiten, die demokratisches Zusammenleben überhaupt erst ermöglichen.

Der kurzfristige Gewinn mag Reichweite sein. Der langfristige Preis fällt weit höher aus.

Autor*innen

Kristina Lunz ist Unternehmerin, Autorin und Menschenrechtsaktivistin. Sie leitet das gemeinnützige Centre for Feminist Foreign Policy, das sie 2018 mitbegründete. Für diese Initiative zählte Forbes sie 2019 zu den „30 unter 30“ in Europa. Im Mai 2024 erhielt sie den German Start-up Award als „Impact Entrepreneurin 2024“. Von 2022 bis 2024 beriet sie die Goalkeepers-Initiative der Bill & Melinda Gates Foundation zu den UN-Nachhaltigkeitszielen. Ihr 2022 veröffentlichter Bestseller „Die Zukunft der Außenpolitik ist feministisch“, inzwischen ins Englische übersetzt, führte sie auf internationale Bühnen – etwa nach New York, Harvard, Oxford, Cambridge, London und Brüssel. Im Oktober 2024 erschien ihr zweites Buch „Empathie und Widerstand“, ebenfalls im Ullstein Verlag. Kristina Lunz hat zwei Masterabschlüsse, vom University College London und der University of Oxford. Sie arbeitete für die Vereinten Nationen in New York und Yangon, für eine NGO in Bogotá und als Beraterin im Auswärtigen Amt. Als Gastautorin für Campact schreibt sie über digitale Themen. Alle Beiträge

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