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Anxhelina Haxhija Schwenk ist wütend – und damit nicht allein. Die Exil-Albanerin sucht 36 Jahre nach ihrem Umzug nach Berlin eine Rolle, wenn jetzt in ihrer Heimat Geschichte geschrieben wird. Vor wenigen Tagen sprach sie bei einer Kundgebung von Exil-Albaner*innen im Lustgarten am Berliner Dom. Die Flamingo-Revolution bringt seit Wochen Tausende auf die Straßen – in Tirana, anderen albanischen Städten und in der Diaspora: Mailand, Wien, Graz, Zürich, Frankfurt am Main und mehrfach auch Berlin. Allein am vergangenen Samstag zogen an die 200.000 Menschen auf den Boulevard in Tirana am Amtssitz von Ministerpräsident Edi Rama vorbei.

Das Loch in der Botschaft als Weg zur Freiheit

Anxhelina Haxhija Schwenk war schon vor Jahren mittendrin, als in Albanien Geschichte geschrieben wurde. Am 2. Juli 1990, damals 27 Jahre alt und im siebten Monat schwanger, gehörte sie zu den ersten, die in die bundesdeutsche Botschaft in Tirana flohen. Es war ein hochriskantes Unterfangen, das sie für eine bessere Zukunft auf sich nahm.

Anxhelina Haxhija Schwenk bei den Protesten der albanischen Diaspora in Berlin. Foto: Matthias Meisner

Fünf Jahre nach dem Tod des Langzeit-Diktators Enver Hoxha kämpfte das stalinistische Regime noch immer ums Überleben. Es hatte, wie man heute weiß, nur noch Monate vor sich. Ein Lkw-Fahrer namens Ylli Bodinaku hatte mit seinem Truck aus tschechoslowakischer Produktion – auf der Ladefläche seine Familie und sogar ein Schaf – die Rückwand der diplomatischen Vertretung durchbrochen. Die Nachricht vom Loch in der Mauer verbreitete sich schnell. Während der elftägigen Besetzung drängten sich über 3.000 Menschen auf das Botschaftsgelände. Die Zustände waren katastrophal: Es fehlte an allem, selbst an Trinkwasser.

In Verhandlungen mit dem Regime konnte erwirkt werden, dass die Botschaftsflüchtlinge mit Bussen in die Hafenstadt Durrës gefahren wurden. Bis zuletzt zweifelten alle, ob die Evakuierung eine Finte des Sigurimi genannten Geheimdienstes war. Doch die Fähre brachte Anxhelina Haxhija Schwenk, ihren damaligen Mann und ihre fünfjährige Tochter nach Brindisi. Von dort reisten sie 40 Stunden mit dem Zug nach West-Berlin, Bahnhof Zoo, Bahnsteig 1. Angekommen, „ohne Koffer, aber mit Träumen“. So wie auch die gut 3.000 anderen Botschaftsflüchtlinge, die später auf die Bundesländer verteilt wurden. Nicht alle durften bleiben – auch das gehört zu bitteren Wahrheit.

Eine Wutrede gegen den Turbokapitalismus in Albanien

In ihrer Rede im Lustgarten erinnert Anxhelina Haxhija Schwenk an die Botschaftsbesetzung vor 36 Jahren: „Wir waren die ersten Helden, die gegen die Diktatur gekämpft und Widerstand geleistet haben.“ Wenn der seit 2013 amtierende Ministerpräsident Rama jetzt behaupte, er habe „den Albanern ihre Würde zurückgegeben“, müsse sie klar widersprechen. Die Würde hätten sich die Albaner*innen selbst zurückerobert, und zwar mit Schweiß und ehrlicher Arbeit, ohne Drogen und ohne Diebstahl.

Heute hat der Turbokapitalismus den Stalinismus abgelöst – und das erzeugt diese große Wut.

Die Jugend wandert aus, weil sie sich keine Familie aufbauen kann. Die Mietpreise sind unbezahlbar, und deshalb sind junge Menschen gezwungen, bis zum Alter von 35 Jahren bei ihren Eltern zu leben.

Anxhelina Haxhija Schwenk

Anxhelina Haxhija Schwenk war als junge Frau Arzthelferin im Kinderkrankenhaus in Kombinat, einem Stadtteil von Tirana. Nun fehle es in weiten Teilen des Landes an Krankenhäusern. Stattdessen entstehen in Tirana Wolkenkratzer mit 20 oder 30 Stockwerken und „wunderbare Autobahnen“. Im Ausland würden Albaner*innen in den härtesten Berufen arbeiten, auf Baustellen bei manchmal minus 15 Grad. „Sie bauen das Land der Fremden auf und haben unser eigenes Land verlassen. Rama, du und deine Handlanger, ihr seid daran schuld!“

Flamingos müssen Trump-Tochter weichen

Die Pläne von Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner und seiner Frau Ivanka sind nur noch der Ausgangspunkt der Flamingo-Revolution. Die Trump-Familie will auf der bisher unbewohnten Insel Sazan in der der Nähe albanischen Hafenstadt Vlora und an der gegenüberliegenden Narta-Lagune ein Luxusresort errichten.

Ivanka Trump schwärmt von der „unglaublich schönen Privatinsel“. Man sei zu ihr geschwommen und dann barfuß hinaufgelaufen. Insel und Lagune sind nicht nur Lebensraum von Flamingos, sondern auch von anderen bedrohten Arten, wie Pelikanen, Mönchsrobben und Wasserschildkröten. Teile der Landschaft genossen daher bisher einen hohen Schutzstatus. Der wurde für das Bauprojekt teilweise aufgehoben – ohne die Bevölkerung in die Zukunft dieses wichtigen Naturgebiets einzubeziehen.

Der albanische Ministerpräsident Edi Rama überstützt das Milliardenprojekt der Trump-Familie. Wird das für ihn zum Problem? Ramas Partei nennt sich sozialistisch, was euphemistisch ist. Der Premier verkündete im Fernsehen: „Es gibt keine Chance, dass dieses Investment gestoppt wird, solange ich da bin.“

Bauprojekt als Stellvertreter für ein größeres Problem

Den Protestierenden aber geht es längst nicht mehr nur um den Gigantismus im albanischen Tourismus. Es geht um mehr: um Oligarchen, Korruption und eine Politikerkaste, die dabei ist, aus Albanien eine Autokratie zu machen. Edi Rama nimmt hier eine führende Rolle ein. Und damit ist er auch Zielscheibe. Seine „sozialistische Partei“ hatte im Mai 2025 zum vierten Mal in Folge die Wahlen gewonnen. Gleichzeitig hat das Land in den vergangenen Jahrzehnten mehr als eine Million Bürger*innen durch Migration verloren.

„Rama n‘burg, Berisha n’burg“, skandieren die Protestierenden in Berlin – „Rama ins Gefängnis, Berisha ins Gefängnis“. Es ist eine Parole, die auch bei den Flamingo-Demonstrationen in Tirana und anderen Städten immer wieder zu hören ist. Und die zeigt, dass die zivilgesellschaftliche Bewegung ganz generell der etablierten Politik misstraut. Auch Oppositionsführer Sali Berisha. Dem früheren Ministerpräsidenten von der Demokratischen Partei wird nachgesagt, mit Rama und seiner Partei in Abhängigkeit verbunden zu sein.

Lea Ypi: Oligarchen mit fatalistischer Gleichgültigkeit hingenommen

Die von Kushner ausgelösten Proteste könnten ein „leuchtendes Beispiel für Europa“ sein, schreibt die aus Albanien stammende und in London lebende Philosophin Lea Ypi im Guardian. Eben weil sie sich gegen die oligarchische Macht richten. Viel zu lange habe die Bevölkerung diese „mit derselben fatalistischen Gleichgültigkeit hingenommen wie eine Naturkatastrophe“. Einer ganzen Generation seien diese Fragen beigebracht worden: Wie rasch kann die Infrastruktur für den Tourismus ausgebaut werden? Wie schnell kann die Integration in die EU vorangetrieben werden? Wie werden Investoren ins Land gelockt? Nun aber frage sich eben diese Generation: „Muss Demokratie die Herrschaft einer Handvoll Superreicher sein?“

Lea Ypi ist von der Flamingo-Revolution fasziniert – und doch skeptisch. „Eine Bewegung ohne Führung, ohne Programm, ohne die nötige Infrastruktur für langfristiges Überleben ist bewundernswert. Und zugleich zerbrechlich. Führerlose Bewegungen lassen sich schwerer vereinnahmen, aber leichter unterwandern und zerstreuen.“

Gerüchte, sie könnte die Bewegung anführen, weist Ypi zurück: Nicht jede Kritik an der politischen Klasse mache schon aus jemand eine Politikerin. Und dann ist ja noch die Frage, ob Edi Rama überhaupt über die Massenproteste stürzt. Noch gilt bei politischen Analysten die Wahrscheinlichkeit dafür als relativ gering.

Zivilgesellschaft in Albanien erhebt sich

Etwas aber wird wohl mindestens bleiben: das von vielen Albaner*innen erhoffte Signal, dass ihr Land wieder eines werden kann, in dem Leistung, Bildung und Engagement wieder echte Zukunftschancen bieten. So jedenfalls sagt es Tea Lozi, Doktorandin an der Berliner Humboldt-Universität. Sie ist 27, also so alt, wie Anxhelina Haxhija Schwenk 1990 bei der Botschaftsbesetzung war.

Der Nachrichtensender news24 berichtet über die Proteste in der Hauptstadt Albaniens, Tirana. Untertitel: "Demonstranten gegen Ramas Regierung: 'Euer Ende ist gekommen!'" Rechts ist die Studentin Tea Lozi bei ihrer Rede zu sehen.
Screenshot: news24

Der Nachrichtensender news24 berichtet über die Proteste in der Hauptstadt Albaniens, Tirana. Untertitel: „Demonstranten gegen Ramas Regierung: ‚Euer Ende ist gekommen!'“ Rechts ist die Doktorandin Tea Lozi bei ihrer Rede zu sehen.

Vor wenigen Tagen ergriff Tea Lozi, als sie in ihrer Heimatstadt Tirana zu Besuch war, auf der Bühne vor Edi Ramas Amtssitz das Mikrofon. „Ich musste reden, mein Herz konnte nicht anders“, sagt sie. Im albanischen Fernsehen wurde ihre Rede live übertragen, ihr Wunsch nach einer „Chance für eine langfristige positive Entwicklung des Landes“. Es ist der Wunsch nach einem „neuen Albanien“ – auch das ist ein wichtiger Slogan der Flamingo-Revolution.

Anxhelina Haxhija Schwenk ist stolz auf die Proteste: „Es beeindruckt mich, dass so viele Menschen den Mut haben, für ihre Überzeugungen einzustehen und ihre Stimme zu erheben. Das zeigt, dass sich eine aktive Zivilgesellschaft entwickelt hat, die Verantwortung für die Zukunft des Landes übernehmen möchte.“ Man möchte das gern unterschreiben – und glauben.

Autor*innen

Matthias Meisner ist freier Journalist und Buchautor in Berlin und Tirana. Er schreibt als Gast-Autor für den Campact-Blog über Menschenrechte, Geflüchtete und die Bedrohung der Demokratie. Zuletzt veröffentlichte er 2025 im Dietz-Verlag Bonn gemeinsam mit Paul Starzmann das Buch "Mut zum Unmut – Eine Anleitung zur politischen Widerspenstigkeit". Infos unter www.meisnerwerk.de. Alle Beiträge

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