Vor Kurzem saß ich auf einer Parkbank am riesigen Kreisel am Neustrelitzer Markt. Ich war verabredet und die Person, auf die ich wartete, war noch nicht da. Keine drei Minuten dauerte es, bis ein Fahrrad neben mir hielt und fragte: „Einsam?“ Vor mir stand jemand, der mir innerhalb unseres vielleicht fünfminütigen Gesprächs von seiner Obdachlosigkeit erzählte, mir eine Probefahrt mit seinem E-Bike anbot und eine seltene Keckness transportierte. Nicht mal drei Minuten kann man in Neustrelitz also einsam sein!
Wie sieht Einsamkeit aus?
Die Begegnung hat mich auf verschiedenen Ebenen verblüfft. Einerseits, weil ich mich nicht erinnern kann, dass ich mich je einsam gefühlt hätte. Irgendwie scheint das nicht in meiner Persönlichkeitsstruktur verankert zu sein, war meine These. Und andererseits, weil Einsamkeit für mich ganz anders aussieht als eine Mitte-30-Jährige an einem sonnigen Tag auf einem Marktplatz.
Dieses Bild ist offensichtlich falsch. Denn Einsamkeit ist ein riesiges Problem, das absolut alle zu jedem Zeitpunkt treffen kann, unabhängig davon, wie alt man ist, wo man lebt und herumsitzt oder wie viel Geld im Portemonnaie ist – und es hat schwerwiegende individuelle Auswirkungen, beeinflusst aber auch demokratisches Zusammenleben. Besonders in Mecklenburg-Vorpommern.
Armut macht einsam
Der Weltgesundheitsorganisation zufolge ist weltweit jeder sechste Mensch von Einsamkeit betroffen. In Deutschland fühlt sich jede sechste Person häufig einsam – klingt wenig, sind aber 12,2 Millionen Menschen. Also ein bisschen mehr Menschen, als in Baden-Württemberg leben, oder viermal die Bevölkerung Berlins. Woran liegts? Krankheiten, Alleinleben, fehlende Bildung oder niedrige Einkommen, die weniger soziale Kontakte ermöglichen, sowie digitale Technologien sind einige der genannten Gründe.

Dazu gibt es einsamkeitsbegünstigende Faktoren. Menschen, die Care-Arbeit leisten, sind einem höheren Risiko ausgesetzt, genau wie Menschen mit Migrations- oder Fluchterfahrung. Besonders gefährdet sind armutsbetroffene Menschen, weil sie weniger oder gar nicht an der auf Konsum ausgerichteten Gesellschaft teilnehmen können. Ein Treffen im Café ist für viele finanziell schlicht nicht machbar, die Umstände schambehaftet. Daraus entsteht eine Wechselwirkung. Krankheit macht einsam, aber Einsamkeit macht auch krank.
So schlimm wie 15 Zigaretten am Tag
Obwohl das Phänomen also omnipräsent zu sein scheint, ist es gar nicht so leicht, es zu greifen. Denn Einsamkeit hat viele verschiedene Facetten. Man kann sie danach unterscheiden, wie lange sie dauert: vorübergehend, situationsbedingt oder chronisch über Jahre. Man kann sie danach unterscheiden, was fehlt: eine enge emotionale Bindung oder ein breites soziales Netzwerk. Und man kann sie danach unterscheiden, welche Gefühle sie begleiten: Ärger, Scham, Hoffnungslosigkeit, Angst vor Zurückweisung oder Ausweglosigkeit.
Das alles hat einerseits schwerwiegende Folgen für die Einzelpersonen. Denn einsame Menschen haben nicht nur schlechte Gefühle, ihre Gesundheit ist auch gefährdet. Festgestellt wurden beispielsweise Depressionen sowie ein höheres Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle. Außerdem ist sogar die Lebenserwartung statistisch gesehen kürzer. Dem Ärzteblatt zufolge kann Einsamkeitsbelastung ungefähr so schädlich sein wie das Rauchen von 15 Zigaretten am Tag.
Einsamkeitshöchstwerte in MV
Einsamkeit ist aber nicht nur ein individuelles Gefühl, sondern birgt viele Probleme, die die Gesellschaft maßgeblich beeinflussen und in sie hinein wirken. Menschen mit einer erhöhten Einsamkeitsbelastung weisen zum Beispiel ein geschwächtes Vertrauen in demokratische Institutionen auf, wie eine Studie der Bertelsmann-Stiftung belegt. Ihr zufolge sind junge Menschen zwischen 16 und 30 Jahren mit Einsamkeitsgefühlen unzufriedener mit der Demokratie – und glauben vermehrt, dass es sich nicht lohnt, sich für die Gesellschaft zu engagieren.
Außerdem seien sich einsam fühlende Menschen anfällig für politische Entfremdung und Radikalisierung. Besonders problematisch scheint dabei nicht die soziale Isolation zu sein – sondern das Gefühl des „Außen vor seins“. Dieses Erleben hängt eng mit autoritären Einstellungen und Gewaltbereitschaft zusammen. Wer häufiger einsam ist, glaubt mit höherer Wahrscheinlichkeit an Verschwörungserzählungen, billigt politische Gewalt und stimmt autoritären Haltungen zu. Diese Menschen haben ein höheres Risiko, sich zu radikalisieren und demokratiefeindliche Einstellungen zu entwickeln.
Denke ich an junge radikalisierte Menschen in MV, fallen mir zuerst die stabilen burschenschaftlichen Strukturen in Greifswald ein. Dann die Erhebung der Opferberatungsstelle Lobbi MV, die belegt, dass vermehrt junge Täter:innen im vergangenen Jahr rechte Gewalt ausgeübt haben. Und dann die Tatsache, dass der instrumentalisierte Gigi-D’Agostino-Song schon viel früher in einer Disko in Pasewalk ganz im Osten von MV gesungen wurde, bevor er auf Sylt viral ging.
Wo die Politik ansetzen kann
Lässt sich Einsamkeit also lokalisieren? Gibt es geografische Unterschiede zwischen Einsamkeitsgefühlen in Deutschland? Oder vielleicht Erkenntnisse zu MV, wo gerade nachweislich vermehrt demokratische Strukturen wegbrechen? Eine Studie zeigt: In Mecklenburg-Vorpommern und im Norden Brandenburgs sieht es am düstersten aus. In diesen Gebieten fühlten sich die Befragten einsamer als in anderen Bundesländern. Entscheidend war dabei nicht, ob Menschen in Städten oder im ländlichen Raum leben – sondern wie weit das Zentrum einer Region entfernt liegt. Zur Erinnerung: Mecklenburg-Vorpommern ist das am dünnsten besiedelte Flächenland in Deutschland. Und ebenfalls eins, in dem sich Bevölkerungsstrukturen erheblich geändert haben, beispielsweise weil Menschen umziehen oder abwandern.
Aber wie kämpft man gegen etwas, das unsichtbar ist? Andere Länder haben nationale Strategien entwickelt. In Großbritannien gibt es beispielsweise einen Minister for Loneliness. Dort werden generationenübergreifende Wohnprojekte gefördert, genauso wie lokale Initiativen. Ähnlich ist es in Japan, wo eine der ältesten Gesellschaften der Welt lebt. Dort gibt es den Begriff Kodokushi. Er beschreibt das Phänomen, dass Menschen in ihren Wohnungen sterben und erst nach Wochen entdeckt werden. Auch dort werden lokale Initiativen gestärkt – und Live-Chats angeboten. Die Nutzung dieser bleibe allerdings unter Erwartung.
Auch in Deutschland wurde das Problem mittlerweile erkannt, verschiedene Strategien ausprobiert. Eine davon: die Angebotslandkarte gegen Einsamkeit. Aber auch auf der sieht man, dass das Angebot in MV spärlich ist und sich auf die größeren Städte begrenzt.
Top Nachbarinnen, weniger Einsamkeit
In Neustrelitz ist es wie gesagt nicht so leicht mit der Einsamkeit. Jedenfalls nicht, solange Menschen Begegnung suchen, anhalten und nachfragen, wie auf dem Marktplatz. Aber auf Zufällen allein lässt sich keine Gesellschaft bauen. Ob Menschen sich verbunden fühlen können und dürfen, entscheidet sich in Strukturen: offene Türen, bezahlbare Angebote und Orte, an denen Begegnung möglich ist. Für viele Menschen sind sogenannte dritte Orte essenziell, das sind offene, kostenlose Begegnungsräume wie Jugendzentren, Stadtteilcafés oder digitale Orte, die soziale Bindung und Interaktion ermöglichen.
Zwar gibt es auch hier in Neustrelitz auf den ersten Blick mehr Sanitätshäuser als Kulturangebote. Aber es gibt eben auch das Kulturquartier – dem möglicherweise künftig weniger Geld gewährt wird – und den eintrittsfreien Pingpong-Salon mitten in der Innenstadt. Für eine Reportage habe ich mich kürzlich mit einer Person getroffen, die dort regelmäßig zum FLINTA-Pingpong geht. Weil sie in Frührente ist, fiel es ihr schwer, nach einem Umzug in der Gegend Anschluss zu finden, hat sie mir anvertraut. Mit dem Pingpong-Salon hat sich das verändert. Sie ist dort nicht nur Teilnehmerin, sondern gestaltet mittlerweile auch selbst eigene Formate.
Solche Orte zeigen, was möglich ist – und können nicht nur direkt gegen Einsamkeit wirken, sondern offensichtlich auch Menschen halten. Einsamkeit lässt sich dort bekämpfen, wo Menschen sich im Alltag begegnen. Auch in Neustrelitz. Vielleicht sogar gerade dort.